Lafcadio Hearn, Sohn eines Iren und einer Griechin, der in Frankreich und England aufwuchs, verliebte sich 1890 in ein Land, weitab seiner multikulturellen, europäischen Wurzeln: Japan. 1891 heiratete er eine Japanerin und wurde Koizumi Yakumo, ein loyaler Bürger des Imperiums, bekam einen Lehrstuhl an einer Universität und verfasste viele Schriften über die Kultur, Folklore und Geographie seiner Wahlheimat. Als Literat wurde er besonders durch "Kwaidan", einer Anthologie traditioneller Geistermärchen, weltweit bekannt. 1964, 62 Jahre nach Hearns Tod, wurden vier seiner Kurzgeschichten verfilmt, ebenfalls unter dem Titel "Kwaidan", der so viel wie "Sonderbare Geschichten" übersetzt bedeutet. Regisseur Masaki Kobayashi bediente sich dabei aus verschiedenen Werken Hearns: Lediglich die Hälfte der Kurzgeschichten des Films findet sich auch in der Literaturvorlage "Kwaidan" wieder.

Kobayashi wiederum hat den Ruf eines der penibelsten und präzisesten Regisseure Japans. Man erzählt sich, dass Kobayashi an einem Tag gerade Mal drei Takes drehen kann. Sieht man "Kwaidan", könnte sich dieser Ruf als gerechtfertigt erweisen. Kobayashi, der ursprünglich von der Malerei kommt, erschafft eine unwirkliche Traumwelt, die er in immer gigantischer werdenden Studiosets filmt. Dabei sind Bildkader, Beleuchtung und Setdesign herausragend. Für die reichhaltigen Außenaufnahmen ließ Kobayashi gigantische Hintergrundbilder anfertigen, die von der Enge der Studiowände ablenken und eine freie Weitsicht auf den Horizont gewährleisten sollten. Doch diese Bilder haben keinesfalls den Anspruch der Realitätssimulation, wie etwa die matte-paintings in Hollywood zu jener Zeit. Es sind eindeutig artifizielle Gemälde, die den Himmel gern in unwirkliche Farben tauchen: blutrot, eisblau oder sonnengelb. In der zweiten Episode in "Kwaidan", "The Woman of the Snow" schicken sich sogar ganze Augenpaare an, den Himmel unheilvoll zu bevölkern. Kobayashis Welt ist definitiv keine reale. Es ist eine bezaubernde, exotische Märchenwelt, die nur von Figuren aus Legenden, Balladen und Lagerfeuergeschichten zivilisiert wird. Eine Welt, in der alles ist, solange es der Geschichtenerzähler nur zu artikulieren mag. Eine Welt also, die der Kunst vollkommen obliegt. Sei es der Kunst der Narrative oder die Kunst des Inszenatorischen.

"Kwaidan" beginnt mit "Black Hair", einem Melodrama über einen Samurai, der sich von seiner stillen, liebevollen Frau trennt, um vor der Armut zu entkommen und einer Geldheirat mit der Tochter eines reichen Mannes zuzustimmen. Doch sein Wohlstand und seine monetäre Sicherheit lassen den Samurai nicht vergessen, dass er seine wahre Liebe dort draußen zurückließ. Nach Jahren der Seelenqual kehrt er in sein altes, verwahrlostes Zuhause zurück und entdeckt, dass seine Geliebte scheinbar nicht einen Tag gealtert ist.

Die zweite, visuell opulente Geschichte ist die bereits erwähnte "The Woman of the Snow", eine der berühmtesten Erzählungen Hearns. Hier verlieren sich zwei Holzfäller in einem Schneesturm. Gemeinsam finden sie Unterschlupf in einer scheinbar verlassenen Hütte. Doch nach einer Nacht, die sie durch Erschöpfung durchgeschlafen haben, ist der Ältere von beiden tot und der Jüngere sieht dem Tod buchstäblich in die Augen: Eine Frau mit einer eiskalten Hautfarbe, deren eisiger Atem scheinbar den sofortigen Tod bedeutet. Doch sie verschont den Holzfäller unter der Bedingung, dass er niemandem jemals von seiner Begegnung mit ihr erzählen dürfe. Die Jahre danach bedeuten Glück für den Holzfäller. Mit einer hübschen Frau, gesundem Nachwuchs und solidem Einkommen gesegnet, hat er längst sein Versprechen an den Tod vergessen…

