Originaltitel: Vase de Noces. Alternativtitel: The Pig Fucking Movie; Wedding Trough. Belgien, 1974. Regie: Thierry Zéno. Drehbuch: Thierry Zéno, Dominique Garny. Produktion: Thierry Zéno. Kamera: Thierry Zéno. Schnitt: Thierry Zéno. Musik: Alain Pierre. Darsteller: Dominique Garny. Schwarzweiß. 82 Min.
Einleitend, der ungeschönte Inhalt dieses Films, des vielleicht schwierigsten Werks der Filmhistorie: In Thierry Zénos "Vase de noces" geht es um einen vereinsamten Bauern. Er mag er letzte lebende Mensch der Welt sein, oder der verhängnisvollste Außenseiter der Gesellschaft. Er lebt auf einer verkommenen Farm, umgeben von seinen Tieren. Er liebt eine Sau. Er berührt das Schwein zärtlich und hat sogar Geschlechtsverkehr mit dem Tier. Die Sau wird schwanger von dem Menschen, gebiert drei Schweinchen. Als er erkennen muss, dass sie zu wenig Mensch, zu sehr Tier sind, erhängt er seine Nachkommen und steckt sie in Einmachgläser. Als die Sau seine Tat entdeckt rennt sie quäkend in den Wald, wo sie sich zu Tode stürzt. Der Bauer versucht sich aus Trauer gemeinsam mit seinem geliebten Schwein zu begraben, jedoch bricht er den Selbstmord ab, ist nicht fähig, sein eigenes Gesicht unter Schlamm und Getier zu verbuddeln. Die Tierwelt lehnt ihn nun ab. Er widmet sich nun seinen Exkrementen, die er in Kannen erhitzt, trinkt und isst. Doch sein Kot kann ihm nicht die Befriedigung, die die atmenden, lebendigen Tiere gaben, erbringen, daher erhängt sich der Mensch hoch oben auf einer Leiter. Als er stirbt, beginnen die Vögel ein Hohelied zu singen. Ende.
"Vase de noces" ist das direkte Gegenteil zum herkömmlichen Unterhaltungsfilm. Es existiert kein gesprochenes Wort; der Mann, fesselnd dargestellt von Thierry Zénos Co-Autor Dominique Garny, ist der einzige Mensch vor der Kamera. Dafür füllen die Naturgeräusche und die Tierlaute die Tonspur fast komplett aus. Das ordinäre Grunzen des Schweins, wenn der Mann physisch Liebe mit dem Tier macht, ist der perfekte Soundtrack für diesen abstoßenden, aber dennoch wichtigen und ehrlichen Film. An wenigen Stellen ertönen synthetisch erzeugte Musikklänge oder ein A-capella-Chor. Das bewegte Bild nimmt für den Zuschauer eine nie eindeutige Position im Verhältnis zu dem Dargestellten ein: Mal inszeniert Zéno mit Handkamera durch das Gebüsch das Geschehen, als seien wir unentdeckte Voyeure der Perversion des Mannes, andere Male bleibt die Kamera statisch mitten im Geschehen und lässt den Protagonisten sogar direkt in ihre Linse blicken. Doch schnell vergisst man als Zuschauer die Positionierung der Kamera zu hinterfragen, denn die kargen Schwarzweiß-Bilder sind zu ungewöhnlich, zu originell und zu extrem, als dass man sich dieser einzigartigen Vision entziehen könnte.
Der abgebildete Tagesablauf des Mannes gleicht dem des Schweins. Er isst, kopuliert und kotiert. Der Mensch wird zum Tier, ist er nicht mehr umgeben von Seinesgleichen. Als der Mann jedoch die jungen Schweine in seiner Hand hat, die sein Samen hervorgebracht hat, keimt in ihm die Hoffnung. Die Schweinchen sollen zu Menschen mit Tischmanieren und Sitten erzogen werden. Doch anstatt brav vor ihren Tellern Platz zu machen und aus Schüsseln ihr Essen aufzunehmen, folgen die Tiere ihrem Instinkt und rennen zurück zu den Zitzen ihrer Mutter. Aus Enttäuschung über die Perversion seiner Kinder begeht der Mann ein, weniger in seinem moralischen, aber in seinem kulturellen Kontext menschliches Ritual: Mord aus Eifersucht. Was folgt ist die Zerstörung des matschigen Paradieses des Mannes: Mord und Selbstmord folgen und lassen die grauenhafte Idylle in sich zusammenbrechen.
Der Außenseiter in "Vase de noces" ist ein kranker Psychopath. Alle Zweifel daran werden bereits in der Eingangssequenz zerstreut. Da setzt der Mann einer Taube einen Plastikpuppenkopf auf. Motivation oder Grund bleiben im Unklaren, aber von Anfang an sehen wir Dominique Garnys Figur als verwirrten Mann mit einem mehr als gestörten Verhältnis zu seinen animalischen Mitbewohnern. Dafür scheinen die Tiere umso menschlicher. Zwischen seinen schockierenden Szenen beobachtet Zéno immer wieder den Ausdruck der Tiere – und, es mag an der Montage liegen, die Tiere, insbesondere die Hühner und Gockel, scheinen skeptisch und verurteilend den Mann anzusehen.
"Vase de noces" bricht Tabus ohne Ende. Unvorbereitete Zuschauer mögen Zénos Außenseiterdrama als ekelerregende, vulgäre Provokation missinterpretieren, ist sein Werk doch eine überwältigende, sehr ehrliche Studie über falsche Emotionen, über Verstrickung in Perversion, oder viel mehr in eine perverse Situation und über die todbringenden Konsequenzen. Ein kraftvolles, in sich vollkommen geschlossenes Meisterwerk, viel kultivierter und intelligenter, als es der amerikanische, nur auf seine sensationellen Skandalszenen reduzierende Alternativtitel "The Pig Fucking Movie" vermuten lässt.