Originaltitel: Escargots, Les. Frankreich, 1965. Regie: René Laloux. Drehbuch: René Laloux, Roland Topor. Musik: Alain Goraguer. Farbe. 11 Min.
Nach dem Menschlichkeitsessay "Dead Times" begeben sich Zeichentrickregisseur René Laloux und Zeichner und Schriftsteller Roland Topor mit ihrem "The Snails" erstmals auf fantastisches Terrain. War der Vorgänger semidokumentarisch angehaucht und mit Archivmaterial versetzt, ist "The Snails" erstmalig reinrassiger Fantasy-Zeichentrick. Wie im japanischen Monsterhorror geht es um "The Snails" vornehmlich um auf gigantische Größe mutierte Schnecken, die in bester "Godzilla"-Manier die Großstädte der Zivilisation zerstören.
Den Anfang macht ein Bauer, dessen Pflanzen nicht wachsen wollen, egal wie gut er sie mit frischem Wasser begießt. Als alle seine unkonventionellen Ideen scheitern, die Pflanzen zum Aufblühen zu bringen, beginnt er bitterlich zu weinen. Erst seine salzigen Tränen bringt die Flora dazu, sich aufzurichten und zu blühen. Um konstant weinen zu können, um sein ganzes Feld zum Aufblühen zu bringen, konstruiert der Landwirt eine Maschine, die er sich auf den Rücken schnallen kann, die ihn mit Tritten in den Allerwertesten und Schlägen auf den Kopf versorgt, so dass für eine ständige Tränenbesprenkelung gesorgt werden kann. Der Bauer zwingt sich zum selbstbestimmten Leid in der Arbeit um in der Nacht zufrieden zu schlafen. Als Schnecken von den Pflanzen essen, wachsen sie über Nacht auf Wolkenkratzer-Größe an. Die mutierten Schnecken wandern in die nächste Großstadt und hinterlassen Chaos und Tod. In ihren Schneckenhäusern verspeisen sie die Menschen, egal ob jung oder alt.
Das Szenario wird nach erfolgreicher Destruktion der menschlichen Siedlung noch surrealistischer: Der Bauer sieht die zerstörte Stadt, kann aber nicht weinen. Seine Tränen, der Initiator des Leids, bleiben aus. Aber er sieht auch, wie sich die Schnecken zur Ruhe setzen. Sie klettern akrobatisch auf die Rücken und formieren sich zu einem erschreckenden, stillen, leblosen Ganzen. Nachdem die gemeinschaftliche Vereinigung zu einem kollektiven Ganzen vollführt ist, werden die Schnecken in ihrer Bewegungslosigkeit von Spinnweben befallen. Zur gleichen Zeit ziehen die Menschen noch größere, riesigere Wolkenkratzer in der zerstörten Stadt hoch und der Bauer begießt wieder seine geliebten Pflanzen.
Laloux' Kausalitätskette, die mit dem gewollten, selbst auferlegten Schmerz beginnt und mit einem universellen Leid endet, ist als Parabel zu verstehen und kann mit Leichtigkeit auf verschiedene politische Systeme übertragen werden. Die wahre Stärke von "The Snails" liegt aber in Topos ungewöhnlichen Designs, die fast alle zentralen Themen seines Schaffens mit einem Bild würdigen: Grausamkeit, Brutalität, Tod, Frauen, Nacktheit, Mutation und Verfremdung. In diesem kompromisslosen Zeichentrickfilm bedienen sich Laloux und Topor einer Animationstechnik, die ihre Figuren in Eleganz und Bewegungsfreiheiten eindeutig limitieren: Die gezeichneten Figuren werden in Gliedmaßen unterteilt und zerschnitten und dann wie Marionetten animiert. Trotz dieser ungewöhnlichen Arbeitsweise entfaltet sich uns eine ungewöhnliche, surrealistische Welt, die uns diesen kompromisslosen Zeichentrickfilm mit Leichtigkeit gefallen lässt.