Originaltitel: Rainbow Thief, The. Großbritannien, 1990. Regie: Alejandro Jodorowsky. Drehbuch: Berta Domínguez D. Produktion: Alexander Salkind, Pierre Spengler, Robert Taicher, Vincent Winter, Johannes Weineck. Kamera: Ronnie Taylor. Schnitt: Mauro Bonanni. Musik: Jean Musy. Darsteller: Omar Sharif (Dima), Peter O'Toole (Meleagre), Christopher Lee (Rudolf), Francesco Romano (Marcus), David Boyce (Clown), Joanna Dickens (Ambrosia), Berta Domínguez D. (Tiger Lily), Ian Dury (Bartender). Farbe. 87 Min.


 

Nach seiner fulminanten Rückkehr ins Filmgeschäft mit "Santa Sangre" drehte Alejandro Jodorowsky nur ein Jahr später einen Film unter ähnlichen Umständen, die schon seine Karriere einst bei dem Desaster bezüglich seines '79er-Werkes "Tusk" beendet hätten: Jodorowsky ließ sich anheuern und musste die kreative Kontrolle den Produzenten überlassen. Keine guten Vorzeichen für "The Rainbow Thief", ein Geburtstagsgeschenk von Alexander Salkind an seine Frau, deren Drehbuch er hier kostspielig verfilmen ließ. Jodorowsky mochte das fantasievolle Skript der Produzentenfrau Berta Domínguez D., musste aber jede Einstellung, jeden gecasteten Schauspieler und fast jede andere halbwegs wichtige Entscheidung aus seiner Hand geben. Für einen kreativen Regisseur wie Jodorowsky ein Alptraum.

"The Rainbow Thief" ist letzten Endes nicht der Alptraum geworden, den man erwarten könnte, sondern ein nettes, ansehnliches Märchen. Omar Sharif spielt den alten Betrüger Dima, der als Diener für den im Abwasserkanal lebenden Prinz Meleagre (Peter O'Toole) arbeitet. Nachdem Meleagre vor fünf Jahren sich dazu entschied, sämtliche Besitz- und Reichtümer aufzugeben, um sein eigenes Leben im Untergrund zu leben, hofft Dima, seine einzige Verbindung zur Menschheit auf der Erdoberfläche auf das Ableben des millionenschweren Onkels Meleagres. Onkel Rudolph (Christopher Lee) lebt sein exzentrisches Leben in Saus und Braus, umgeben von dutzenden Dalmatinern und vielen "Rainbow Girl"-Huren. Als er schließlich aus dem Leben scheidet, vererbt er sein Geld jedoch den Huren, die sich um seine Hunde kümmern sollen. Dimas Hoffnung zerbricht und er entscheidet sich gegen ein Leben bei dem verrückten Meleagres und dessen Hund-Handpuppe.

Die simple Moral des Fantasymärchens war sicherlich keine Herausforderung für Jodorowsky. Aber allerdings sein Darsteller Peter O'Toole, den er als angeheuerter Regisseur mit Samthandschuhen anfassen musste. Die Produzenten ließen Jodorowsky seine Chance auf einen 10-Millionen-Dollar-Film nur unter der Voraussetzung, dass er keinen Streit mit den Akteuren, deren Besetzung unumwerflich wäre, anfangen würde. Sollte es dennoch zu einer Auseinandersetzung am Set kommen, wäre es Jodorowsky der eben dieses verlassen müsste – und nicht einer der Schauspieler. Gerne hätte Jodorowsky wohl einen handfesten Streit mit dem ungeliebten Schauspieler begonnen, doch der Film an sich, dürfte als Rache genügen: O'Toole wirkt als verwirrter und hochnäsiger Prinz blass und lustlos. Dank seiner schlaffen Darstellung wird die Motivation für Sharifs Charakter nie wirklich deutlich für den Zuschauer.

Ansonsten ist Omar Sharif als lebendiger Altgauner ein echter Glückstreffer. Sharifs Augen leuchten voller Begeisterung, wenn er sein nächstes Diebesgut entdeckt. Wenn Sharif als charmanter Herumtreiber auf der Leinwand zu sehen ist, dann funktioniert "The Rainbow Thief". Seine amüsante und belebte Darstellung hilft dem trägen Drehbuch über so einige unnötige Spannungsabbrüche hinweg.

Obwohl Jodorowsky nach Fertigstellung dieses Projekt schnellstens verleugnete, ist aus "The Rainbow Thief" ein ordentlicher, kleiner Film mit einigen typischen Jodorowsky-Zutaten geworden. Sicherlich kein Meisterwerk, wie seine frühen Werke, aber immerhin besser und durchdachter, als "Tusk". Bedenkt man Jodorowskys Kindheit, die durch Zirkusse, Pantomimen und Artisten geprägt wurde, so stellt die Stadt, in der "The Rainbow Thief" spielt, eben diese dar: In dem Stadtzentrum steht ein permanenter Zirkus, ein ständiger Rummel. Clowns und Riesenräder, Marktschreier und Sensationen an jeder Ecke. Die Welt in "The Rainbow Thief" ist eine fröhliche, positive, in der selbst die blinden und tauben Bettler an der Ecke gut wegkommen. Vielleicht sogar kommt die Darstellung des Zirkus als feste Gemeinschaft sogar Jodorowskys Kindheitserinnerungen näher, als den Alpträumen, die er in "Santa Sangre" mit diesen verband.

Jodorowsky verband eine Freundschaft mit dem hochtalentierten Kameramann Ronnie Taylor ("Opera"), der für die durchaus hübsche Bebilderung des Regenbogendiebes verantwortlich war. Zwar ist die Optik in ihrer Symbolträchtigkeit deutlich heruntergefahrener, als noch bei "The Holy Mountain" beispielsweise, jedoch gibt es noch genug tolle, farbenfrohe Motive, die Taylor und Jodorowsky für "The Rainbow Thief" fanden. Jodorowskys Talent für Kamera und Schnitt kann man beobachten, wenn er für ihn ungewöhnlich aufwändige Szenen realisieren muss. Besonders wenn im Showdown in riesigen Massenszenen Wetterkatastrophen und Actionsequenzen mit Pyrotechnik, mechanischen Spinnen und Ratten aufeinander treffen, wird das Tempo oder die Schnittfolge keineswegs holprig, sondern immer angemessen und homogen.

"The Rainbow Thief" ist trotz des hohen Budgets ein kleiner Film geworden. Die metaphorische Geschichte vom Leben und Überleben, von Freundschaft und Hoffnung ist nett anzusehen, obwohl sie den Zuschauer nie wirklich mitreißt. O'Toole und sein minimales Schauspiel sind die einzigen herben Enttäuschungen in diesem durchschnittlichen, ansprechend bebilderten Märchen. Als Fantasyunterhaltung passt "The Rainbow Thief" (trotz Nacktheit und dem kurzen Aufblitzen von Kunstblut) eher ins Sonntag-Nachmittag-Fernsehprogramm, als ein Jodorowskyfilm jedoch, ist "The Rainbow Thief" höchstens aus komplementären Gründen interessant.