Originaltitel: Tichý týden v domê. Tschechoslowakei, 1969. Regie: Jan Svankmajer. Drehbuch: Jan Svankmajer. Produktion: Jirí Vanek, Erna Kmínková. Kamera: Svatopluk Maly, Karel Suzan. Schnitt: Helena Lebdusková. Darsteller: Václav Borovicka. Farbe/Schwarzweiß. 19 Min.
Mit "A Quiet Week in the House" schuf Jan Svankmajer einen vollkommen anziehenden, beeindrucken, surrealen Filmtraum, für den es viele ästhetische und politische Deutungen geben dürfte. Egal, wie man Svankmajers Film dreht und wendet, hier wird die vor allem die Geschichte des Surrealismus beschrieben. Eine Geschichte von Männern, die vor der grauen Realität entflohen um die Emotionen und das Unterdrückte des Traumhaften und des Unterbewussten dazustellen, es bildlich zu sehen. Der Protagonist und die einzige menschliche Figur in dem Film ist ein solcher Mann.
Wie bei einer Militäroperation sitzt er im Dickicht, seinen Mantel und seinen Hut hat er mit Tannenzweigen beklebt, um im Wald unerkannt zu bleiben. Den Lageplan des anvisierten Hauses hat er aus Angst, durchsucht zu werden, in seiner linken Nasenhöhle versteckt. Mit einem Feldstecher observiert er das Haus und als die Luft rein scheint, greift er zu seinem Koffer und rennt über das Feld hinüber, in das Haus hinein.
Innerhalb des Hauses richtet er sich erst einmal ein. Aus dem Koffer werden Dynamit und Wecker entnommen, ein Kalender wird an die Wand gepinnt, ein Schlafplatz eingerichtet. Jeder Tag besteht aus ein und demselben Ritual: An allen sieben Tagen seines Besuches in dem anscheinend leer stehenden Hauses bohrt er ein Loch in die Wände und schaut hindurch.
Wenn der namelose Mann durch eins der Löcher schaut, ändert sich der Stil des Films schlagartig. Die realen Szenen in hektischer Cinemascope-Handkamera und in Schwarzweiß gedreht. Im Hintergrund hören wir ständig das Betriebsgeräusch einer laufenden Kamera und einige jump cuts erzeugen Filmblitze. Doch all das hört sofort auf, wenn wir aus den Augen des faszinierten Mann in eine andersartige Traumwelt schauen. Zuerst scheinen sich unsere Augen an das farbige, knallige Geschehen gewöhnen, ist der erste Blick durch das Loch in der Wand immer unscharf und unfokussiert. Doch schnell passiert etwas mit den Gegenständen des Hauses. Am ersten Tag lässt eine Blechdose Bonbons herausspringen, die sich auf einem Tisch auswickeln aber nur rostige Schrauben zu Tage fördern. Die Schrauben bekommen ein Eigenleben und kombinieren sich zu Tasten einer kaputten Schreibmaschine. Die zweite Traumwelt lässt eine Zunge aus einer Wand klettern, hinein in die Spüle einer Küche. Hier leckt die Zunge die dreckigen Teller und Löffel sauber, um am Ende in einen Fleischwolf zu springen, wo sie zu kleinen Papierfetzen verarbeitet wird. Am dritten Tag sehen wir ein Blechspielzeug. Einen Hahn, der an einer Schraube aufgezogen werden muss, um sich nach Essensresten auf dem Boden pickend vorwärts bewegen kann. Doch an der sich drehenden Schraube ist ein Bindfaden befestigt, so dass der Blechhahn erst nach mehreren Versuchen den Faden durchreißen muss, um dann endlich an dem angezielten Teller anzukommen. Dann jedoch öffnen sich die Schubladen der umherstehenden Schränke und lassen Schlamm und Dreck auf den Hahn fallen. Der fünfte Tag eröffnet ihm eine Welt, in der Tauben aus den Schubladen eines Tisches an die Zimmerdecke fliegen, um so viele Federn zu verlieren, dass sich daraus Stuhl formen kann. Der Stuhl versucht ebenfalls zu fliegen, scheitert und zerbricht. Das fünfte Szenario zeigt einen Anzug, der auf einen Bügel gehangen ist, der durch einen Schlauch einer in der Nähe stehenden Blumenvase das Wasser entsaugt. Die Blumen in der Vase vertrocknen und gehen in Flammen auf, während der Anzug das überflüssige Wasser einfach auf den Boden platschen lässt. Am letzten Tag eröffnet uns die Traumwelt einen Blick auf zwei Gebisse, die aufgehängt an einem Schrank auf und ab schaukeln. Ein Draht bindet daraufhin Schweinefüße zusammen.
An den ersten sechs Tagen reagiert der Mann gleich auf das Gesehene. Er streicht den Tag am Kalender durch, stellt sich seinen Wecker und legt sich schlafen. Am siebten, finalen Tag jedoch rasiert er sich zunächst, packt seine Sachen, dann beginnt er das Dynamit in die Türen und Wände des Hauses zu stecken. Nachdem er hektisch aus dem Haus gerannt ist, bastelt er eine komplizierte Sprengvorrichtung aus Klemmen und seinem Wecker zusammen, beginnt den rettenden Lauf über das Feld zurück. Doch im letzten Moment fällt ihm ein, dass er etwas im Haus seiner Träume vergessen hat: Schnell dreht er sich um, betritt das Haus ein letztes Mal, streicht auch den siebten Tag am Kalender durch, rennt wieder hinaus und läuft zurück in die "Sicherheit", in die Realität.
Die Stille Woche im Haus hat ein Ende. Der Mann hat Dinge gesehen und vielleicht sogar verstanden, die einer Welt zugehörig sind, die nichts mit dem tristen Alltag, mit der logischen Realität und mit der langweiligen Wirklichkeit zu tun hat. Er hat mit uns einen Blick in das entfesselte, bedeutungsvolle Surreale von Jan Svankmajer geworfen. Unbeobachtet, heimlich, wie ein Terrorist musste er vorgehen, denn es gab einst eine Zeit, da war es strengstens untersagt solche unrealistische Traumwelten, unmögliche Dinge und abstrakte Vorgänge darzustellen. Die Welt jener Leute, die all das Surreale verachten, sieht so aus, wie es uns Svankmajer in seinen Spielszenen zeigt: Grau, industrialisiert, langweilig, wenig aufregend und trist, aber voller Schrecken und Boshaftigkeit.