21. Mai 1936, das Datum eines der berühmtberüchtigsten Skandale in Japans Geschichte. An diesem Tag wurde Abe Sada festgenommen. Die ehemalige Prostituierte kam als Hausmädchen in einem Restaurant unter, das Kichizo Ishida gehörte. Obwohl Ishida verheiratet war, wurden beide schnell ein Liebespaar, das sexuell manisch voneinander besessen war. Ihre Liebesspiele wurden immer gewalttätiger und obsessiver und kulminierten schließlich in gegenseitigen Strangulationen. Am 18. Mai des gleichen Jahrs schließlich erwürgte Abe Sada ihren Liebhaber Ishida zur Lustgewinnung beiderseits und schnitt ihm dann schließlich seine Genitalien ab, mit denen sie triumphierend durch Tokyo wanderte. Drei Tage später, als sie sich gerade zum Selbstmord niederlassen wollte, wurde sie von der Polizei gefasst. Eine Art Nationalheldin wurde geboren.

Eine filmische Aufarbeitung ihrer Biographie wurde bereits 1975 in Noburu Tanakas "Abe Sada" in den Kinos gezeigt. Bereits ein Jahr später erblickte eine weitere Verfilmung des Stoffes die Kinoleinwand. Diesmal war es Nagisa Oshima, bekannt durch Filme wie "Tod durch Erhängen", der die Geschichte der Abe Sada verfilmte und zugleich einen Meilenstein der Filmhistorie legte. Sein "Im Reich der Sinne" macht sich frei von jeglicher Charakterstudie und biographischer Narrativik. "Im Reich der Sinne" reduziert die Lebens- und Liebesgeschichte zwischen Abe Sada und Kichizi Ishida auf ihren Sex. Ihre gemeinsame Biographie wird dabei lediglich kursorisch angerissen. Oshimas Film ist daher eigentlich kein narrativer Film, da er sich darauf beschränkt, die Obsession und somit die Essenz ihres Zusammenseins in Sequenzform darzustellen, ohne auf Charaktere und Motivation einzugehen.

Da Oshima im Gegensatz zu gängigen Softerotikfilmen keine Alibihandlung um seine Sexszenen häkelt, ist "Im Reich der Sinne", ein direkter und wahrer Film. Ein Kunstobjekt, das sich nicht durch den Topoi eines Weichzeichner oder frivoler Symbolika ausdrückt, sondern immer wieder die unmittelbare Repräsentation des Geschlechtsakts zwischen Sada und Kichi sucht. Dabei ist Oshima konsequent, wie kaum ein Regisseur vor ihm. Sein Sex ist Sex in Großaufnahme, mit Detailaufnahmen der männlichen und weiblichen Genitalien, klarem Oralverkehr zwischen den Hauptdarstellern und sich immer und immer steigernder, provokanter Perversionen im Liebesspiel. Oshima bedient sich sicherlich filmisch eines pornographischen Vokabulars, wenn er beispielsweise immer wieder Kichis erigierten Penis photographiert, aber sein Film selber ist ganz klar keine Pornographie. Des Films Formalismus verlangt schlichtweg nach jener Deutlichkeit, könnte ohne explizitem Sex in sich zusammen fallen. Und andererseits erwecken die Bilder des obsessiven Liebesspiels niemals voyeuristische Lust.

Die pure Permanenz des Eros in dem Leben Sadas und Kichis, saugt das Soziale vollkommen auf. Alles, was die Beiden tun, ist sexuell. Wenn Kichi sich eine Geisha bestellt, zur kulturellen Unterhaltung, dann eigentlich, damit diese beim Kopulieren der beiden zusieht. Und wenn sie frühstücken, dann führt sich Sada das Essen in ihre Vagina ein, um ihren Liebhaber mit jenen beträufelten Früchten zu füttern. Das Leben um des Sexes Willen. Aber auch andersherum: Sex nur um des eigenen Lebens Willen. Nachdem Kichi seiner Sada ein gekochtes Ei in ihre Scheide steckt, muss sie es "legen", wie eine Henne. Hier wird verdeutlicht, dass ihr Sex nicht der natürlichen Reproduktion dient, ihm also jeglicher heiliger oder gar christlicher Zweck abgeht.

Und trotz der sich immer steigernden, bis zum konsequenten, homizidalen Sadomasochismus emporsteigende Perversion und der bewussten Unerotisierung des gefilmten Koitus bleibt "Im Reich der Sinne" ein ästhetischer Film. Seine Farben, seine Dekors, seine Kameraauflösung ist reichhaltiger und beseelter, als die Figuren, die diese beleben zu versuchen. Die morbide Fusion zwischen Thanatos und Eros, die am Ende zur Kastration führt, die der Filmkamera in unersättlicher Detailfülle aufgezeichnet wird, dient so als harscher Kontrast zu dem sonst ansprechend, aber nicht voyeuristisch photographierten Film. Oshimas Tabubruch mag kalkuliert sein, ist aber von einem unbeschreiblichen Effekt.

"Im Reich der Sinne" ist ein Meisterwerk. Seine formelle Strenge und daher rezeptorische Schwere sind Grundsteine für jenen filmischen Tabubruch, der so wie kein anderer Ekstase und Wollust mit all ihrer Selbstdestruktion erforscht und jenseits der handelnden Figuren fühlbar macht. Nicht erotisch, nicht pornographisch, sondern wahr und erkenntnisreich, allein schon, weil er sich nicht hinter Gleichnissen oder Unschärfen versteckt, sondern seine Darsteller und ihr Geschlecht so zeigt, wie sie sind.