Fast 20 Jahre ist es her, dass sich der multimediale Künstler Jean Cocteau mit seinem 1930er Meisterwerk "Das Blut eines Dichters" der Orpheus-Sage annahm und sie innerhalb eines höchst surrealen, filmischen Gedichts verarbeitete. Mit "Orphée", den er selber als realistischen Film ansieht, vermutlich allein um sich von dem Surrealismus abzuheben, drehte Cocteau eine weitere Variation des Themas, wieder mit vielen Verweisen auf das Verhältnis zwischen Künstler und Kunstwerk. Cocteau besetzte seinen Liebhaber Jean Marais als Orpheus und unterwarf seinen Film weniger den surrealen Bildern, als einer – leider nur leidlich originellen – Erzählstrategie.

Ein Spiegel als Portal in das Niemandsland zu benutzen, ist ein wiederkehrendes Motiv bei Cocteau: Bereits in "Das Blut eines Dichters" betrat der Poet eine fremdartige Welt, die sein Unterbewusstsein widerspiegelte durch den Spiegel. In "Orphée" kann ein Spiegel als Tor zum Jenseits, zum Reich des Todes, genutzt werden. Im Jenseits verliebt sich der berühmte Poet Orpheus in eine Prinzessin, die allerdings niemand anderes ist, als der verkörperte Tod. Wieder im Diesseits ist Orpheus besessen von den mysteriösen Parallelexistenzen, die er zu diesem Zeitpunkt noch nicht dem Tod zurechnen kann. Insbesondere eine Radiostation aus dem Jenseits hat es Orpheus angetan: So behält er das Automobil aus dem Jenseits samt untoten Chauffeur in seinem Gewahrsam, um weiterhin die Frequenzen aus dem Niemandsland zu empfangen und jene Worte wertvoller Dichtkunst zu erleben.

Doch Orpheus ist ein verheirateter Mann und seine Besessenheit von der Prinzessin und jener fremden Welt, stellt eine schwere Probe der Ehe dar. Als Oprheus wieder einmal verschwindet, kann nicht einmal der Chauffeur aus dem Jenseits, Heurtebise, der sich in Eurydice, Orpheus' Gattin, verliebt hat, sie von einer Fahrt in die Stadt abhalten. In der Tat wird sie auf dem Weg von Motorradfahrern angefahren und stirbt. Orpheus betritt daraufhin wieder das Jenseits, um seine geliebte Frau zu retten und kann sogar eine Einigung mit den obersten Richtern des Jenseits erzielen. Er kann seine Frau wieder in das Reich der Lebenden herüberretten, jedoch darf er sie nie wieder in seinem Leben anschauen…

Der Künstler in "Orphée" ist – im Gegensatz zu "Das Blut eines Dichters" – kein Künstler, der sein eigenes Werk in Frage stellt. Sein Dilemma wird erst in seiner Popularität deutlich. Das Wiedererkennen Orpheus' Person bietet zugleich Annehmlichkeiten (ein Polizist erkennt Orpheus und lässt ihn ohne Ausweiskontrolle passieren) als auch Potential für Gefahrensituationen (als Orpheus des Mordes verdächtigt wird, kann er sich kaum an öffentlichen Plätzen aufhalten, da man ihn sofort wiedererkennen würde oder seine Präsenz durch viele Fans Aufsehen erregen würde).

Dass Cocteau seine griechische Mythologie in zeitgenössischem Frankreich spielen lässt, ist noch eine seiner cleveren Ideen. Gerade das Autoradio als Übertragungsempfänger der poetischen Botschaften aus dem Jenseits zu benutzen, ist originell und humorvoll. Auch jene geheimnisvollen Szenen, in denen die Prinzessin des Jenseits mit dem bereits verstorbenen Dichter durch das bereits erwähnte Spiegelportal "fliegt" ist für einen Film, der in modernen Zeiten spielt, ein begrüßenswerter Anachronismus. Und natürlich hat "Orphée" seine stärksten Szenen dann, wenn er nicht auf den profanen Straßen Frankreichs spielt, sondern dann, wenn wir uns inmitten des Jenseits befinden. Die visuell alles andere überragende Trickaufnahme des Heurtebise, der Orpheus durch das Jenseits führt, während letzterer von einem Art Orkan in Schach gehalten wird, ist zwar in ihrer Inszenierung leicht zu durchschauen, aber ein optisches Juwel.

"Orphée" ist ein vergleichsweise schwächerer Nachfolger zu dem wunderbaren "Das Blut eines Poeten", besitzt aber dennoch einigen optischen Einfallsreichtum und viele hervorragende Schauspieler. Fast jeder – mit der Ausnahme von Jean Marais, der mehr ein Kleiderständer ist, als ein Charakterdarsteller – spielt seine Rolle mit Charme und Witz. "Orphée" ist durch diese Charakternähe sicherlich leichter zugänglich, als Cocteaus frühere Adaption, aber dennoch die künstlerisch schwächere.