Vier Jahre nach "The Red Spectacles" drehte Mamoru Oshii mit "Stray Dog: Kerberos Panzer Cops" seinen zweiten Realfilm. "Stray Dog" spielt im selben Universum, wie "The Red Spectacles", ist aber, davon abgesehen, alles, was man nicht von einem Nachfolger erwarten würde: Erst einmal ist "Stray Dog" chronologisch vor den Ereignissen in "The Red Spectacles" einzuordnen. Ferner unterliegt "Stray Dog" einer ganz anderen Tonalität als sein Vorgänger. War dieser düster, bizarr, artifiziell, durchgedreht und der Schwelle zwischen Kunst und Realität unterlegen, ist "Stray Dog" natürlicher, ruhiger, optimistischer. Er spielt nicht mit Selbstreflexionen, ist viel weniger "filmisch" als "The Red Spectacles", sondern eher erzählerisch.

Wieder geht es um die "Wachhunde der Hölle", jene brutale Polizistengruppe, die von ihrer eigenen Regierung verraten und zur Aufgabe gezwungen wird. Als Koichi Todome während des "Kerberos Aufstandes" das Land verlässt, hinterlässt er nicht nur zwei Freunde in Japan, sondern auch einen jungen Rekruten namens Inui, der enttäuscht von seinem einstigen Mentor ist: Inui geht ins Gefängnis für seinen Widerstand gegen die Regierung, während Koichi sich feige und unehrenhaft aus dem Staub macht. Als Inui nach drei Jahren überraschend wegen guter Führung entlassen wird, macht er sich auf, Koichi in Taiwan zu finden.

Wie schon in "The Red Spectacles" identifiziert sich der Hauptcharakter mit dem Symbol des Hundes. War es im Vorgänger Koichi, der als Wachhund in sein altes Revier zurückkehrt und eine Welt, die von Katzen regiert wird vorfindet, ist es hier Inui (was übersetzt Hund bedeutet), der sich als Hund sieht, der treu zu seinem Herrchen Koichi halten müsse. Doch als er ihn zurückließ, Fragen aufwarf, von denen selbst Inui nicht weiß, ob er sie überhaupt beantwortet haben will. Vielleicht will er seinen alten Meister aus Rache auch nur umbringen. Erst wenn er ihm gegenübersteht, wird es sich für ihn entscheiden.

Die Suche nach Koichi, die Inui in Begleitung dessen Freundin Mei auf sich nimmt, gestaltet sich monoton. Mei verkauft ihr einstiges gemeinsames Appartement mit Koichi, finanziert sich dadurch einen Van und fährt gemeinsam mit Inui in die ländliche Gegend Taiwans, wo Koichi irgendwo leben soll. Die leichte, sonnige Stimmung, die dem zu diesem Zeitpunkt scheinbar ziellosen Film innewohnt, steht im absoluten Kontrast du dem strengen und düsteren "The Red Spectacles". Regisseur Oshii liebt es, die Hinterhöfe und Panoramen Taiwans einzufangen. Einmal lässt er sich sogar zu einer wortlosen, zehnminütigen Sequenz hinreißen, in der er nur die stille Schönheit, die seichte Simplizität des Lebens der Suchenden einzufangen.

Inui, Mei und auch Koichi sind keine verzerrten Charaktere mehr, sondern hoffnungsvolle Figuren, die ihrer zweiten Chance im Leben gegenüberstehen. Sobald Inui und Mei Koichi als Fischer am Meer entdecken, nimmt sich "Stray Dog" sogar noch mehr zurück. Es kommt zwar zu dem typischen Overacten von Hauptdarsteller Shigeru Chiba als Koichi, dennoch geht es Oshii hierbei nicht darum, die Geschichte Koichis zu erzählen – dafür passiert mit seiner Figur hier auch viel zu wenig -, sondern die Geschichte dieser Landschaft, an die See, an das Zurückfinden zur Natur. Philosophisch erinnert Oshiis Film an die Werke Takeshi Kitanos, wenn er einst gewalttätige, modernisierte Menschen porträtiert, die nun zum Meer und zum stillen, befreienden Leben finden. Selbst Kenji Kawai, Stammkomponist von Mamoru Oshii, gibt seine sonstigen Synthesizersounds auf, um einen natürlichen, an Jô Hisaishi erinnernden Score einzuspielen, der von wunderschönen Gitarren- und Piano-Soli bestimmt wird.

Doch der Frieden reicht nur zum Showdown, in dem Oshii dann einen leider recht ungelenken Actionpart inszeniert. Inui muss sich im schicken Kerberos-Outfit gegen die Pantomimen-Killer aus "The Red Spectacles" verteidigen. Das Ende ist dann auch der schwächste und unbefriedigendste Part des Films. Nicht etwa weil das Finale inhaltlich nicht passen würde, sondern weil es zu introvertiert und langsam inszeniert hat. Passt das etwas behäbige Tempo zwar zu dem Gesamtbild von "Stray Dog" nicht aber zu der Natur einer Actionsequenz wie dieser. Aber doch ist der Shootout essentiell für den Film. Zwar wäre "Stray Dog" auch ohne Actionszenen ein guter, befriedigender Film, jedoch ist das Finale wichtig für die Entwicklung der Figur des Inui. Stand er zuvor immer nur im Schatten seines Meisters, seines "Herrchens", lernt er in Taiwan erst, er selbst zu sein und am Ende sogar seine eigenen Entscheidungen, weit ab von Befehlen und der Polizeihierarchie, zu treffen. "Stray Dog" ist demnach ein Selbstfindungsdrama im Science-Fiction-Gewand.

Das ungewöhnliche und überraschende Prequel zu "The Red Spectacles" ist weitaus weniger bizarr und enigmatisch als dieser – ist aber dennoch ein durch und durch guter Film. Insgesamt zwar schwächer als der grandiose "The Red Spectacles", aber durchaus ein meditatives Erlebnis. Richtet man "Stray Dog" nach seinem Vorgänger, wird man höchstwahrscheinlich enttäuscht, da dieser in eine völlig andere Richtung geht. Möchte man aber nach "The Red Spectacles", der ja an sich schon eine einzige, filmische Überraschung war, noch einmal so richtig überraschen lassen, dann ist "Stray Dog" genau das richtige.