Die Premiere startete um Null Uhr: "Eraserhead" ist ein klassischer Mitternachtskinofilm, wenn nicht der Mitternachtskinofilm. Entdeckt und ins Kino gebracht unter denselben Prämissen, wie Jahre zuvor Alejandro Jodorowskys "El Topo", erreichte David Lynchs "Eraserhead" allerdings einen ungebrochenen Kultstatus und kommerziellen Erfolg, ohne allerdings auf die Sensationalismen anderer Mitternachtskinofilme zurückgreifen zu müssen und sich seiner visionären und künstlerischen Integrität zu bewahren. Nach der Mitternachtspremiere von "Eraserhead" war nichts mehr beim Alten in der Filmwelt. Lynchs erster Langfilm ist ein Meisterwerk, ein revolutionäres Familiendrama, ein surrealistisches Glanzwerk der Siebziger Jahre.

Eigentlich sollte der Film innerhalb kürzester Zeit abgedreht werden, schließlich dauerten die Dreharbeiten fünf Jahre, in denen sich wohl alles - Dekors, Sets, Wohnorte - im Umfeld des Films änderte, bis auf die legendäre Krausfrisur von Hauptdarsteller Jack Nance. Die Haarpracht und sein irritiert-ängstlicher Blick vom Kinoplakat auf den Zuschauer, dessen Blick während der Aufführung des Films ähnliche Furcht und Verwirrung widerspiegeln dürfte, sind die definitiven Logen und Markenzeichen für das Genre des Mitternachtskinos. Während die Produktionszeit finanziell und emotional für Lynch selber eine Zumutung war, ist der Inhalt des Films an sich, ebenfalls ein versymbolisierter Alptraumgedanke des Regisseurs selber.

"Eraserhead" bringt uns das Leben von Henry Spencer (Nance) nah, der in einer industrialisierten Höllenstadt lebt, in der die Umwelt unzähliger Kanalrohre und anderer technischer Systeme gewichen ist. Moderne Hässlichkeit – überall. Auch in Spencers trautem Heim, einer deprimierenden, spärlich eingerichteten Einzimmerwohnung, die er mit einer dahinwelkenden Pflanze ohne Topfbehausung teilt. Sein Leben – und der Film – bekommt die entscheidende Wendung, als sich längst vergessene, respektive verdrängte Personen wieder in sein Leben drängen. Marys Foto hat er zwar längst zerrissen, dennoch nimmt er die Einladung ihrer Familie an. Der Abend wird bereits von autistischen Ausfällen Marys und ihrer Mutter unter keinen guten Stern gesetzt. Als dann der Truthahn, den Henry anschneiden soll, auch noch einen anstößigen Tanz vollführt, um dann aus seinem Unterleib den Teller vollzubluten, scheint das idyllische Abendessen am Ende.

Doch die Schocks kommen noch. Grund für die Einladung war, das eröffnet Mrs. X dem überrumpelten Henry, ist die Tatsache, dass Mary vor Tagen ein Baby in die Welt gesetzt hat und er der einzig denkbare Vater ist. Sein tristes Leben wird auf den Kopf gestellt. Mary zieht mit dem Baby bei ihm ein. Seine aufgezwungene Familienvaterrolle gefällt ihm nicht. Überfordert ist der Mann mit all der Verantwortung, all den neuen Eindrücken und all den falschen, verwirrenden Emotionen: Er teilt zwar so etwas wie ein Ehebett mit Mary, doch berühren lässt sie ihn nicht. Doch das I-Tüpfelchen ist sein Nachkomme an sich: Kein liebenswertes Baby, sondern ein missgestaltetes, scheinbar nicht menschliches, deformiertes Etwas, das in seiner organischen Form eher einem Kalbfetus nahe kommt, als wie ein homo sapiens auszusehen. Das Monstrum liegt auf der Kommode, sein riesigen Kopf in ein Kissen gestützt – den ganzen, langen Tag schreiend.

Die Schreie sind markerschütternd. In den Szenen, in denen das monströse Baby seinen Erzeugern das eh schon verdammte Leben zur Auralhölle macht, spielt Lynchs nahezu perfekt gestaltete Tonspur zur Höchstform auf. Während sich viele Filmemacher mit ähnlicher Gesinnung auf eine besonders spektakuläre Optik beschränkt hätten, misst Lynch hingegen der Tonspur mindestens genau so viel Bedeutung bei, wie seiner visuellen Überreizung. Die Stadt rumort in Ambient-artigen Sounds: Es keucht, es ächzt, es schnauft, es zischt. Hier ein Wummern, da ein Rauschen. Das Schreien des Babys, das keinerlei sirenenhafte Alarmmeldung gleichkommt, auf die die bestürzten Eltern mit Sorge oder Liebe reagieren könnten, sondern einfach nur eine Reizstimulans der besonders zermürbenden Art ist, bildet den tonalen Höhepunkt des Soundtrackterrors in Lynchs Welt.

