Originaltitel: Gandahar. Frankreich/Südkorea/USA, 1988. Regie: René Laloux. Drehbuch: Raphael Cluzel, René Laloux (nach einem Roman von Jean-Pierre Andrevon). Produktion: Michel Noll, Leon Zuratas, Susan Slonaker, Bob Weinstein. Schnitt: Christine Pansu. Musik: Gabriel Yared, Bob Jewett, Jack Maeby. Farbe. 83 Min.

 


René Laloux kooperierte für seine vorherigen Filme "Fantastic Planet" und "Herrscher der Zeit" – zwei Science-Fiction-Animationsfilme, deren Qualität und Klasse zweifellos hoch sind – mit einigen der besten Künstlern und Filmemachern aus Frankreich, der Tschechoslowakei, Ungarn und Deutschland. Laloux ging Verbindungen mit wohlklingenden Namen wie Roland Topor, Stefan Wul, Moebius oder Roger Corman ein, ohne je selber in seiner cineastischen Vision zurückstecken zu müssen. Mit seinem dritten, letzten großen Sci-Fi-Abenteuer jedoch suchte er sich finanzielle Hilfestellung in Hollywood, um genauer zu sein: Bei den Miramax-Studios. Und schon bald war es nicht mehr nur Laloux, der auf dem Regiestuhl von "Light Years" saß, sondern auch der streitbare Filmproduzent Harvey Weinstein.

Wie schon bei seinen anderen Zeichentrickabenteuern ist "Light Years" komplexe Science-Fiction mit gesellschaftskritischen Zügen, einer komplizierten Geschichte und einer kinderunfreundlichen Bebilderung. Allerdings wurden alle möglicherweise zu sehr abschreckenden Elemente von den Weinsteinbrüdern anscheinend entfernt: Zwar basiert "Light Years" auf einer erwachsenen Vision Jean-Pierre Andrevors, jedoch reduziert sich der Film in seiner extrem kurzen Laufzeit von unter achtzig Minuten selber auf seine Abenteuerelemente. So steht ein muskelbepackter Held im Mittelpunkt, der das Unmögliche möglich machen muss, um den Weltfrieden wieder herzustellen. Eine reichlich altbekannte und langweilige Grundidee, wenn man sich die "alternativen Geschichten" aus Laloux' früheren Werken ansieht.

Der Originaltitel "Gandahar" beschreibt ein genetisch aufpoliertes Volk, das in absoluter Harmonie mit ihrer Umwelt lebt. Nach Jahrzehnten des Friedens mit sich selbst, greifen urplötzlich metallene Männer die umliegenden Dörfer Gandahars an, die die überraschten Menschen mittels Laserkanonen versteinern können. Längst haben die Bewohner Gandahars Kriegswerkzeuge und –pläne vergessen und verlernt und so sieht man sich machtlos gegen die unerwartete Bedrohung. Der Thronerbe der Königin Ambisextra wird von dem Rat der Frauen erwählt, in die entlegenen Dörfer der Welt vorzudringen, um genug Informationen über die Angreifer zu sammeln. Sylvain, dieser mutige Jüngling, begibt sich auf eine Reise, die die alten Verfehlungen der sonst so lupenreinen Gandahar-Bewohner aufzeigen wird.

Er trifft auf eine Siedlung mutierter Männer und Frauen. Ihre Gliedmaßen und Organe sind auf ihren deformierten Körpern verrückt oder ganz ausgelassen. Diese Mutanten sind Erzeugnisse der Genexperimente, die Gandahar einst befehligte um jene jetzt intakte Elitegesellschaft zu formieren. Sylvain ist bestürzt: Sein Volk beweist weder ethische, noch wissenschaftliche Verantwortung. Mit den "Deformierten" als neu gewonnene Freunde in der Hinterhand begibt er sich tiefer in das unerforschte Land des Planeten, wo er schließlich von den Metallmännern gefangen genommen wird. Er erwacht in einem riesigen, hohlen Ei, zusammen mit einer exotischen, barbusigen jungen Dame, deren Herkunft nie wirklich erklärt wird. Dass beide für die nächsten zwanzig Minuten mit freiem Oberkörper durch die Landschaft rennen, bedeutet wohl, dass sie sich ineinander verlieben.

Die fürchterlich geradlinige, einfallslose Geschichte führt Sylvain von einem Hinweis zum anderen, ohne das die Figur des Helden im Laufe dieses Abenteuers je an Profil gewinnt. Gegen Mitte findet er per Zufall heraus, dass die gesamte Verschwörung anscheinend durch ein gigantisches Gehirn, das auf dem Ozean schwimmt, befehligt wird. Wieder wird er zufällig von diesem Gehirn wieder nach Hause gebracht, wo ein Bibliothekar nach Jahrhunderten des Unwissens zufällig die Akten über jenes mysteriöse Gehirn gefunden hat. Das Gehirn war ebenfalls einst ein Produkt der Gandahar'schen Experimente. Sylvain kehrt zu dem Gehirn zurück und wird aus eher unklaren Gründen tausend Jahre in die Zukunft geschickt, wo es dann schließlich im Showdown drunter und drüber geht.

Wirklich Spaß macht diese konstruierte Science-Fiction-Story nicht. Die Figuren sind so flach, wie das Papier, auf das sie gezeichnet wurden und die Geschichte so dünn und uninteressant, dass man ihr fast dankbar ist, dass sie einige offene Enden und Fragen unbeantwortet lässt und nach dem Showdown fix den Abspann folgen lässt. Sollte es angesichts dieser verkorksten Story verwundern, dass Isaac Asimovs Name im Vorspann auftaucht, dann sollte gesagt sein, dass diese Science-Fiction-Legende lediglich für die Übersetzung des bereits existenten französischen Skripts in ein hochsprachiges Englisch verantwortlich war. Für kreative Ideen war Asimov nicht zuständig.

Laloux' sonst so inspirierte Animationskunst schimmert nur in wenigen Sequenzen durch. Zwar sehen wir wieder eine ausgesprochen ausgefallene Auswahl an außerirdischen Tieren und Pflanzen, jedoch sind die sonstigen Zeichnungen purer, fast schon erschreckend simpler Durchschnitt. Offenbar gab es bei einer amerikanischen Coproduktion nicht genügend Budget für einen ambitionierten Visionär wie Laloux, um ihm Geld und Mittel zur Verfügung zu stellen, um an alte Erfolge anzuknüpfen. Wie viel Tempo und Inhalt durch die Beteiligung Harvey Weinsteins an Regie und Schnitt verloren ging, ist unklar – nur, dass es so war, wird niemand bestreiten. Die Idee das Komikerduo Penn und Teller als Stimmen für die amerikanische Version zu besetzen kann nur von Weinstein kommen.

Dass "Light Years" René Laloux' letzter Film wurde, ist mehr als schade. Seine vorherigen Filme waren brillante Erfolge, doch hier enttäuscht der Meister der intelligenten Science-Fiction-Animation auf ganzer Linie. Weder die inhaltliche, noch die optische Ebene – nicht einmal die nervige Musik von Gabriel Yared -, kann das müde, uninteressant gestaltete Möchtegernepos vor der Versenkung, Lichtjahre entfernt, retten.