Warum ist dieser junge Mann Entomologist geworden? Er gehört zu der Generation, die den ideologischen Wandel im Post-World-War-II-Japan durch den wirtschaftlichen Aufschwung mitgemacht haben. Er trägt westliche Mode, hantiert mit allerlei Technologie, wie zum Beispiel seinem Fotoapparat, herum und ist als Bewohner der Tokyoer Metropole belustigt, als er eines Tags, in der Wildnis, in der er geforscht hat, nachdem er den letzten Bus in die Zivilisation verpasst hat, von primitiven Dorfbewohnern angeboten bekommt, die Nachtruhe doch in ihren Gemächern zu suchen. Das Ziel seiner Forschungen ist es, ein bisher nicht entdecktes Insekt zu finden, dem er dann seinen Namen geben kann. Der junge Entomologist möchte sich unsterblich machen und seinem Leben einen Sinn geben, indem er seinen Namen wenigstens in den Geschichtsbüchern der Biologie verewigt. Er strebt nach Ruhm und Individualismus – aber der Film verrät uns nicht einmal den Namen dieses jungen Mannes.

Am Ende von "Die Frau in den Dünen" ist Eiji Okadas Filmfigur verändert: Er hat sich seinem Schicksal untergeordnet, tristet sein Leben in einsamer Isolation hin und hat sich mit einem fast schon zerstörerischen Lebensauftrag abgefunden. Er lebt für eine Gemeinschaft in völliger Selbstaufgabe. Er trägt japanische Volkstracht und hat seinen Fotoapparat längst vergessen. Und nun erfahren wir letzten Endes doch den Namen des Mannes: Niki Jumpei. Erst die Aufgabe seines Individuums hat ihm eine Identität gegeben. Regisseur Hiroshi Teshigaharas avantgardistisches Meisterwerk "Die Frau in den Dünen" zeigt an dem exemplarischen Beispiel dieses Insektenforschers, wie sich sein Volk in der industrialisierten Nachkriegszeit verändert hat – nicht wehmütig oder sentimental, aber nachdenklich. Und zwischen den beiden Polen in der Veränderung Jumpeis erzählt er uns eine spannende, abenteuerliche Geschichte, ein Existenzdrama, das fesselt und aufwühlt.

Wie oben bereits beschrieben muss Jumpei die Nacht im Hause einer Dorfbewohnerin verbringen, da er das letzte Öffentliche Verkehrsmittel verschlief. Die maroden Dorfhütten liegen allesamt in riesigen Sandlöchern und die voneinander isolierten Hausbewohner müssen tagtäglich den herabrieselnden Sand aus den Kellern herausschaufeln. Sollte ein einziger dieser Aufgabe mehrere Tage hintereinander nicht nachkommen, würde das eine Kettenreaktion auslösen, die den Sandpegel in lebensbedrohliche Höhe treiben würde. Fällt ein einziges Glied in der Kette von Dorfbewohnern aus, ist all ihre Existenz, all ihr Hab und Gut gefährdet. Und so ist auch dem Entomologisten das nette Angebot auf Übernachtungsmöglichkeit nur mit einem perfiden Hintergedanken unterbreitet worden. Am nächsten Morgen ist die Leiter, die ihm aus dem Sandloch befreien sollte, verschwunden und er erfährt, dass er von nun an der einsamen Frau helfen soll. Seitdem ihr Mann und ihr Sohn verstorben sind, bewältigt sie die harte Arbeit unter der zermürbenden Hitze nicht mehr alleine. Um nicht das Schicksal der ganzen Dorfgemeinschaft zu gefährden verbannen die Männer nun also den zufällig aufgelesenen Jumpei in ein Schicksal, das er nicht bereit ist anzunehmen.