Nach diesen Horrorepisoden, in denen das Motiv der Liebe eine wichtige Rolle spielte, wagt sich Kobayashi an seine komplexeste und längste Geschichte heran: "Hoichi the Earless" ist zunächst die Ballade zweier verfeindeter Samuraiclans, den Heikes und Genjis, die sich in einem mörderischen Duell zu Wasser entgegenstehen. Die Seeschlacht der beiden Todfeinde wird, Jahrzehnte später, musikalisch derart berührend aufgearbeitet, dass die Geister der gefallenen Samurais auferstehen und den blinden Biwaspieler Hoichi dazu überreden seine Melodien auf der Biwa in ihrer Gedenkstätte zu spielen. Erst die Mönche entdecken in welch schrecklicher Gefahr Hoichi steckt und beschließen ihn durch buddhistische Schriftzeichen, die überall auf seinem Körper geschrieben werden, unsichtbar für die Besucher aus dem Jenseits zu machen. Doch sie machen einen Fehler und vergessen ein Körperteil.

Die letzte Episode ist eine unvollendete. Bereits zu Anfang der Geschichte "In a Teacup" wird berichtet, dass viele japanische Schriften aus den verschiedensten Gründen nie zu Ende geschrieben worden sind. Das bedeutet in diesem Falle, dass sie lediglich ohne eine Pointe auskommt, so wie es die vorhergehenden drei Erzählungen vormachten. Ein Soldat sieht während seiner Wache zu Neujahr einen Geist in einer Teeschüssel. Später besucht ihn sogar jener Geist, den er scheinbar verwunden kann. Der verschreckte Soldat sorgt für viel Aufsehen. Ein Suchtrupp und viele befreundete Soldaten machen sich daran, den Eindringling zu finden, scheitern aber natürlich. Als dem Soldaten schließlich nicht mehr geglaubt wird, verfällt er komplett dem Wahnsinn.

Kobayashis Schauerromantik ist allerdings nicht nur einer der wenigen erfolgreichen Episodenfilme, weil ästhetisch und narrativ homogen, sondern auch ein wunderbarer Diskurs über das japanische Geschichtenerzählen. Das Geschichtenerzählen von Legenden, die ja auch durch Lafcadio Hearn nicht neu erfunden wurden, sondern lediglich neu aufgearbeitet, als Sinnbild für die Zurückbesinnung auf japanische Werte und Traditionen in der Kinokultur. Und diesen gibt sich Kobayashi mit all seinen Dekors, Kostümen und Wasserfarben hin. Als Kontrast dient hier Akira Kurosawa, der zu jener Zeit durch einen Film wie "Zwischen Himmel und Hölle" der Vorwurf entgegengebracht wurde, zu westlich zu inszenieren. Dabei ist insbesondere die rätselhafte, finale Episode exemplarisch für den japanischen Horrorfilm. Ohne Konklusion, ohne in die typisch-westliche Verlegenheit zu geraten, sich und seine Logik vor dem Zuschauer zu rechtfertigen, wird die Geschichte in einem Zustand des Wahnsinns, des Horrors beendet. In Hollywood wäre eine solche Erzählweise undenkbar.

"Kwaidan" ist der vielleicht beste Horrorfilm Japans, ein Meisterwerk voller grandioser Leistungen. Tôru Takemitsus gespenstischer, atonaler Soundtrack ist genauso zu erwähnen, wie die wundervolle Scope-Photographie von Yoshio Miyajima oder das beeindruckende Studiodesign von Shigemasa Toda. Eine grandiose, visionäre Teamarbeit unter der Leitung von Masaki Kobayashi, die in der Tat zu einem ästhetischen Wunderwerk und einem narrativen, doppelbödigen Meisterwerk des Grusels wurde.