Originaltitel: Masculin, féminin: 15 faits précis. Frankreich/Schweden, 1966. Regie: Jean-Luc Godard. Drehbuch: Jean-Luc Godard (nach Geschichten von Guy de Maupassant). Produktion: Anatole Dauman. Kamera: Willy Kurant. Schnitt: Agnès Guillemot, Marguerite Renoir. Musik: Jean-Jacques Debout. Darsteller: Jean-Pierre Léaud (Paul), Chantal Goya (Madeleine), Marlène Jobert (Elisabeth), Michel Debord (Robert), Catherine-Isabelle Duport (Catherine), Brigitte Bardot (Frau im Café), Elsa Leroy (Miss 19). Schwarzweiß. 103 Min.
Wie schon bei "Nana S." gliedert Godard "Masculin – féminin oder: Die Kinder von Marx und Coca-Cola" in 15 Bildkapitel. Und in diesen Kapiteln herrscht ein ewig währendes Frage-Antwort-Spiel. Wie ein Pingpongball werden Fragen und Antworten zwischen den Protagonisten hin- und hergespielt, mal fröhlich, mal angestrengt – mal interessiert, mal widerständig. Nur eins gibt's nicht: Eine stringente Handlung. Lose verfolgt Godard eine Gruppe Jugendlicher beim lebendigen Streifzug durch Paris. Einige verlieben sich in einander, andere nicht.
Doch bevor man sich lieben oder mögen kann, muss man sich kennen lernen. Und um mögliche Gemeinsamkeiten festzustellen können, vollführen Frauen und Männer ein Kennenlernspiel, fragen sich gegenseitig über vergangene Beziehungen, über ihre jeweilige Wechselwirkung aufeinander, ja, sogar über Geburtenkontrolle, Vietnam und Prostitution aus. Doch wirklich näher kommen sich die jungen Menschen dadurch nicht. Selbst das zentrale Pärchen aus Paul, der gerade aus dem Kriegsdienst zurückkehrt und eher ziellos nach einem Job sucht, und Madeleine, die durch Plattenaufnahmen immer mehr zum gefeierten Sängerinnen-Starlet wird, scheint seine Zuneigung kaum zueinander ausdrücken zu können. Paul liebt Madeleine, Madeleines Gefühle scheinen deutlich gemindert, sie mag lieber ihre Freundschaft zu ihrer Zimmergenossin Elisabeth, lässt den deprimierten Paul oft hängen. Dafür findet Madeleines Freundin Catherine zunehmend Gefallen an Paul, obwohl Pauls bester Freund Robert eigentlich an ihr interessiert ist.
Die permanente Fragerei wird unterstützt durch Pauls Jobs: Zunächst ist er bei einer Zeitung angestellt, also da, wo man Interviews macht und später bei einem Meinungsforschungsinstitut. Doch nachdem er mehrere Monate als Meinungsforscher diverse Menschen, unter anderem auch das seltsame Model Miss "19" (als sie selbst), befragte, muss er zu der Feststellung kommen, dass ihm nie die Wahrheit erwidert wurde. Durch seine Fragen werden Antworten manipuliert, viel zu sehr forciert. Er stellt nicht nur seine Arbeit für das Institut in Frage, sondern auch sein Privatleben. Ist Madeleine wirklich verliebt in ihn? Am Ende ist Paul tot – anscheinend ein Unfall, er ist aus dem Fenster gestürzt. Und so steht am Ende des Films das formellste "Interview" des Films. Catherine und Madeleine auf dem Polizeirevier, ihre Aussage zu Protokoll gebend. Ob sie die Wahrheit berichten oder ob aus dem denkbaren Suizid nicht erst durch die Frage des Polizeiprotokollanten ein Unfall wurde, bleibt unklar. Am Ende scheinen mehr Fragen offen zu bleiben, je mehr Antworten gegeben wurden.
Dass Pauls Fragemethode manipulativ und falsch ist, wird in der berühmten Szene mit der Miss "19" klar. Fragt er das junge Model nach Diaphragmen, so berichtet sie lächelnd, offen und eloquent. Fragt er sie nach Kriegen oder der Zukunft des Sozialismus antwortet sie achselzuckend – aber lächelnd. Das Bild, das wir von dem Model kriegen, ist das Bild Pauls gemessen an seinen Interessen. Man erfährt von dem Mädchen höchstens, dass sie anscheinend nicht die gleichen Interessen hat, wie Paul – jedoch nichts über die Person selber. Umso unverständlicher, dass Paul diese Fragestunde beruflich durchführt. Hätte er Madeleine vielleicht weniger philosophische und persönliche Fragen gestellt, sondern mehr Fragen, bei denen er im Zweifelsfall seine eigene politische und intellektuelle Überlegenheit hätte ausdrücken können, würde er jetzt nicht ein derart melancholischer, junger Mann sein.
Aber: Der Film trägt ja auch noch seinen schweren, berühmten Alternativtitel: "Die Kinder von Marx und Coca-Cola". Und dieser bezeichnet den Film doch sehr treffend. So wirkt Godards Schwarzweißfilm trotz all des moralischen Trübsinns Léauds wie ein bunter Wandkalender, der von Flippermaschinen, Billardhallen, Plattenstudios, Jukeboxes und all den anderen popkulturellen Sensationen der Sechziger berichtet, aber jeweils mit einem Anti-Vietnam- oder wahlweise Pro-Kommunismus-Statement unterschrieben ist. Ja, während Chantal Goya ihre ye-ye-Liedchen trällert, fragen sich Roger und Paul über Kommunismus und Sozialismus aus, sprühen wie bei Kinderstreichen pazifistische Slogans auf die Limousinen von Amerikabotschaftern und besprechen ihre nächste Plakatekleb-Aktion. Laut Paul leben sie in der Ära von "James Bond und Vietnam". Und genau das scheint sich auch in den Köpfen der Jugendlichen abzuspielen. Wenn sie im Kino still sitzen, gelöst von den Frage-Antwort-Spielen und wenn sie haarsträubende, politische Parolen erfinden, sind sie ganz sie selbst. Wenn sie peinlich berührt und infantil über Liebe, Sex und Verhütungsmethoden offenbaren sie ihre wahre Unreife.
Die Jugend, ihre Geschlechter und ihre Politik. Das ist also "Masculin – féminin oder: Die Kinder von Marx und Coca-Cola". Da, wo die schüchterne, mit zitternder Stimme vorgetragene Frage in diesem nie endenden Fragekatalog von Film, Madeleine fragt, ob es okay wäre, sie "da" zu berühren. Da, wo die Bardot einfach so in einem Café ihr neues Filmprojekt durchgeht und einige Tische weiter eine Mörderin ihren nächsten Freier vergrault, weil sie dem Deutschen die Kriegsschuld auftischt. Da, wo die Fragespielereien improvisiert werden, also da, wo Wahrheit von Lüge getrennt wird. Egal, ob es um die Lüge der Antwort geht, wenn Catherine nur zögerlich auf die Frage antwortet, ob sie mit vielen Männern schlafe, oder ob es um Godards Ansicht über die ultimative Lüge, der Film an sich, geht. Da ist dieser Film. Und dieser Film ist groß.