Und so kommt es auch, dass das Schreien effektiv ist: Das Baby trennt die Zweckgemeinschaft seiner Eltern schnell. Mary flüchtet entnervt wieder in ihr Elternheim und lässt Henry nun in als "allein erziehenden Vater" daheim – dem Alptraum eines jeden Mannes, der die Familieninstitution als eine einengende Qual ansehen, so wie es David Lynch privat tut. Mit dem Ausscheiden der Mutterfigur wird das Baby zunehmend kränker, sein Schrei immer lauter, Henry immer überforderter. Er lässt sich von der schönen Nachbarin verführen. Wenn beide miteinander schlafen, verwandelt sich ihr Bett in einen riesigen Kessel, in dessen flüssigem Inhalt beide Körper verschwinden. Doch die Zärtlichkeit wird für die Nachbarin zu einem unangenehmen Erlebnis, da sie der Anblick des Babys zu sehr anekelt. Am nächsten Tag trifft Henry die Frau zufällig auf dem Flur. Sie hat für ihn keine Freundlichkeiten mehr übrig, aber einen alten, eingefallenen Mann als neuen Liebhaber im Schlepptau. Für sie versinnbildlicht sich nur noch das Baby in seiner Person.

Als wäre der Film, bis hierhin wiedergegeben, an sich schon undurchsichtig und surreal motiviert, fügt David Lynch eindeutige Traumsequenzen in das filmische Spiel um Realität und subjektiver Wahrnehmungsverzerrung ein: Immer wieder schaut Henry träumerisch den Heizungskörper seiner Wohnung an, hinter dem er einen weit entfernten Kabaretklub sieht, auf dessen Bühne eine pausbäckige Sängerin von der universellen Glückseeligkeit im Himmel singt: "In heaven everything is fine". Während sie zu der Orgelmusik ihr reichlich simples Lied trällert, zertritt sie wurmartige Kreaturen, deren Köpfe verdächtige Ähnlichkeit zu dem des verunstalteten Babys besitzen. Einmal vermischt sich der Traum des singenden Engels mit einem weiteren: Henry sitzt in der Loge und urplötzlich katapultiert sein Körper seinen Kopf weg. Anstelle des üblichen Henry-Spencer-Antlitzes reckt sich der Kopf seines Babys hervor. Der separierte Kopf wird auf der Straße von einem Jungen aufgesammelt und zu einer Bleistiftfabrik gebracht. Hier wird Henrys Schädel Hautfetzen entnommen, die schließlich zur Produzierung der Radiergummis am Ende der Bleistifte verwendet werden. Henry hat den "Eraserhead".

Diese Sequenzen sind innerhalb der eigentümlichen Welt eindeutig als Traum definiert. Doch der Film macht nicht immer jene konventionellen Unterscheidungen in seiner Narrative, findet er doch besonders zu Anfang sehr metaphorische Bilder für das, was da kommen mag. Das vertikale, halb durchsichtige Bild Henrys schwebt über einem Planeten. Henry Blick, irritiert und angestrengt, wie immer. Dann erkunden wir den Planeten, eine unwirtliche Mondlandschaft, in der irgendwo ein entstellter Mensch in das Universum hinausblickt. Obwohl durch unterschiedlich lautes Hintergrundrauschen für uns als Zuschauer eindeutig räumlich voneinander getrennt, können der Mann im Planeten (der Künstler Jack Fisk) und Henry Spencer anscheinend miteinander kommunizieren. Henrys Kopf, immer noch über das Filmbild des Planeten überlagert, öffnet nun seinen Mund. Im Planeten legt der Mann nun einen Schalter um. Aus dem Mund Henrys erscheint nun das wurmartige Wesen, das uns erst später als Baby seiner selbst vorgestellt wird. Bereits hier wird die Geburt als mechanischer Vorgang, genauso losgelöst von allen menschlichen und lebenswesentlichen Funktionen, wie die Stadt in der die Figuren in "Eraserhead" leben (selbst Henrys Pflanze hat etwas unnatürliches an sich), dargestellt. Den eigentlichen Geburtsvorgang lässt der Film aus, setzt ihn sogar zeitlich vor Filmanfang, doch dass geboren wurde, ist bei dieser Eingangssequenz gar nicht so wichtig – eher, dass Emotionen, Freude, erotischer und sexueller Zeugungsakt und erfreuliche, liebevolle Geburt auf einen Schalter, der umgelegt wird reduziert werden – so wie alle zwischenmenschlichen Beziehungen in der Welt von "Eraserhead" wie durch Elektrizität aller Menschlichkeit und Natürlichkeit beraubt werden. Im Einklang mit dem surrealen Charakter des Films von Lynch, agieren die Figuren in dem Horror unnatürlich, unbewusst, langsam, wie in Trance.

Das Ende könnte einer halluzinatorischen und apokalyptischen Vision aus einem Splatterfilm entstammen. Henry spießt sein eigenes Kind auf und fährt selber in einen Todeszustand auf. Seine Sehnsucht nach Klarheit und Eindeutigkeit wurde nicht erfüllt. Seine Angst vor Familie, vor Verantwortung und eine allgegenwärtigen Einschränkung wurde zur tödlichen Bedrohung. "Eraserhead", der schwarzweiße Alptraum, der Phobien und Angstzustände Lynchs ganz eindeutig thematisiert, dann diese aber gemäß surrealistischen Gesetzen derart ins bedeutungslose Absurde transportiert, ist definitiv das Meisterwerk des Mitternachtskinos. Ein Alptraum von einem Film, der sich in das Unterbewusstsein des Zuschauers einhaken wird, wie kein zweiter.