Ausgerechnet Adrian Lyne. Ausgerechnet der Mann, der sich mit "9 1/2 Wochen" und "Flashdance" als der perfekte Oberflächenfilmer etablierte. Ausgerechnet dieser eine Regisseur drehte im Jahre 1990 einen der bemerkenswertesten, brillantesten Filme dieser Epoche. "Jacob's Ladder" - Mehr als nur ein Horrorfilm, mehr als nur ein Psychodrama, als ein Thriller oder eine Parabel auf Vietnam. So viel mehr als ein gewöhnlicher Film.

Den Inhalt des Filmes korrekt wiederzugeben ist gänzlich unmöglich. Es ist die Geschichte des Jacob Singer (Tim Robbins). Eingeführt wird dieser Hauptcharakter mit einem einschneidenden Erlebnis aus Vietnam: Zugedröhnt mit Drogen wird seine Truppe in Kampfhandlungen verwickelt, bei denen er eine kräftige Bauchwunde bekommt. Nur ein Schnitt weiter, und wir sehen Jacob leicht gealtert in modernerer Umgebung. Er sitzt halb weggedöst in einer U-Bahn. Im Laufe dieser U-Bahn-Sequenz sieht er bizarre Vorgänge: Etwas schleimiges, Parasiten-artiges scheint aus einem der Penner, die die Nachtruhe in der Bahn finden, herauszuwachsen. Eine andere Passagierin starrt ihn wie in Trance an, ohne auf seine Fragen zu antworten. Willkommen in Jacob Singers Leben.

Wir erfahren, dass Jacob nachdem er aus Vietnam angeschlagen zurückgekehrt ist, seinen Doktortitel an den Nagel gehängt hat, und "nie wieder in seinem Leben denken wollte". Nun ist er Postangestellter. Das Grauen scheint ihn verändert zu haben. Zu den Trümmern seines Lebens gehört seine Familie: Die verlassene Ex-Frau Sarah (Patricia Kalember), zwei Kinder und die Erinnerungen an den tödlich verunglückten Sohn Gabe (Macaulay Culkin). Die Erinnerungen an jene Tagen schmerzen Jacob noch heute, obwohl er mit der hübschen Arbeitskollegin Jezebel (Elizabeth Peña) zusammenlebt. Doch zunehmende Flashbacks aus den alten Tagen (sowohl Vietnam, als auch die heile Vergangenheit mit der Familie), immer wieder kehrende, dämonische Visionen und ein Fieberanfall von 40 Grad lassen Jacob zu einem emotionalen Wrack werden lassen.

Adrian Lyne erzählt keine Story. Viel mehr lässt sich nach mehrmaligem Ansehen eine Story aus dem nun folgenden Film herausfiltern, interpretieren. Doch das Gerüst des Films ist keines Falls, das, was der Regisseur uns sagen wollte. Das wird schon darin deutlich, wie Lyne uns mit Absicht nie in Sicherheit wiegt. Andere Filme, die mit halluzinatorischen Psychogrammen zu tun haben, lassen den Zuschauer lieber von einem Standpunkt zum nächsten, von einer Sicherheit zur nächsten springen, um ihn immer wieder mit neuen Erkenntnissen zu überrumpeln. Lyne jedoch währt den Zuschauer zu keiner Sekunde in Sicherheit, und lässt selbst noch nach dem Showdown Fragen offen, die man höchstens beim nochmaligen Goutieren dieses Meisterwerks beantwortet sieht. Es gibt keine Minute im gesamten Film, in der sich der Zuschauer entspannt zurücklehnt, und sagen kann "Jetzt hab ich den Überblick, mal schauen was als nächstes passiert".

So bleibt der Zuschauer am Ball und muss sich auf die Geschehnisse, in denen der Film herumspringt konzentrieren. Auch zu gute halten muss man Lyne, dass er den Zuschauer zu keinem Zeitpunkt belügt. Am Ende erfahren wir, dass alles wahr ist, was wir gesehen haben - auf seine Weise. Das komplexe Storykonstrukt, das im Wesentlichen auf drei verschiedenen Ebenen spielt, ist ein wildgewordener Horrortrip, dessen Erzählrhythmus überraschend ruhig bleibt. Doch die Bilder sind wahrlich wie aus einem Alptraum entnommen. Die Realität wird verfremdet, und die Verfremdungen werden zur Realität. Das beginnt bei simplen Metonymien und hört bei Schreckensvisionen aus der Hölle auf, und gipfelt in einer erschreckend extremen Höllenfahrt durch ein schizophrenes "Krankenhaus". Bei all diesen Irritationen ist sich der Zuschauer - bei erstmaligem Ansehen - bis zum bitteren Ende nicht sicher, warum das mit Jacob passiert? Fährt er wirklich in die Hölle hinab? Ist er Opfer einer internationalen Verschwörung? Ist das alles nur ein extremer Fiebertraum? Oder ist wirklich irre?

Das Ende des Films gleicht dann einer Erlösung, wenn auch verstörend, pessmitsisch, traurig und zerfressend. Bei dem kontroversen Ende, einem der meist diskutiertesten Showdowns der Filmgeschichte wird einem klar, warum das Skript zu "Jacob's Ladder" so ewig lange auf Eis lag. Jeder Regisseur bestätigte Autor Bruce Joel Rubin Talent und ein cleveres Drehbuch abgeliefert zu haben - doch niemand traute sich an diesen hochkomplizierten Stoff heran. Ein Wunder, dass es gerade bei Adrian Lyne gelandet ist, dem vermutlich die wenigsten einen Film wie diesen zugetraut hätten.

Ein weiterer großer Pluspunkt für "Jacob's Ladder" sind die fabelhaften Darsteller. Tim Robbins als einsamer "Held", der die gesamte Welt gegen sich sieht, ist seine erste wirklich große, eigene Rolle. Und Nebendarsteller Danny Aiello als fürsorglicher, charismatischer Chieropraktiker ist Oscar-reif. Neben diesen herausragenden Performances sieht man auch Jason Alexander, Pruitt Taylor Vince, Eriq La Salle, Ving Rhames, Suzanne Shepherd - und sie alle machen ausnahmlos eine grandiose Figur.

Nach 110 Minuten "Jacob's Ladder" ist der Zuschauer um eine prickelnde, böse Film-Erfahrung weiser. Ob einem der schwer fassbare Spiegel einer okkulten, etwaig konspirativen Psychose nun gefällt oder nicht - Lynes Erzählweise, puzzle-artig, und wirklich erst in der letzten Minute erhellend, und Gänsehaut-herausfordernd, ist innovativ, künstlerisch, frei stilisierend, und einfach nur atemberaubend.