Im Kino von Shinya Tsukamoto war schon immer der menschliche Körper Ziel multipler Angriffsformen. Egal, ob durch Gewalt, Exhibitionismus oder die parasitäre Übername von Metall über den Körper – Obwohl Tsukamoto sicherlich kein konventionelles Genrekino filmt, könnte man die meisten seiner bisherigen Filme unter "body horror" ablegen, wobei "horror" hierbei sicherlich ein dehnbarer Begriff sei. Mit "Vital", seinem neuesten Werk, scheint Tsukamoto erstmals nicht mehr an der Umgestaltung des Körpers bei lebendigem Leibe interessiert zu sein, sondern findet sein cineastisches Ziel in der klinischen Sezierung des Leblosen. Wenn Tsukamoto, wie in "Tetsuo" über lebende, sich verändernde Körper berichtet, so bricht dabei eine fantastische Cyberpunk-Parallelwelt heraus. Wenn der Regisseur jedoch etwas über unser Innerstes, über unsere Emotionalität – ja, über unsere Menschlichkeit – aussagen möchte, dann muss er sich dem Tod nähern. Wer hier eine Ekelrevue zwischen Obduktionshorror und Leichenstarre erwartet, der wird herb enttäuscht werden.

"Vital" ist das Psychogramm eines jungen Mannes, gespielt vom grandiosen Tadanobu Asano, der nach einem schweren Autounfall sein biographisches Gedächtnis verloren hat. Körperlich genesen, jedoch geistig leer sucht Hiroshi nach Anhaltspunkten seiner Vergangenheit: Da ist zunächst sein Medizinstudium. Fasziniert von seinen Notizen und eigenen Büchern über Anatomie kehrt er zurück in seine Studienklasse – und damit direkt an den Ort des schauerlichen Filmgeschehens: Dem Seziertisch.

Doch da ist mehr. Mit ihm saß seine Freundin im Unfallauto. Ryôko starb jedoch bei dem Unfall. Seine Liebe für sie wurde jedoch mit der Erinnerung an eben diese zeitgleich ausgelöscht. Doch die Vergangenheit holt ihn in mystischen Vorgängen ein: So glaubt er, Zeit mit einer Art Geistererscheinung Ryôkos zu verbringen. Ob Einbildung, Erinnerung oder wirklich spirituell begründetes Wiedersehen wird nicht genau erklärt, jedoch lässt sie in Hiroshi bezüglich der Identität seiner auf der Uni zu sezierenden Menschenleiche ein schrecklicher Verdacht aufkeimen, der sich alsbald bestätigt: In seinen Praxisstunden obduziert er Ryôko.

An diesem Punkt des Films wird Tsukamotos neues "body"-Genre deutlich. Nicht mehr "body horror" á la Cronenberg, sondern eher "body melodrama". Als Hiroshi Ryôko körperlich, wenn auch tot, vor sicht hat, beginnt sich seine Erinnerung zu verselbstständigen. Die Berührung, auch wenn sie die einer klinischen Sezierung ist, führt zur extrem intensiven Wiederentdeckung verloren geglaubter Erinnerungen. Wenn Hiroshi körperlich seiner toten Freundin nah ist, so wird für ihn das Puzzlespiel, das sich sein verlorenes Gedächtnis nennt, erst möglich. Deshalb trägt er auch als einziger Student keinen Mundschutz. Und je tiefer er unter die Haut seiner toten Freundin gerät, desto tiefer und wunderschöner gerät seine Erinnerung. Mit einem Mal ist er nicht mehr in seiner leeren, kalten und tristen Wohnung, sondern am Strand, in einer paradiesischen Naturkulisse, wo er auf die quietschlebendige Ryôko trifft. Beide sind nackt, so wie Adam und Eva und beide sind glücklich. Und Ryôko lebendiger denn je: Sie erwartet ein Kind.

Doch wohin führt uns Tsukamotos schwieriges Drama durch die Vergangenheit eines Mannes, der bereits Gedächtnis verloren und körperlichen Schaden genommen hat? Es ist Hiroshis Ziel bei Ryôkos Begräbnis zu weinen, zu trauern, zu zerbrechen an der Gewissheit, diese einstige Liebe verloren zu haben. Hiroshis Motivation ist es, das Leben vor dem Unfall den Respekt und die Liebe zukommen zu lassen, die es verdient. Nicht aufgrund des Seelenheils zu verdrängen, sondern sich ihr zu stellen um angemessen zu trauern. Die Suche und der sehnsüchtige Wunsch nach dem lückenlosen Leben und Lieben, das ist es, was "Vital" thematisiert. Und so wirkt auch Schauspieler Asano den gesamten Film leer, verschlossen, nicht unbedingt deprimiert, aber isoliert von seiner selbst. Erst am Ende, als er seine Vergangenheit erkannt und wieder erlebt hat, kann er zu einem "vitalen" Menschen werden. Die Trauer um Ryôko ist das Gefühl, das Hiroshi wieder zu einem Menschen werden lässt. Doch die Trauer ist nicht hoffnungslos. Erst jetzt, wo er sich seiner vergangenen Liebe bewusst ist, ist er bereit sich auf die Gefühle neuer Menschen in seinem Leben einzustellen: Ikumi, die ihm den ganzen Film über bewundernd, fast obsessiv nachstellt, kann er erst nach vollendeter Ausforschung Ryôkos, in seinem Leben zulassen.

Tsukamotos "Vital" ist in dieser Aussage zwar simpel, aber ehrlich und konsequent. Und da nicht nur die quintessenzielle Frage, nach der einen Erinnerung, die der Mensch nach seinem Tod noch einmal durchleben dürfte – dessen Antwort das Geschenk Hiroshis ist, dass er sich durch die Tortur selbst schenkt –, beim Zuschauer bleiben, sondern auch die kraftvollen, umwerfenden Bilder zwischen Schönheit und Schrecklichkeit, ist "Vital" ein außergewöhnlicher, sinnlicher Erfolg Tsukamotos, vielleicht ein Befreiungsschlag für den Regisseur, sich von einfacheren Körperfilmen alsbald zu distanzieren.