Originaltitel: Holy Mountain, The. Mexiko/USA, 1973. Regie: Alejandro Jodorowsky. Drehbuch: Alejandro Jodorowsky. Produktion: Alejandro Jodorowsky, Allen Klein, Robert Taicher, Roberto Viskin. Kamera: Rafael Corkidi. Schnitt: Alejandro Jodorowsky, Federico Landeros. Musik: Don Cherry, Ronald Frangipane, Alejandro Jodorowsky. Darsteller: Alejandro Jodorowsky (The Alchemist), Horácio Salinas (The Thief), Zamira Saunders (The Written Woman), Ana De Sade (The Prostitute), Chucho-Chucho (The Chimpanzee), Juan Ferrera (Fon), Adriana Page (Isla), Burt Kleiner (Klen), Valerie Jodorowsky (Sel), Nicky Nichols (Berg), Richard Rutowski (Axon), Luis Loveli (Lut), David Silva (Fon's Father). Farbe. 110 Min.


 

Alejandro Jodorowskys im Jahre 1973 uraufgeführten Film "The Holy Mountain" würdig zu besprechen, ist sehr schwer. Die große Faszination, die von "The Holy Mountain" ausgeht, ist primär die enorm surreale Visualisierung des abstrakten Skripts. Viele Details, Sätze und Designs scheinen metaphorisch für religiöse Aspekte zu stehen. Auf den ersten Blick wirkt "Holy Mountain" wie ein Sakrileg, wie ein symbolisierender Abgesang auf Christentum und Buddhismus. Doch gerade am Ende zeigt uns Jodorowsky, dass er gar nicht möchte, dass sein Filmwerk auf derartige Weise interpretiert wird. Sein Ziel ist eindeutig Realismus anstatt von Surrealismus.

Um seine Darsteller auf den filmischen Trip vorzubereiten, ließ Jodorowsky seine Akteure 4 Monate vor Drehbeginn mit Drogen experimentieren. Das Ergebnis sieht genauso aus, wie man es von solchen Voraussetzungen erwarten würde. Der Film "erzählt" eingangs von einem Dieb, der von Insekten bedeckt ist. Der Dieb wird gekreuzigt, kann aber seinem Schicksal mit Hilfe eines komplett amputierten Mannes entkommen. Hier haben wir schon die erste große Referenz an die christliche Religion. Die Figur des Diebes scheint eine Art Jesus Christus zu sein. Er entdeckt, dass römische Christen seinen Körper kopieren, um exakte Abbildungen seiner Figur, natürlich in gekreuzigter Pose, zu vermarkten. Doch der Dieb zerstört die Machenschaften der Christen und flieht in die Arme von Prostituierten, die der biblischen Figur der Maria Magdalena nahe kommen. Das Abbilden des Christus zum Ausverkauf in der Kirche ist schon die erste spöttische Blickweise Jodorowskys auf die große Weltreligion.

Der Dieb und der amputierte Mann, den er auf seinem Rücken trägt gehen zum Markt, wo Exekutionen stattfinden. In einer halluzinatorisch-surrealen Sequenz, sehen wir eine Soldatenparade, die allesamt gekreuzigte und gehäutete Lämmer umhertragen. Den ersten Wendepunkt in der eher rudimentär erzählten Geschichte erhält diese, wenn der Dieb sich aufmacht, um den gigantisch hohen Tempel, der in der Mitte des Marktplatzes steht, zu erklimmen. Oben angekommen durchquert der Dieb eine irre Passage, angemalt in Regenbogenfarben. Am Ende trifft er auf den Alchemisten (Jodorowsky selbst), der ihn lehrt: "Du bist Exkrement. Aber du kannst dich selbst in Gold verwandeln". Es kommt zu einem kurzen Kampf zwischen DIeb und Alchemist, einem recht ungewöhnlichen Bad, und immer mehr eigenartiger, kaum wiederzugebene Effekte und Bildkompositionen. Dann plötzlich spricht der Alchemist von den sieben mächtigsten Personen im Universum.

