Originaltitel: HWY: An American Pastoral. Alternativtitel: Hitchhiker, The; HWY. USA, 1969. Regie: Paul Ferrara. Drehbuch: Paul Ferrara, Babe Hill, Frank Lisciandro, Jim Morrison. Produktion: Paul Ferrara, Babe Hill, Frank Lisciandro, Jim Morrison. Kamera: Paul Ferrara. Musik: Fred Myrow. Darsteller: Jim Morrison (Der Anhalter). Farbe. 51 Min.
Paul Ferraras Jim-Morrison-Vehikel "HWY: An American Pastoral" wird gemeinhin als wichtige Errungenschaft für dem amerikanischen Avantgardefilm gezählt. Sicherlich einige Elemente sind durchaus gelungen, jedoch ist "HWY" insbesondere eins: Vollkommen überschätzt. Wäre da nicht Jim Morrisons Präsenz vor der Kamera und sein Lyrik – "HWY" wäre nicht einmal eine Fußnote im Filmlexikon. Die Verehrer des unfraglich brillanten Sängers feiern ihr Idol schon ab, wenn er in einem Tümpel irgendwo in der Wüste mit seiner Lederhose baden geht. Der Filmfreund, der kein "The Doors"-Poster in seinen Räumlichkeiten kleben hat, wird sich nur fragen: Wozu all die Aufregung um "HWY"?
"Drive the highway west", sang Morrison in einem seiner intensivsten Songs "The End". Auch in diesem Film zieht es Morrison nach Westen. Nach Los Angeles. Also ist "HWY" faktisch ein Roadmovie. Und so ziemlich das trägste seiner Art. Ist es das langwierige Tempo, das "HWY" grundsätzlich zu Kunst und Kult macht? Wohl kaum. Andere Kultfilme haben bewiesen, dass die trotz gemächlicher Erzählweise faszinieren und im Zweifelsfalle sogar unterhalten können. "HWY" schafft beides so gut wie nie.
Die Story geht in etwa so: Jim Morrison spielt ein Wüstenkind, ein Möchtegernverwandter von Jodorowskys "El Topo", der unter Sand erwacht und sofort seine Bestimmung erkennt. Er macht sich als Anhalter auf den Weg in die große Stadt. Er rüstet sich mit einem Spazierstock und mit einer Jacke aus und schlendert am "HWY" entlang. Nach fast zwanzig Minuten, in denen kaum etwas passiert, bis auf, dass Morrison aus dem Off kryptische Lyrik über seine Kindheit und ein Trauma bezüglich toter Indianer am Highway rezitiert, während er auf Autowracks herumspringt. Dann, nach zwanzig Minuten endlich, erbarmt sich ein Autofahrer, Jim mitzunehmen. Den Fahrer selbst sehen wir nie und so verschwindet er nach wenigen Minuten auch komplett aus dem Film und Morrison fährt nun das Auto.
Auf seinem Weg stöbert Morrison in einem Ständer außerhalb eines Buchladens, sieht einen sterbenden Coyoten und quatscht freundschaftlich mit einem Tankstellenwart. Zwischendurch gibt es eine außergewöhnliche Szene in der er völlig grundlos innerhalb des Autos beginnt zu schreien. Als er in L.A. angekommen ist, telefoniert er, beichtet einen Mord in der Wüste, bekifft sich, bis er nicht mehr weiß, wo genau er ist. Am Ende tänzelt er auf dem Dach eines Jazzclubs. Ende.
"HWY" hätte sicherlich in den Händen eines erfahrenen und kreativen Regisseurs etwas Großes werden können. Paul Ferrara hingegen war lediglich ein Kameramann, der es gewohnt war, so zu tun, wie es ihm ein vorgesetzter Regisseur befahl. Und so ist bestimmt auch das Verhältnis zwischen Morrison, dessen ureigenes Projekt der Film war, und Ferrara. Morrison hat sich in die kalifornische Landschaft gestellt und hat Ferrara gesagt, was er zu filmen hatte. Die zusammengefügten Szenen funktionieren allerdings leider überhaupt nicht oder wenig. Autor und Mitproduzent Lisciandro sagte einmal, dass die Dreharbeiten zu "HWY" eigentlich nur als Aufwärmung zu den eigentlichen Shootings gedacht war – und exakt so sieht der Film letztlich auch aus. Man hat bei "HWY" konstant das Gefühl etwas unvollendetes, schnell heruntergekurbeltes, auf halbem Wege schnell in ein enges Konzeptkorsett gezwängtes zu sehen.
Wenn "HWY" verfilmte Poesie Morrisons sein soll, dann ist sie schlichtweg schlecht umgesetzt. Sollten sich Ferrara und Morrison wirklich an Filmemachern wie Kenneth Anger oder Andy Warhol orientiert haben, dann haben sie ihre Inspiration auf eine ganz andere Art und Weise realisiert, als es die beiden Avantgardelegenden gemacht haben. Wie man es dreht und wendet, "HWY" mag nicht funktionieren. Wenn man sich über Poesie Morrisons den Kopf zerbrechen will, dann liest man sie. Und wenn man rätselhafte Avantgarde sehen will, dann greift man zu den Vorbildern der Macher von "HWY". Denn aus "HWY" wird man kaum etwas mitnehmen können.