Die Welt versinkt im Chaos. Das Unberechenbare ist nicht nur die Würze des Lebens, sondern vielmehr ein Synonym für selbiges. Und immer dann, wenn wir wieder einmal keine passende Antwort auf die Frage nach dem "Warum" finden, dann war es wohl wieder das Leben, das in seiner unordentlichen Unkalkulierbarkeit zugeschlagen hat. Irgendwo da draußen fragt ein minderjähriges Mädchen, warum gerade sie schwanger werden musste und nicht weit davon entfernt fragt sich eine Ehefrau warum gerade ihr dieses Glück nicht zuteil wurde. Maximillian Cohen fragt sich warum der Aktienindex einer spezifischen Gruppe gerade so hochschnellt, der andere aber nicht. Cohen, ein brillanter Mathematiker, der glaubt, dass man mit Zahlen das gesamte Universum erklären kann, kann die Konfusion und das Chaos nicht akzeptieren und sucht nach einer Antwort auf das "Warum". Da dies aber eine reichlich allgemeine Frage ohne konkreten Adressaten ist, hegen urplötzlich die verschiedensten Parteien enormes Interesse an ihm, als er der Antwort lebensgefährlich nahe kommt.

So in etwa kann man die Geschichte von "Pi", Darren Aronofskys Durchbruch, beschreiben. Aronofsky drehte bereits vor "Pi" verschiedene Studentenfilme, dies jedoch ist sein erster Film außerhalb einer Bildungseinrichtung. Am ehesten lässt sich Aronofskys Film als Zwitter aus den Genreformen des Verschwörungsthrillers und des Psychodramas definieren, wird doch eine subjektiv erlebte Geschichte eines Mannes erzählt, der wohlmöglich kurz davor ist, das Geheimnis des Universums zu ergründen. Er sucht das "System im Chaos", wie es einer der Verleihuntertitel des Films nennt. Als Mathematiker findet er diese Ordnung in der Unordnung in Form von graphisch dargestellten Zahlenmodellen. Die Fibonacci-Folge als Grundlage für den Goldenen Schnitt etwa. Die künstlerisch-ästhetische Perfektion, die man durch die Modellierung des Goldenen Schnitts erhält, muss in einem universellen Ausmaß Einfluss mit dem scheinbar Chaotischen und Zufälligen der Natur verknüpft sein: Es dient in Form seiner Muster als Darstellungsmöglichkeit. Dies ist Teil eines Schlüssels, zu einer Tür, die verspricht, einfach alles durchschauen zu können.

Aronofskys Protagonist Max Cohen ist ein Paranoiker, ein zurückgezogener Eigenbrödler, der sich allein auf seinen Computer Euclid verlässt. Als der anscheinend von einem Virus befallen wird und eine 216-stellige Zahl ausspuckt, beginnt Cohens Reise kurz vor die Tür zur Erleuchtung. Cohens Verfolgungswahn scheinen begründet, denn sein einstiger Mentor, der Go-spielende Sol Robeseon (Mark Margolis) hat vor Jahren nach der gleichen Zahlenfolge recherchiert, jedoch hat er es gesundheitlich bedingt nie so weit getrieben, wie Max. Doch was ist, wenn Max' fortwährenden Migräneanfälle und Sols Schlaganfälle eben auch nicht Zufälle in diesem chaotischen Prozess sind – sondern Gegenmaßnahmen Gottes, der sich aufgespürt fühlt? Dessen Mystik kurz davor steht durchschaut zu werden? Die Frage, die Cohen durch Pi, Computerchips und Fibonacci-Folgen versucht durch ein allumfassendes Muster zu beantworten, ist letztlich, wenn man sie auf den größten gemeinsamen Nenner bringt, die Frage nach dem Sinn im Leben. Doch nicht für alle scheint die metaphysische Qualität von Cohens Arbeit von Bedeutung zu sein: So wird der junge Mann von einflussreichen Wallstreet-Spekulanten mit CIA-Attitüde bedroht, einmal gar zusammengeschlagen. Es ist jene 216-stellige Zahl, die jeden Kurswechsel vorhersagen kann. Es ist die gleiche Zahlenfolge, die kabbalistische Juden als den als Zahlencode wiedergegebenen "echten" Namen Gottes interpretieren.

"Pi" ist ein gigantisches Werk von komplexer Qualität. Die Allgegenwärtigkeit und mathematisch bestimmbare Perfektion von Spiralformen in unserem ganzen Universum – vom Fingerabdruck bis zur Milchstraße – wird originell als pythagoräische Verschwörungstheorie adaptiert, mit Religiosität und Mystizismus vermischt und durch die Verwendung moderner Computerchips zur Science-Fiction verpackt, wobei fiction eher durch eventuality ersetzt werden müsste. Die theoretische Struktur, der der Film gehorcht, ist dabei viel weniger exakt als die exemplarischen Fibonacci-Muster. Aronofsky verbindet seine Theorien nicht zu einem zahnradartigen Konspirationskonstrukt, sondern nutzt die Mythologien und eben gerade jene waghalsige, allgegenwärtige Possibilität, um eine ganz eigene, fassbare Atmosphäre zu erreichen. So, als wenn man, wie der junge Cohen ins Licht der Sonne starrte und ob des göttlichen Sinneseindrucks, vorerst erblindete, lässt sich die Grundstimmung in "Pi" aufgrund der enormen Fülle an diskussionswürdigen Theorien, irgendwo zwischen Pi, Fibonacci, Kabbalismus und Go, kaum mehr fassbar erfühlen, sondern nur momentnah erahnen. Genauso wie Sinn und Zweck der Antwort der Frage zunächst nur erahnt werden, ahnen wir jene Komplexität in Max' Untersuchungen und jene extremen Auswirkungen, die sie auf ihn haben werden.

Als Film des "Ahnens" und nicht des "Wissens" ist "Pi" ein grandioser, experimenteller Spielfilm. Und somit auch ein menschlicher Film. Zwar ist Wissensdurst ebenso menschlich, aber eine umfassende, gottgleiche Wissensallmacht nun mal ganz und gar unseres unvollkommenen Daseins entgegengesetzt. Das Erahnen hingegen ist wohl in jedem Menschen verwurzelt und ist scheinbar erst Verursacher des Wissensdurstes. Aronofsky als Regisseur verdient somit enormes Lob, weil er "gefährlichen Wissensdurst" als eine Art "Mordopfer" inszeniert, für einen Film, der ja eigentlich wie ein manisches, surreales Psychodrama inszeniert ist. Jener "Wissensdurst" ist der gefährliche "Fall", jener Motivationsfaktor, der in anderen Psychodramen leider stereotyp nur durch ein Mordopfer zur Spannungsgewinnung für die Dynamik des Films sorgt. Wie ein Serienkillerfilm ohne Serienkiller, aber ebenso vielen Psychosen und Eigentümlichkeiten. Der Film als solches verdient wiederum sein Lob, weil er seinen Protagonisten geläutert enden lässt. Er sitzt kapitulierend, aber zutiefst menschlich auf einer Parkbank. Er lässt sich von einem Taschenrechner besiegen und genießt das pure Erahnen, ist frei von seinem Wissensdurst. Sowieso erstmals wirklich frei, im Sinne von: unter freiem Himmel. Nicht in seiner Bude eingepfercht, nur mit dem Computer und seinen Zahlenfolgen im Dialog stehend, sondern im Park unter den sich im Wind biegenden Blättern eines Baumes. Die Natur ist auch ohne Wissen faszinierend. Und das Ahnenswerte geht dennoch nicht verloren.