Wenn man sich nur die erste und die letzte Szene aus Mamoru Oshiis "The Red Spectacles" ansieht, wird man nicht glauben können, dass es einen Film gibt, der beide Szenen miteinander verknüpfen könne. Und selbst wenn man sich einen Film ausmalen könnte, der die 2 Stunden ausfüllen würde, das Resultat würde sich höchstwahrscheinlich nicht mit dem decken, was Oshii für unser Filmvergnügen ersann. Denn wer würde auf eine Mischung aus Godards "Alphaville", Manga-Slapstick, Verschwörungsthriller und Avantgardekino kommen?

Zu Anfang jedoch scheint "The Red Spectacles" ein Actionfilm zu sein. Nachdem die korrupte und brutale Polizeieinheit Kerberos durch die Regierung endgültig aufgelöst wurde, sind drei rechtschaffene Einheiten nicht bereit, sich zu entwaffnen und fliehen vor den Erschießungskommandos der Armee. Oshii präsentiert uns zumindest eine farbige Shootout-Sequenz, in der die schwer bewaffneten und noch schwerer ausgerüsteten Elitepolizisten sich gegen eine Gruppe ziviler Kopfgeldjäger verteidigt. Zwei der drei Polizisten unter den Panzerrüstungen werden jedoch zu schwer verwundet, als dass sie die Flucht weiterhin durchführen können. Nur Ex-Offizier Koichi Todome ist unverletzt und kann den rettenden Helikopter besteigen, der ihn aus seiner Heimat befördert. Vorher verspricht er seinen hinterlassenen Freunden jedoch, dass er wiederkommen und sie retten würde.

Das edle Versprechen will Koichi drei Jahre später wahr machen. Doch die Welt, in die er eintaucht, ist nicht mehr die gleiche: Zunächst wechselt der Film von kräftigen Farben in einen Sepiaton. Die einzige Konstanz scheint sich darin zu manifestieren, dass Koichi immer noch für eine Gefahr für das Vaterland empfunden wird und er, kaum hat er Fuß auf seine vertrauten Straßen gesetzt, von dem mysteriösen Bunmei verfolgt wird. Zielstrebig checkt Koichi in ein Hotel ein. Und bis zu diesem Punkt haben wir es mit einem sehr atmosphärischen und stilisierten Paranoiathriller zu tun, der in seiner Grundstimmung der Orwell'schen Utopie "1984" nahe kommt. Doch nach einem Angriff auf Koichi durch eine Horde Pantomimen, bei dem er seine Kleidung verliert, hört "The Red Spectacles" auf, rationellen Sinn zu ergeben.

Während Koichi in einem Taxi herumfährt, beginnt er immer wieder seine Geschichte vom Sommer 1995 zu erzählen, jenem heißen Sommer in dem jeder Schritt einen Fußabdruck auf dem schmelzenden Asphalt hinterließ. Er bekommt weder die Chance, seine Geschichte zu Ende zu führen, noch scheint sich wirklich jemand für seine Erinnerung zu interessieren. Erst am Ende des Films, wenn seine Stimme von seinem Erscheinungsbild, gemäß des Off-Voiceovers eines jeden Noir-Films getrennt wird, scheint seine Geschichte Relevanz und Realität zu werden. Denn vieles in dem sepia Mittelteil ist keine Realität. Traum innerhalb eines Traums innerhalb eines Traums. Oder noch schlimmer. Wo befindet sich Koichi genau? In dem Verhörsaal des brutalen Bunmei, der scheinbar Koichis alte Partnerin Midori zur Frau genommen hat? In den Underground-Restaurants, in denen verbotene Speisen zu sich genommen werden? Bei seinem alten Freund Ao, der sein Leben mit einem Billardqueue meistert? Und warum wird Koichi dauernd Opfer extremen, urplötzlich einsetzenden Durchfalls? Nun, es ist kein Zufall, dass der Grünstich in dem Schwarzweiß des Films an die Sicht durch eine schwache Sonnenbrille erinnert. Der gesamte Schwarzweißpart könnte als Traumfantasie Koichis gedeutet werden – quasi aus einer desorientierten POV-Sicht mit vorgehaltener Sonnenbrille, die er den gesamten Film hindurch trägt.