Jumpei versucht zu fliehen und die enormen Sandmassen zu bezwingen. Er verhandelt um wenige Stunden Freiheit, um das Meer zu sehen – und wird von den schaulustigen Dorfbewohnern, die sich auf Landeshöhe befinden zur Vergewaltigung der Frau gezwungen, wenn er wenige Momente der Freiheit genießen will. Längst hat sich erotische Spannungen zwischen den gleichaltrigen Mitgliedern der Zwangsgemeinschaft gebildet: In der Hitze der Wüste müssen Mann und Frau sich regelmäßig den allgegenwärtigen Sand von der Haut streichen. Es kommt zum Sex und zur Zuneigung. Jumpei akzeptiert sein alptraumhaftes Schicksal und beginnt, von Durst und Hitze gepeinigt, ein Leben, in dem er dem Sandschaufeln verschrieben ist – aber nicht ohne die Hoffnung auf Rettung aufzugeben. Immer wieder appelliert er an den Verstand der normalen Frau, sie könne doch mit nach Tokyo gehen. Doch sie antwortet auf jene Angebote nur mit der Frage, was sie denn in Tokyo zu tun habe, außer umherzulaufen.

Die Spannung in dem existenzialistischen Drama ist extrem. Durch langsame Charakterentwicklung und genaue, detailverliebte, gar intime Studie des abgeschiedenen Lebens der beiden Protagonisten, fühlt der Zuschauer automatisch mit den schicksalhaften Figuren mit. Immer wieder stellt der Film philosophische Fragen in den Raum, als Beispiel sei hier der oft zitierte Satz des Mannes zu der Frau, ob sie leben würde, um Sand zu schaufeln oder Sand schaufele, um zu leben, erwähnt. Diese lebensphilosophische Ebene des Films entstammt direkt der Vorlage, dem gleichnamigen Roman des berühmten japanischen Schriftstellers Kôbô Abe, der auch das Drehbuch zu Teshigaharas Film schrieb. "Die Frau in den Dünen" ist Teshigaharas zweite Verfilmung eines Romans von Kôbô Abe nach seinem Langfilmdebüt "The Pitfall".

Doch "Die Frau in den Dünen" fesselt nicht nur durch eine spannungsgeladene Story und verschiedenen Subtexten, sondern fasziniert auch mit gar göttlicher Kameraarbeit. Kameramann Hiroshi Segawa fing für dieses Drama beeindruckende Bilder ein, die den Sand in seiner majestätischen Erscheinung Erfurcht gebietend einfängt. Besonders in den Szenen, in denen der Insektenkundler versucht, gegen den Sand anzukämpfen, ihn zu bezwingen, das Hindernis des Sandberges zu überwinden, erscheint die enorme Masse des Lockersedimentes wie der pure Horror. Aus den klitzekleinen Mineralkörnchen werden lebensbedrohliche, unbezwingbare Gegenspieler, die perfekten Antagonisten für einen allegorischen Film, wie diesen. Auch die restlichen, meist mit Handkamera realisierten Szenen innerhalb der brüchigen Hütte bestechen durch scharfen Schwarzweißkontrast und durch perfektes Spiel mit Schatten und Licht. Wobei hier Schatten den Löwenanteil des Bilds ausmachen dürfte: Teshigahara komponiert seine Bilder mit starken Blicken auf seine zwei Schauspieler, die meist getrennt voneinander entweder im Vorder- oder Hintergrund zu sehen sind, während der Rest der häuslichen Einrichtung im Schatten weilt.

Trotz eines geringen Budgets wurde "Die Frau in den Dünen" zu einem brillanten, unvergesslichen Film. Pure Faszination breitet sich in dem Zuschauer aus, wenn sich dieses Kammerspiel mit seinen wunderschönen, hypnotischen Bildern und der fiebrigen Musik auf der Leinwand ausbreitet. Teshigahara ist ein unfassbares Talent, der durch genaue Komposition von Schnitt und Bild ein wahnsinnig berührendes, bewegendes cineastisches Erlebnis schuf. Ein Film, genauso eindrucks- und kraftvoll, wie sein "Bösewicht": Statische Sandkörner, die durch perfektes Spiel mit den Filmtechniken zu hässlichen, nahezu lebendigen Gegenspielern des Lebens werden.