Somit sind wir in der Mitte des Films, und wir verlassen die biblisch-anmutende Zeit des Films, und finden uns in sieben kurzen Passagen wieder, in denen die sieben Mächtigen vorgestellt werden. Diese nun wieder repräsentieren je einen Planeten. Fon unterhält auf dem Venus eine Kosmetik-Fabrik. Hier können sich seine Kunden zum Beispiel ihr Lieblingsgesicht chirurgisch implantieren lassen. Es werden Plastiken verkauft, die die sekundären und primären Geschlechtsmerkmale verstärken. Hier wird Selbstverbesserung großgeschrieben - wie in Hollywood. Und auch hier wird inszeniert: Durch mechanische Implantate können Leichen ihren Hinterbliebenen einen letzten Kuss auf den Weg geben. Ein weiteres Highlight ist der Jupiter, auf dem Klen Kunst herstellt. Wir sehen unter anderem, wie er Bilder herstellen lässt, in dem er die Hinterteile seiner Angestellten mit Farbe bespritzt, und diese auf weiße Blätter Papier setzen lässt. So wird Kunst hergestellt - mit dem Arsch. Auch sehr spöttisch und satirisch ist der Saturn, auf dem Sel (dargestellt von Jodorowskys damaliger Ehefrau Valerie-Jean) Spielzeuge und Comics ("Captain Captain") herstellt, die die Kinder zu Rassisten gegenüber dem Volk, exemplarisch dargestellt an Peru, mit dem ein Krieg bevorsteht, erziehen. Auch ein wunderbarer Seitenhieb auf eine Kultur, die durch staatlichen Einfluss bereits kleinste Kunder lenken kann. Auf die Spitze treibt es Axon vom Neptun, ein Polizeichef, der junge Männer öffentlich kastrieren lässt, und sammelt die tausend abgeschnittenen Hoden in einem "Tempel". Es wird deutlich: Die sieben Personen versinnbildlichen auch die sieben Todessünden.

Mit diesen sieben Männern und Frauen möchte der Alchemist zusammen mit dem Dieb den "heiligen Berg" besteigen, um den neun dort lebenden Göttern das Geheimnis der Unsterblichkeit zu entreißen. Die Anreise der sieben Mächtigen wird urplötzlich sehr zeitgenössisch dargestellt. Befanden wir uns anfangs in einem bizarr verfremdeten, biblischen Szenario, haben wir jetzt einen Blick auf eine neuzeitliche Zivilisation. Die teilweise historisch, teilweise zukunfts-orientiert anmutenden Mächtigen werden per Helikopter zu dem Tempel eingeflogen. Ungewöhnlicher Realismus innerhalb dieses surrealistischen Film, der aber nun wieder das Ende vorwegnimmt. Die Mächtigen werden durch den Alchemisten belehrt, müssen ihr gesamtes Geld verbrennen. Schließlich macht sich der neunköpfige Trupp auf zur Lotus Insel, um den "heiligen Berg" zu erklimmen.

Kurz bevor sie den Gipfel erreichen, nachdem sie eine extrem eigenartige Stadt durchstreift haben (auf die jetzt aber nicht näher eingegangen werden soll), kulminiert der Film dann endgültig in bizarren Bilderfolgen. Die neun Männer und Frauen haben sadistische bis sexuelle Wahnvorstellungen: Da wird ein Mann an einem Baum kastriert, ein anderer wird von Vogelspinnen angefallen. In einer der wohl eigenartigsten Szenen der Filmgeschichte sehen wir, wie ein Mann auf einem bärtigen Hermaphrodit trifft, dessen Brüste sich in Leopardenköpfe verwandeln, die dann schließlich Milch spucken.

Und dann kommt es zu dem Finale: Aus Surrealismus wird Realismus. Aus einem zynischen Film wird ein Lehrfilm. Erleuchtend ist das Ende Jodorowskys, und plötzlich ergibt all das ein Sinn, was zuvor angesehen wurde. Jodorowsky nimmt alle Illusionen, je unsterblich, je perfekt zu werden. Die Hoffnungen der reichen, mächtigen Planetenbesitzer wurden zerstört und verbrannt - und doch wurden sie zu besseren Menschen. Die perfekte Abrundung, und einzig mögliche Erklärung für ein derart obskures Filmwerk.

Jodorowskys "Holy Mountain" ist ein überwältigendes, mystizistisches Werk voller Zynismus und ausschweifenden Bildern. Bebilderte, phantasmagorische Imagination und drogenbeeinflusste Kreativität fusionieren hier zu einem grotesken Zirkus voller exquisiter Kuriositäten und religiöser Anspielungen. Ein surrealistisches Bombardement für die Augen. Oft hängt Jodorowsky seine Kamera weit oben in einem Raum auf, um verrückte Schattenspeiele auf noch surrealistischeren Teppichböden zu erzeugen. "Holy Mountain" ist ein brillantes, surreales, psychedelisches, "mind-fucking", aber auch "mind-opening" Stück Experimentalfilm. Mehr ein überwältigendes Erlebnis, als ein Film.