Originaltitel: Vormittagsspuk. Alternativtitel: Ghosts before breakfast. Deutschland, 1928. Regie: Hans Richter. Drehbuch: Werner Graeff. Darsteller: Paul Hindenmith. Schwarzweiß. 6 Min.
Mit "Vormittagsspuk" machte der Dadaist Hans Richter den entscheidenden Schritt, weg von seinen abstrakten, inhaltslosen Filmspulen, hin zu erzählender Filmkunst, wenn auch immer noch avantgardistisch und experimentell. Weg von seinem Formenspiel, hin zu greifbaren, reellen Gegenständen. Ja, in "Vormittagsspuk" gibt es sogar darstellende Menschen.
Wenn es wirklich so etwas wie eine Geschichte hinter "Vormittagsspuk" gibt, dann ist es die von den Gegenständen, die gegen ihre angedachte Funktionalität und gegen die Herrschaft des Menschen rebellieren. Da sieht man vier Hüte alleine durch die Landschaft reisen. Sie brauchen keinen Besitzer, keinen Träger - Sie schweben in der Luft und demonstrieren, dass der Gegenstand über den Mann triumphieren kann. Mehr irrationale Dinge passieren: Ein Revolver wendet sich von seinem Besitzer ab, vermehrt sich und bedroht die Menschen um ihn herum. Die Türen eines Hauses gehen selbstständig auf und zu. Eine Fliege möchte nicht um den Hals ihres Eigentümers gebunden werden, und löst sich aus dessen Umklammerung. Und ein Feuerlöschschlauch wickelt sich eigenmächtig ab, um einen der Hüte auf seinem Wasserstrahl tanzen zu lassen.
Doch nicht nur die Gegenstände rebellieren gegen ihren Verwendungszweck. Richter kreiert in "Vormittagsspuk" eine gesamte (Traum-)Welt des Irrealen. Durch simple Spezialeffekte, wie eine clevere Montage, Linseneffekte und Stop-Motion-Einstellungen wird aus der Umwelt eine ungeheuer lebendige, andersartige Fantasywelt, in der scheinbar auch die Naturgesetze gegen den Menschen aufständig werden.
Nicht nur, dass Richters Meisterwerk eine Sammlung aller zu seiner Zeit denkbaren Tricktechniken beherbergt, "Vormittagsspuk" ist ein heiterer, dadaistischer Film voller eigentümlicher Bilder und einer grundlegenden surrealistischen Thematik: Die Gegenstände gegen das Lebendige. Die Verselbstständigung des Leblosen; aber auch die Rückkehr aus dem Chaos hinaus, zu einer realen Ordnung.
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