Nach Dario Argentos "Suspiria" könnte man denken, dass es keinen artifizielleren, künstlicheren, überstilisierten Horrorfilm als eben diesen geben könnte. Bereits ein Jahr später beweist der Japaner Nobuhiko Obayashi, dass es noch mehr "over the top" geht. "House" ist abgefahren, überdreht, bunt. Jeder Frame ist stilisiert, durch alle Mittel des modernen Filmemachens verfremdet. Weichzeichner, Splitscreens, anamorphe Kameralinsen, Bluescreen-, Morphing- und Stop-Motion-Effekte, irreale Matte-Paintings, Rückprojektionen, unglaublich viel Nachbearbeitung in der Postproduktion. Obayashi nutzte jede Möglichkeit, jede Ressource aus, um "House" zu einem völlig einmaligen Erlebnis werden zu lassen.

Doch, auch wenn "House" mit noch mehr Farbe und noch mehr Tricks jongliert, als Argentos "Suspiria", so verzichtet der japanische Horrorfilm auf die atmosphärische, gruselige Dichte des italienischen Klassikers. "House" nimmt sich selber nicht ernst, setzt auf viele Camp-Momente und ist durch die effektvolle Überspitzung aller Szenen in Kitsch und Übertreibung eher eine vollkommen ausgelassene Parodie, als ein wirklicher ernster Horrorfilm. Bereits zu Anfang beansprucht Obayashi eine vollkommen kitschige, schier unfassbare Optik für seinen Film, die eher an melodramatische Billig-Seifenopern erinnert, als an einen Spielfilm. Idyllische, kitschige Bilder von der fröhlichen Schülerin Oshare, in Zeitlupe und mit Weichzeichner gefilmt, untermalt von einer sentimentalen Melodie. Später dann ein Bild, wie aus jedem Teeniemagazin, das sich mit den Problemen der Pubertät annimmt: Oshare sitzt traurig in ihrem Zimmer. Ihr Vater hat ihr gerade seine neue Verlobte vorgestellt, mit der Oshare wenig anfangen kann. Betrübt betrachtet Oshare Fotografien ihrer toten Mutter. Das Bild ist dunkler, die Melodie ist die gleiche, wenn auch etwas langsamer. Der Kitsch ist immer noch derselbe.

In den Ferien wollen Oshare und ihre sechs Freundinnen einen Ausflug zu Oshares Tante machen, die nie geheiratet hat und einsam in einer Hütte, hoch auf den Bergen lebt. Oshares Tante hat genug Platz und Raum für die sieben Mädchen und da die geplante Klassenfahrt ins Wasser fällt, macht man sich schließlich auf den Weg, hinein in das "House". Und gleichzeitig in den Horrorfilm. Zunächst ignorieren die Mädchen eigenartige Vorkommnisse in dem Haus, wie etwa, dass ab und an Blut aus den Leitungen fließt, das Piano selbstständig beginnt zu spielen, die Tante ein drittes Auge in ihrem Mund versteckt hat oder das Spiegelbild eines der Mädchen zu einem Vampir wird. Doch nachdem die Martial-Arts-geschulte Kunfuu eines Abends attackierende Holzscheite mit Lufttritten abwehren muss, beginnt auch bald das Misstrauen der Mädchen in die "heile Welt" der Tante. Bald beginnt das "Haus" sich seine Nahrung zu suchen und schlägt zu… Da sich das verwunschene Haus ausschließlich von Jungfrauen ernährt, scheiden die jungen Damen bald nach dem "Zehn-kleine-Negerlein"-Prinzip aus dem Film und dem Leben.

Das unbekümmerte Kitsch-Opening ist schnell vergessen, wenn die Mädchen buchstäblich in dem Blut, das der Film vergießt, ertrinken. Die Mordsequenzen sind brutal, aber alle einfallsreich und satirisch. Der Höhepunkt an kreativem Sterben in "House" ist der Klavier spielenden Melodi vorbehalten – vielleicht, weil Regisseur Obayashi selber ein Musiker am Piano ist. Nachdem die Klaviertasten bereits blutrot angelaufen sind, verschlingt der Flügel das arme Mädchen einfach. Sie hängt zerstückelt noch eine ganze Weile aus den verschiedenen Öffnungen des maulartig geöffneten Musikinstruments heraus und schreit um Hilfe. Das Blutbad wird in seinem surrealen Einfallsreichtum noch verstärkt, wenn Obayashi dann auch noch einen gezackten, rot-blauen Rahmen in das Filmbild einfügt. Andere großartige, visuelle Momente sind beispielsweise sowohl die Anfangs- als auch die End-Credits, als auch solch unglaubliche Momente, in denen sich ein Tagtraum eines Mädchens über einen Märchenprinz, der sie rettet und heiratet, als ein "Hollywood"-Ende visualisiert wird: Sie sitzt mit ihrem Prinz auf einem galoppierenden Pferd, geschminkt und gekleidet, wie aus dem vorigen Jahrhundert stammend, während sich in gothischer Schrift die Worte "The End" auf das Filmbild liegen. Und das, obwohl der eigentliche Film "House" noch über eine halbe Stunde läuft!

"House" ist ein Gesamtkunstwerk. Jede übertriebene Geste, jedes Augenblinzeln scheint dem japanischen, postmodernen Kitsch verschrieben zu sein. Die Musik, die überraschend im Schluss plötzlich zu gesungenen Herzschmerz-Popsongs mutiert, läuft, stellt immer eine völlig unnatürliche, affektierte Harmonie in den Raum, die nicht selten durch die bereits angesprochenen, visuellen Effekte gestört wird. Es scheint so, als wäre jeder einzelne Filmframe aus "House" nicht nur wunderschön, einzigartig und absolut ausreichend dekorativ, um sie sich einzurahmen und ins Zimmer zu hängen, sondern auch noch permanent durch visuelle Effekte verändert. "House" ist ein unbeschreiblich wildes, irres, buntes, quietschvergnügtes, wenn auch unfassbar brutales, surreales, ideenreiches "Ding" von einem Film. Absolut einzigartig, absolut eigenartig, absolut unterhaltend und stimulierend.