Godard sagte einmal, er würde das Kino zerstören wollen. Getreu dieser Aussage ist "Eine Frau ist eine Frau" kein Musical, sondern ein zerhacktes, aufgebrochenes Fragment von einem Konzept zu einem Musical. Der Film pfeift auf alle Filmgesetze, geht aber falschen Gesetzen irrsinnig getreu nach. An einer Stelle sagt Jean-Paul Belmondo zu Anna Karina: "Weißt du, ich habe einen Witz gehört. Ich kann ihn dir nicht erzählen, aber er ist sehr komisch". Und das trifft es auf den Punkt. Die Liebesgeschichte, die Komödie oder die Tragödie, was auch immer Godards wunderbarer Film auch sein mag, wird nicht konkret erzählt, sie wirkt aber.

Ähnlich wie Belmondo, der den Witz nicht erzählen will, werde ich nicht die Geschichte Godards Liebesfilm wiederholen, dafür ist sie viel zu trivial. Dass die Dreiecksgeschichte wirkt, liegt nicht an ihrem Inhalt, sondern an der Art, wie Godard sie uns erzählt. Er schreibt erklärende Sätze direkt auf die Leinwand, während er seine weitwinklige Cinemascope-Kamera in den Räumen des Ehepaars (Karina, Brialy) umherschweifen lässt, oder motiviert seine Darsteller bisweilen direkt zum Publikum zu sprechen. Während er durch Manipulation des Soundtracks und durch Jump-Cuts die Regelwerke der zitierten Hollywoodmusicals der Dreißiger Jahre aufbricht, schafft er mit seinen Darstellern neue, die es gar nicht einzuhalten gilt. Während eines Dialogs zwischen Angela und Émile in ihrer Küche, hält die Kindfrau inne, und erinnert ihren Lebenspartner daran, dass sich die Protagonisten zu Beginn einer Komödie vor dem Publikum verbeugen. Und das tun sie dann auch.

Besonders wichtig ist es bei "Eine Frau ist eine Frau", wie Godard mit der Soundkulisse und der Musikuntermalung seines Quasi-Musicals umgeht. Gerade zu Beginn des Films, in der Szene, in der die hübsche Anna Karina fast schwerelos durch die Straßen Paris' schlendert, scheint sie im Takt der Musik zu tänzeln – später wenn sie sich im Stripclub aufreizend auszieht, hören wir kurioserweise keinerlei Musik, nur ihren geflüsterten Gesang. Doch auch die Szenen innerhalb der ersten Minuten sind nicht komplett mit Musik unterlegt. Godard bricht Legrands schrammeligen, aber pompösen Soundtrack willkürlich ab und lässt ihn aufs Neue beginnen, ohne dass die Bilder oder Aktionen innerhalb des Films dies rechtfertigen. Wenn der Film seinen Ton abdreht, dann ist das das tonale Äquivalent zu seinen in "Außer Atem" zum Stilelement erkorenen Jump-Cuts. Die Dialoge, die hin und wieder von den Darstellern improvisiert werden, aber dennoch durch clevere Postproduktion perfekt getimet wirken, werden von einer viel zu laut in den Vordergrund gemischten Musik verschluckt. Und hin und wieder schaltet Godard in seinem Film einfach jeglichen Ton, sogar den Originalsound, einfach ab, so als wolle er sein eigens gewähltes Genre vorführen, negieren aus seinen eigenen tradierten Regeln ejizieren

Dadurch verletzt er gewollt unser Identifikationsbedürfnis mit dem Gesehenen. Er macht uns deutlich, dass es ein Film ist, den wir sehen. Und besonders wenn die Akteure über andere Filme, größtenteils ebenfalls Werke aus der Nouvelle vague von Regiekollege Francois Truffaut, wie etwa "Jules und Jim" oder "Schießen sie auf den Pianisten", reden, wird die Selbstreflexion des Mediums auf die Spitze getrieben (unter anderem wird noch "Vera Cruz" erwähnt, und die Belmondo-Figur trägt den Nachnamen des berühmten deutschen Filmemachers Ernst Lubitsch). Auch die Literatur bekommt bei Godard ihren Stellenwert. Als sich das Pärchen Angela und Émile schwören, nicht mehr miteinander zu sprechen, holen sie ihre Romane und Hefte aus den Regalen und zeigen sich gegenseitig die Buchrücken, die ihre Gefühle zum Ausdruck bringen sollen. Normalerweise legt Godard seinen Figuren gern subtil Sätze und Zitate aus Literatur in den Mund, hier sprechen die Bücher direkter aus den handelnden Figuren, während sich die Dialoge zunehmend aufzulösen scheinen: Während des Zähneputzens sind die Worte nicht phonetisch zu erhaschen, am Essenstisch proben Mann und Frau das korrekte Prononcieren des Buchstabens "R". Auch die Anfangstitel sind ein Triumph Godards filmischer Destruktionen: "Es war einmal…" steht auf dem grellen Breitbild. Und plötzlich wechseln sich die Nachnamen der der Hauptdarsteller mit Stichworten zum Inhalt in rascher Reihenfolge ab: Komödie, Musical, Oper, Sentimental…

Obwohl es in dem Film auch um komplizierte Liebesbeziehungen geht, und die sich wandelnden Gefühle Angelas in dem Wechsel der starken Rot- und Blautöne ihrer Kleidung zum Ausdruck kommen, ist dieser Godard kein ernster oder gar grübelnder Film. Dafür sind die Dialoge zu spielerisch, die Geschichte zu Seifenopern-artig und die Schauspieler viel zu gut aufgelegt, insbesondere wenn sie improvisieren dürfen. "Eine Frau ist eine Frau" ist mehr ein Film über Film, und wie arg man ihn und seine durch sechzig Jahre des Kinos vertraute Reglements umstülpen kann, als ein Film über die Probleme zwischen Frau und Mann. Die Quintessenz, dass eine Frau, eine Frau sei, könnte nicht aussageloser sein, wie der Film ein Erfolg.