Das Sonnenlicht wird an unterschiedlich warmen Luftschichten abgelenkt und erzeugt einen optischen Effekt, eine Luftspiegelung. Eine Fata Morgana. Das bekannteste Beispiel dabei ist die Totalreflexion des Himmels einer Wüstenlandschaft nach unten, denn der entstehende optische Effekt, lässt durstende Reisende denken, am Horizont läge ein Fluss oder gar das Meer. Als Werner Herzog bei Dreharbeiten für verschiedene Projekte durch Kenia, der algerischen Sahara, der Elfenbeinküste und andere ähnliche Orte reiste, nahm er mit seiner Kamera jene Luftspiegelungen auf. Das resultierende Filmbild ist ein zutiefst rätselhaftes und mystisches. Das Filmbild besitzt dokumentarischen Charakter und somit einen enormen Authentizitätswert, zeigt aber etwas, das dort nie existierte, das einer optischen Täuschung nahe kommt. Gemeinsam mit Herzog erkennen wir am Horizont einen Reisebus und seine Passagiere, ein im Kreise fahrender PKW und natürlich das Meer. Doch eigentlich starren wir nur in die Wüste. Das Filmbild ist ebenso vertrauensunwürdig, wie unser Auge.

Der Film, der um jene erstaunlichen Aufnahmen entstanden ist und "Fata Morgana" getauft wurde, stammt fast ausschließlich aus dokumentarischem Filmmaterial, ist aber kein Dokumentarfilm. Am Anfang stand sogar die Idee, einen Science-Fiction-Film über Andromedaner zu drehen, die den fremdartigen Planeten Uxmal entdecken. Doch alle Konzeptionen oder Drehbuchentwürfe wurden bei Beginn der Odyssee von Herzog und seinem kleinen Filmteam über Bord geworfen. Aufgenommen wurde alles, was Herzog faszinierte. Später im Schnittraum entstand dann schließlich jene experimentelle Collage, die trotz alledem etwas Narratives beibehält. Obwohl es im Laufe des Films nie artikuliert wird, erscheint der subjektive Kamerablick immer wieder so, als würde man das erste Mal jene weltlichen Eindrücke der Wüste, der armen Menschen, der verendeten Tiere im Sand und der Ödnis haben. Wirklich so, als seien Außerirdische in Kenia gelandet und wir blicken mit ihren Augen auf die unsrige, so rätselhafte und eigenartige Welt.

Um diesen durch und durch eigenartigen Eindruck immerfort zu vermitteln, sucht Herzog auf seiner Reise ganz bewusst auch nach entsprechend paradoxen, absurden Motiven. Als Beispiel sei ein gigantisches, rot lackiertes Gebäudeskelett einer nie fertig gestellten Fabrik erwähnt, das einfach so inmitten einer menschenleeren Wüste steht, Hunderte Kilometer entfernt von der nächsten Zivilisation. Ein anderes Mal fährt Herzog seinen Jeep durch wunderbar glatte Dünen, die sich in perfekter Harmonie aneinanderschmiegen, in ihrer Ästhetik feminin und sogar sinnlich wirken. Solche Bilder wirken zusammen mit Herzogs wohl ausgewählter Filmmusik, die von Georg Friedrich Händel, über Leonard Cohen bis hinzu Blind Faith reicht, wie surreale Gemälde, aber auch kulturpessimistische Meditationen.

Herzog unterteilt "Fata Morgana" in drei Abschnitte: In "Die Schöpfung", dem stärksten und längsten Part des Films sehen wir eben jene, bereits angesprochene, surreale Landschaftsimpressionen, während sich in "Das Paradies" Zivilisation und Kommunikation hinzugesellen. Die Kamera wird auf Wüstenbewohner gerichtet, die oft lediglich zurückstarren. Das Filmteam mit der Kamera wird in diesen Momenten endgültig zu den Außerirdischen, deren Geschichte sie ursprünglich erzählen wollen. Als hätte man einen Marsmenschen vor sich, starren jene Menschen in die Kameralinse, aber niemals ohne ihren Stolz und ihre Würde. Zufallsbekanntschaften, wie zum Beispiel ein Berliner, der drei Monate in der Sahara Reptilienforschung betrieb, haben kurze Auftritte vor der Kamera. Schließlich endet der Film in dem Segment "Das Goldene Zeitalter", in dem Herzogs Bild auf die Welt schließlich ein sehr sarkastisch und bitterer wird. Er zeigt eine Bordellbesitzerin Lanzarotes, wie sie unsägliche Hausmusik mit einem ihrer Zuhälter spielt und beobachtet einen Wärter einer Schildkrötenattraktion im Spiel mit seinen Tieren. Kommentiert werden jene Sequenzen lediglich Texten, die durch Voiceover vorgetragen werden. Während die Filmkritikerlegende Lotte Eisner mit ihrer kratzenden Stimme zu "Die Schöpfung" den Mayamythos "Popl Vuh" vorträgt, werden in den anderen beiden Segmenten Originaltexte Herzogs mit bewusst mythisch-religiösem Einschlag rezitiert.

"Fata Morgana" ist nicht die Dokumentation einer realen Reise, eher ein magisches Zauberprodukt einer mythischen Reise, die sich erst durch Herzogs brillante Montage seines Filmmaterials ergibt. Von der Schöpfung zum Goldenen Zeitalter. Von der Ödnis zum erschreckend plump zivilisierten Volk. Von der Klassik zur Popmusik. Dabei wird besonders der Rezipient zu einer Reise gezwungen, die sicherlich für einen jeden Zuschauer von anderer Bedeutung sein mag, aber immer aufgrund der meditativen und surrealen Bilder faszinieren mag. Insbesondere wenn man sich auf den Gedankengang des Perspektivwechsels durch die subjektive Kamera von einer irdischen zu einer außerirdischen Sicht einlässt, gerät "Fata Morgana" zu einem stillen Meisterwerk von essayistischer Qualität, dem aber dennoch nie die Emotionalität abgeht. Ebenso magisch und rätselhaft anziehend wie das titelgebende Naturschauspiel.