Es geht einfach nicht gerade heraus. Warum etwas konkret sagen, wenn man es nicht auch chiffrieren kann? Und selbst wenn der Empfänger jenen Code nicht entschlüsseln kann, so wird das Gesagte, das Gezeigte dennoch aufgrund der reizvollen Verfremdung fesseln und faszinieren. Das oder zumindest so etwas Ähnliches muss sich Andrzej Zulawski gedacht haben, als er begann "Possession" zu realisieren. So ist sein Film nicht gerade sehr einfach, aber dennoch sehenswert.

Es geht um Beziehungen. Um die Liebe. Als Mark (Sam Neill) nach einer langen Geschäftsreise nach Hause in sein Berliner Appartement zurückkehrt, muss er feststellen, dass er und seine Frau Anna (Isabelle Adjani) mittlerweile ebenso voneinander getrennt sind, wie West- von Ost-Berlin. In einer der ersten Einstellungen des Films streift die Kamera über einen Part der Berliner Mauer, auf der das Graffiti "Die Mauer muss weg" den Protest gegenüber der Trennung dessen, was zusammengehört, zum Ausdruck bringt. Ebenso protestiert Mark emotional und physisch, als er erfahren muss, dass sich Anna von ihm und ihren fünfjährigen Sohn Bob entfernen wird, um mit einem anderen Mann zu leben.

Diese Geschichte könnte als Ausgangspunkt für ein "normales" Beziehungsdrama dienen. Zulawski jedoch beginnt einen gigantisch absurden Film über die Besessenheiten seiner Figuren. Marks Besessenheit von seiner Liebe zu der schönen Anna, und ihre Besessenheit von ihrem neuen Liebhaber. Genau jener Liebhaber ist das As im Ärmel Zulawskis. Denn als Mark zornig seinen Konkurrenten auftut, einen maskulinen Esoteriker namens Heinrich (Heinz Bennent), müssen beide erfahren, dass Anna scheinbar einen dritten Mann versteckt. Mark setzt einen Privatdetektiv auf seine Frau an, der wird in Annas neuem, heruntergekommenen Appartement jedoch Opfer dessen, was Mark und Heinrich als dritten Mann befürchten: Eine schleimige Kreatur, deren Herkunft unbekannt ist, lebt auf, beziehungsweise in den sanitären Einrichtungen der Wohnung.

Mit einem Ruck zieht Zulawski dem Zuschauer jeglichen Boden unter den Füßen weg. Mit der Enthüllung der Existenz jenes Alien-artigen Geschöpfes verliert der Film seinen Bezug zur Realität und scheint in einen hypnotischen Strudel aus Gewalt, Sex und psychische Verwirrung zusammen – etwas, das jetzt nicht im negativen Sinne gemeint ist. Mark ist immer mehr besessen von dem Gedanken, Anna glücklich machen zu müssen, fängt aber gleichzeitig eine Liaison mit Annas Doppelgängerin, der Kindergärtnerin Helen (auch Adjani) an, und unterhält eine ebenfalls körperliche Beziehung zu Annas Freundin Margit, einer Pornodarstellerin.

Zum Ende von "Possession" kollabiert das Universum für Mark und Anna. Ob Helen wirklich die optische Entsprechung Annas war, oder ob der Doppelgänger-Zufall nur ein Wunschtraum Marks war, erfahren wir nicht. Die Frage, welche Rolle die kranke Margit in dem Horrorspiel hatte, bleibt unbeantwortet. Auch gibt der Film keinen klaren Aufschluss darüber, welchen geheimnisvollen Beruf Mark ausübt. Ist er ein Geheimagent? Und wer ist der Mann mit den pinken Socken? Viele Fragen bleiben unbeantwortet, doch die Antworten interessieren hier eh keinen mehr. Viel mehr die Vielzahl der Fragen, die der Film in seinem apokalyptisch-destruktiven Adrenalin-Finale aufwirft, und die Art, wie sie hier gestellt werden, sind die Angelpunkte der Spannungskurve des Films. Gerade wegen des rätselhaften, übermenschlichen Universums, das hier von Zulawski geschaffen wird, wird aus einem Horrordrama ein sensationeller Psychotrip, intensiv, undurchschaubar und wild.

Die Hauptdarsteller in dieser morbiden "Szenen einer Ehe"-Variation sind beide in Doppelrollen zu sehen: Sam Neill und Isabelle Adjani, die für ihr hysterisches Overacting par Excellenze die Goldene Palme in Cannes überreicht bekam, liefern fantastische, physisch, wie psychisch anspruchsvolle Leistungen ab. Höhepunkt des Films ist eine minutenlange "Geburtsszene", in der Anna in einer U-Bahn-Unterführung ihren zukünftigen Alien-Liebhaber gebiert. Während sie kreischend, kämpfend und sich erbrechend in den Hallen der U-Bahn-Station die Vorstellung ihres Lebens gibt, bleibt Zulaswkis Kamera nicht für einen Augenblick still. Seine sich ständig drehende, flüchtende und ausweichende Kamera mag zuweilen anstrengend anmuten, dürfte aber gerade auf diese Weise die bestmögliche Wirkung bei dem Zuschauer verursachen. Gerade bei sehr schnellen, geraden Kamerafahrten auf vertikaler Ebene hat man das Gefühl, Zulawski würde immer aus Autos, Zügen oder anderen Transportmitteln fotografieren. Ein ständiges Gefühl der Reise, des Ausbruchs, der Bewegung wird vermittelt. Genau die Opposition zum geistigen, wie geographischen Stillstand, den die Berliner Mauer im Hintergrund des Films gebietet.

"Possession" ist ein Reißer. Ein kultisch verehrtes Meisterwerk. Vollkommen zu Recht betrachtet beispielsweise Darsteller Sam Neill diesen Film als seinen besten ausländischen Erfolg. Zulawskis ungebändigte Energie, seine schier pervers-verrückte Geschichte und die Arthouse-meets-Argento-Optik fügen sich zu einem fabelhaften Filmgenuss zusammen. Denn, auch wenn man, wie eingangs erwähnt, nicht allen Subtexten, nicht allen Nebenplots und nicht allen Kleinigkeiten erfassen und entschlüsseln kann, die Faszination, die nach zwei Stunden Ehekrieg, Oktopus-Monstern und pinken Socken, ohne Zweifel entstehen mag, wird den meisten wahren Filmfreunden widerfahren.