Originaltitel: Horror. USA, 2002. Regie: Dante Tomaselli. Drehbuch: Dante Tomaselli. Produktion: Tony Rullis, Maria Tassiello, Dante Tomaselli, Anthony J. Vorhies. Kamera: Timothy Naylor. Schnitt: Marcus Bonilla. Musik: Dante Tomaselli, Raz Mesinai. Darsteller: The Amazing Kreskin (Reverend Salo), Lizzy Mahon (Grace Salo), Danny Lopes (Luck), Vincent Lambertini (Salo jr.), Christie Sanford (Mrs. Salo), Jessica Pagan (Melissa), Felissa Rose (Therapeutin). Farbe. 90 Min.
Es ist recht mutig, wenn sich ein Horrorfilm schlichtweg "Horror" nennt. Nicht mehr und nicht weniger - purer, reiner Horror. So heißt der zweite Film des italo-amerikanischen Filmemachers Dante Tomaselli, der schon mit seinem Erstlingswerk "Desecration" für Aufsehen sorgte. Und auch "Horror" beweist Stärke, denn Tomasellis Arbeit ist anders als alles, was in den letzten Jahren vom Horrorgenre hervorgebracht wurde - und das, obwohl es auch hier die üblichen Genreklischees á la Zombies, Vampire und Satansanbeter gibt.
Worum es in der Geschichte geht, wird erst nach dem kompletten Filmgenuss klar. Eine klare, eindeutige Geschichte erzählt der Film nicht. Viel eher erzeugt "Horror" ein Abbild eines dämonischen Gemütszustandes am Rande des Wahnsinns. In "Horror" geht es um Abhängigkeit. Die Hauptfiguren, eine Gruppe Jugendlicher, die sich mordend aus einer Rehabilitationsklinik befreit haben, um den Ruf eines zwielichtigen Predigers zu folgen, der einfache Erlösung von ihren Drogenproblemen versprochen hat, sind abhängig von ihren halluzinogenen Substanzen.
Ob es Grace, der Tochter des Predigers, auch so geht, sei mal dahingestellt. Aber auch sie scheint befallen von etwas zu sein, das ihr Leben nun kontrolliert und verändert. Ist sie auch in einem Rehabilitierungsprogramm, und sind ihre Schreckensvisionen von einer schwarzen Ziege, ihren mutierten, einem religiösen Kult unterworfenen Eltern und einem zombifizierten Kind, Produkte einer verdrängten Drogensucht, oder steht sie unter dem Einfluss von etwas Bösem, das nicht menschlich oder fassbar ist? Als die Jugendlichen in dem Haus des Predigers eintreffen, muss der Anführer der Jugendlichen, Luck, mitansehen, wie Grace von ihren Eltern gequält wird. Als sich die Erwachsenen vor seinen Augen zu fliegenden Halloween-Kürbisköpfen verwandeln, schießt er blindlings auf die Kreaturen, und ermordet Graces Familie.
Danach endet nun wirklich fast jegliche klassische Erzählung innerhalb des Films. Denn nun lässt Tomaselli seinen Sturm los, der aus verwirrenden, ekelhaften, kleinen Szenerien besteht, die scheinbar herausgerissen aus dem normalen Schema der filmischen Narration zu sein scheint. Jeder Schnitt ist ein Sprung in eine andere Zeit, an einen anderen Ort. Keine der Szenen ist rational oder erklärbar, sondern alles gleicht einem surrealen Albtraum, der in seiner graphischen Darstellung zwischen den Polen von drogenbeeinflusster Absurdität und bluttriefendem Splatter hin- und herpendelt.
Tomaselli schafft es durch seine angsteinflössende Optik, die in Betracht des kleinen Budgets mehr als respektabel ausgefallen ist, und die glücklicherweise nur in seltenen Fällen die Grenzen zur platten Gewaltschaubühne überschreitet, die Schwächen der Darsteller, deren Grenzen eindeutig gesetzt sind, abzufangen. Lizzy Mahon als Grace ist oftmals nicht hundertprozentig überzeugend, von den Nebencharakteren mal ganz zu schweigen. Die Präsenz des kuriosen The Amazing Kreskin, ein Entertainer und Heilmagnetiseur zugleich, reicht aber oftmals aus, um selbst die kleinen Rückstände im Schauspielerischen wieder wett zu machen.
Trotzdem funktioniert "Horror" einfach grandios. Und das aus folgenden Gründen: Tomaselli versteht sich selber nicht als Low-Budget-Amateur-Regisseur, wie zum Beispiel Eric Stanze, dessen Gorefilme dem Zuschauer das wenige Geld und die enormen Diskrepanzen in Sachen Talent wahrlich entgegenschreien, sondern als Regisseur für das Paranormale, für das Unterbewußte. Er inszeniert das Ganze spannend und subtil, und das ohne kreischende Heavy-Metal-Musik über die Tonspur brüllen zu lassen, oder jede Minute einen Splattereffekt abzubrennen. Seine Vorbilder liegen klar auch im italienischen Gorekino; Referenzen an Lucio Fulci sind nicht zu übersehen, Tomasellis Film wird aber nie derart platt oder einfach.
"Horror" ist ein komplexes Werk, das viele Fragen aufstellt, und die elementarste des Films, nicht zu beantworten gedenkt: Sind die Visionen den Drogen oder dem Einfluss des Bösen zuzuschreiben? Es gibt viele Hinweise, und gerade am Ende streut Tomaselli Hinweise auf eine mögliche Doppelung der Geschehnisse, einer Überschneidung von Realität und Vision. Rätselhaft bleibt "Horror" trotz der Hinweise dennoch. Und sind es nicht jene unergründbaren Rätsel, die am ehesten unter die Haut gehen? Zumindest im Falle von "Horror" muss die Antwort "Ja" lauten.