Während des Rückzugs Iraks aus Kuwait während des Zweiten Golfkriegs, der am 26. Februar 1991 begann, stecken irakische Truppen Ölfelder auf kuwaitischen Boden in Brand und öffneten Ölterminals, so dass sich Unmengen Öl in den persischen Golf ergießen. Zwar sind sofort amerikanische Helfer zur Stelle, die das gigantische Ölfeuer löschen versuchen, jedoch bleibt die Umweltkatastrophe nicht aus. Nach einem Krieg, dessen Opfer bis auf maximal 200.000 Menschenleben geschätzt wird, ist jene Tat wohl der Inbegriff der Finsternis. Dass sich Menschen gegenseitig in ihrer Zerstörungswut ausrotten können, das haben uns bereits die beiden Weltkriege gelehrt. Dass jener Selbstzerstörungswahn soweit geht, dass man seinen eigenen Planeten, seine eigene Natur sinnbildlich ein Messer zwischen die Rippen rammt, sieht man – glücklicherweise – selten. Werner Herzog war da, um es zu sehen und um die Naturkatastrophe zu filmen. "Lektionen in Finsternis" heißt sein Film.

Obwohl "Lektionen in Finsternis" gemeinhin treffend als Herzogs filmisch "dunkelste Stunde" beschrieben wird, ist dieses Werk keine Moralstudie, die Betroffenheit heuchelt, sondern ein zutiefst poetischer, gar schöner Film. Schönheit, zwar von dichterischer Ästhetik, aber dennoch eine bittere Schönheit, die Kopfschütteln, Verzweiflung und gar so etwas wie Resignation evozieren mag. Erklärend setzt Werner Herzog einen selbst kreierten Aphorismus voran, den er fälschlicherweise als Zitat des Mathematiker und Philosophen Blaise Pascal ausgibt: "Der Zusammenbruch der Sternenwelten wird sich – wie die Schöpfung – in grandioser Schönheit vollziehen."

Die Bilder, die Herzog hier zeigt, erscheinen einen wahrlich wie apokalyptische Illustrationen zur Johannesoffenbarung. Gigantische Rauchschwaden, die sich wie ein triumphierender, unbarmherziger Koloss auf die Welt stützen, beflecken den gesamten Horizont. Eine Ölfontäne wird in Brand gesetzt und mutiert dadurch zu einer satanischen, lodernden Zunge, die das Universum in sich einwickelt. Das Wasser, eine unserer wertvollsten chemischen Verbindungen auf der Erde, wird von dem Parasiten Öl befallen. Aus dem klaren, blauen Nass wird ein schwarzer Todesteppich; muster-, wie leblos. Dazu schwermütige, klassische Musik von Wagner, Verdi, Mahler, Schubert, Prokofiev und Grieg. Dass jene Bilder nicht bloß erschreckend sind, sondern auch faszinierend, erstaunlich und überwältigend.

Und obwohl "Lektionen in Finsternis", ähnlich wie sein '71er Meisterwerk "Fata Morgana", lediglich aus Dokumentarbildern montiert, ist der Film kein Dokumentarfilm, keine Repräsentation der Wirklichkeit, sondern eine mystische Mischung aus sowohl Fiktion und Wirklichkeit. Die Arbeit in der Postproduktion transformiert den journalistischen Naturfilm in eine parabelartige Science-Fiction-Oper. In der Montage wurde jedes Filmbild entfernt, durch das man die zerstörten, fremdartigen Landschaften Kuwaits als Ebenen auf unserem Planeten identifizieren könne. Und der seltene Voiceover, den Herzog hier selber einspricht, stellt den Schauplatz lediglich als "Planeten aus unserem Solarsystem" vor. Unsere Blickrichtung auf die Katastrophe ist also die eines Unbeteiligten, ja, eines außerirdischen Besuchers, mag man meinen. Wir sind jene, die voller Fassungslosigkeit, unsere Köpfe schütteln können und sprachlos auf das Feuer und auf die Menschen, die es versuchen zu löschen, blicken.

Würde man eine Synopsis anhand Herzogs Voiceovers schreiben wollen, ohne das historische Hintergrundwissen zu bemühen, würde sie wohl so aussehen: "Nach einem kurzen, nur mehrstündigen Krieg in einer uns unbekannten Stadt auf einem uns ebenfalls unbekannten Planeten, nehmen wir an 13 Lektionen in Finsternis teil, die von der Zerstörung des eigenen Universums der Menschen zeugen". Berichtete Herzog in "Fata Morgana" noch von der Genesis, dem Schöpfungsakt, eines Planeten und seiner Zivilisation, so schließt sich nun der Kreis. "Lektionen in Finsternis" ist das unvermeidliche Sequel zu "Fata Morgana", das Ende des Lebens, der Niedergang einer Rasse. Der Weltenuntergang.

Wie so oft bei Herzog steht auch die Kommunikation im Mittelpunkt. Nachdem wir als Zuschauer auf dem "Planeten in unserem Solarsystem" gelandet sind, zeigt uns Herzog einen amerikanischen Arbeiter in Schutzkleidung gepackt, der uns durch Gestik etwas mitteilen möchte. Herzog als Erzähler kommentiert diesen Kommunikationsversuch als unverständlich. Zwei zivile Frauen Kuwaits zeugen ebenfalls vom traumatisierten Sprachverlust. Mit dem Niedergang einer Zivilisation, zerstört sich auch ihre Errungenschaften. Mit dem Menschen und mit der Natur stirbt die Sprache. Es ist jedoch nicht nur jenes verbale Unverständnis, das sich durch Herzogs Werk zieht, sondern ein universelles Unverständnis. Am Ende von "Lektionen in Finsternis" beobachten wir Rettungsdienstler, die bewusst einen Ölspringbrunnen anfackeln, nur um wieder etwas zu löschen zu haben. Spätestens hier kapituliert Herzogs Kommentar vor seinem Anspruch, das Gezeigte zu erklären.

"Lektionen in Finsternis" ist kein Dokumentarfilm über Kuwait, sondern ein Dokumentarfilm über uns, der Zuschauer. Ist unsere eigene Welt so unerträglich geworden, dass wir ihre Bilder nur noch als Phantasieprodukte von einem anderen Stern akzeptieren können? Ist unsere Unmenschlichkeit mittlerweile so unermesslich, dass wir nicht einmal bemerkt haben, dass wir uns längst in der Apokalypse befinden? Im Gegensatz zu "Fata Morgana" provoziert Herzog hier bewusst diese und andere moralische und philosophische Fragen über uns und unseren Blick auf unsere eigene Rasse, die wir nur noch als fremdartige Außerirdische begreifen können. Gleichzeitig aber auch ein Werk voller cineastischer Poesie, einem meditativen Bildersog. Ein faszinierendes, wie kritisches Meisterwerk, weitab jeglicher Genregrenzen, über all den Möglichkeiten des modernen Kinos schwebend.