Ja, der Film flippt bei Zeiten vollkommen aus. Die völlig übertriebenen Mangaposen kommen nicht von ungefähr. Mamoru Oshii kommt aus der Anime-Branche und hatte vor "The Red Spectacles" lediglich Erfahrung als Regisseur von Zeichentrickfilmen. Und so sind die Slapstickszenen in denen Koichi zur Tragikfigur á la Keaton wird, nur logische Konsequenz. Wenn sich Koichi kurz vor dem überraschenden Ende selbst aus dem irren Labyrinth aus Folterräumen, Gesangsnummern und Toilettenbekanntschaften befreien muss, dann zerstört er einfach das Filmset. Eine hohe Kameraeinstellung offenbart die Limitationen der Pappwände und sogar die Lampen, die für die Beleuchtung sorgen. "The Red Spectacles" ist somit kein Film der schlicht einer realitätsfreundlichen Logik folgt, sondern einer surrealen. Auch wenig überraschend, denn Oshii ist nicht nur Animekünstler, sondern zugleich ein Bewunderer der französischen nouvelle vague. Das Kino begann für ihn interessant zu werden, als er einst Markers wundervollen "La Jetée" sah und als einen seiner größten Einflüsse gibt er Jean-Luc Godard an.

Und so muss man "The Red Spectacles" auch als einen Film sehen, der mit dem Wahrnehmungsprozess und dem Medium an sich experimentiert. Die farbigen Szenen sind ohne Zweifel realitätsbezogener als die im schicken Sepiaton. Und viele Aspekte der traumhaften Geschichte deuten auf verschiedene Doppeldeutigkeiten hin. So erfährt Koichi die traurige "Wahrheit" über seine einstigen Waffenbrüder über eine Kinoleinwand, die ansonsten nur das Porträt einer hübschen, unbekannten Frau wiederholt, deren Foto scheinbar überall in der Stadt aushängt. Das Kino wird zum Feind für den Helden, der unter einem faschistischen, totalitären Regime leidet – kein Wunder, wenn es Zensur und Kontrolle unterliegt. Die Frau hingegen, Ikone des Kinos und neben den ständigen Katzenaufnähern einziges Erkennungsmerkmal der fremden Stadt, scheint am Ende die einzige Verbindung zu der Realität darzustellen.

Die Fotografie in Oshiis erstem Spielfilm ist herausragend. In seinem stilvollen Spiel mit Schatten und Licht ist auch die brillante Ausleuchtung sehr lobend zu erwähnen. Für jemanden, der zuvor nur mit Zeichnungen, Zellen und Animationen arbeitete, ist "The Red Spectacles" eine technisch herausragende Arbeit. Die wunderhübschen Bilder werden hinzu durch den minimalistischen Soundtrack Kenji Kawais umschmeichelt – selbst wenn ein unbedarfter Mangafan auf diese filmkünstlerische Arbeit trifft, muss man zwingend von der beeindruckenden Optik gefesselt sein.

"The Red Spectacles" ist ein brillantes Werk japanischer Filmkunst – und nicht nur unter der Prämisse, dass dies Oshiis erster Spielfilm ist. Der irritierende Mischmasch aus alberner Kungfu-Action, detektivischen Puzzlespiels und surrealem Avantgardefilm funktioniert – trotz solch völlig verwirrender Sätze wie: "Es gibt keine Brüder oder Freunde auf einer kleinen Toilette!" Ein artifizieller Film, der meisterlich, wie seine Vorbilder, mit den Grenzen der Realität und des Kinos, beziehungsweise des Films an sich, spielt und sie verschwimmen lässt. Wenn Science-Fiction Realität wird und der Retro-Look aus den Schwarzweiß-Szenen Fiktion, dann ist der Blick auf einen Fernseher, der nur das grießlige Schnee-Störbild zeigt, der deprimierende Kern des Films.