Nach "Behind the Green Door" entstand in den USA etwas, das man "Porno Chic" nannte. Urplötzlich war es "in", in nächtliche Kinovorstellungen der neuesten, aufwändig produzierten, meist sehr obskuren Pornofilme zu gehen. Stars und Sternechen Hollywoods und der Musikbranche standen genauso in der Reihe, um Tickets für die Kopulationsfilmchen zu lösen, wie das gemeine Volk. Und gemeinsam feierte man die Stars jener sehr kurzlebigen Ära ab, als wären es wirkliche Künstler. Kurz nachdem sich dieser Trend in den Großstädten einstellte, veröffentlichte Gerard Damiano seinen Nachfolgefilm zu "Deep Throat": "The Devil in Miss Jones", einem der ungewöhnlichsten, pornographischen Filme aller Zeiten.

Bereits der Anfang von Damianos neuestem Werk dürfte mit allen Regeln des pornographischen Films brechen: Wir sehen unsere Hauptdarstellerin Justine Jones (gespielt von dem Schauspieler-Pseudonym Georgina Spelvin), wie sie mit ihrem Leben abschließt. Sie lässt die Jalousien herunter, zieht sich aus, lässt Wasser in ihre Badewanne, legt sich hinein. Wir werden hier keineswegs Zeuge einer erotischen Szene, obwohl die Hauptdarstellerin eines Pornos nackt in ihrer Badewanne liegt – denn: Sie greift zu einer Rasierklinge und schlitzt sich in schmerzlich naher Detailaufnahme die Pulsadern auf.

Wie kann ein Film, der doch in seiner ursprünglichen Intention zur autosexuellen Stimulation dienen soll, mit einem solch depressiven Thema anfangen? Nun, kurz darauf findet sich Miss Jones am Tisch des eigenartigen Abaca (John Clemens) wieder, der ihr berichtet, sie wäre im Leben nach dem Tod angelangt, und er würde ihr jetzt verkünden, ob sie nun in den Himmel auffährt, oder ob sie ihr Leben in der Hölle fristen darf. Abaca lobt ihre reine, sündenlose Akte, erwähnt, dass sie sogar, mit 34 Jahren, noch Jungfrau sei. Jedoch würde ein Selbstmord im Himmel nicht vergeben werden können, daher müsse sie sich auf eine Ewigkeit in der Hölle einstellen. Gemäß der Tagline des Films "If you have to go to hell… go for a reason", gibt Abaca ihr jedoch die Chance ein letztes Mal wirklich eine der sieben Todsünden auszuspielen, um wirklich wegen eines triftigen Grundes in die Hölle absteigen zu müssen.

Natürlich erwählt sie sich die Wollust, und was folgt sind fünfzig Minuten reinrassiger Porno. Sie wird von einem Lehrer (Harry Reems) in den Geschlechtsakt und seiner Variationen "eingeführt", erlebt Lesbensex und findet Gefallen am Berühren ihres eigenen Körpers. In einer höchst irritierenden Szene liegt Miss Jones in einer Badewanne, wie zu Beginn des Films, masturbiert allerdings heftig mit einem Wasserschlauch, während Ennio Moriconnes bedrückender und epischer "Spiel mir das Lied vom Tod"-Score ertönt. Und genau in solchen Szenen sehen wir den Unterschied von Damianos "The Devil in Miss Jones" gegenüber zu anderen pornographischen Filmen. Wir sehen hier nicht den Geschlechtsteilen von irgendwelchen Frauen und Männern zu, sondern haben es mit einer wohl charakterisierten, wenn auch depressiven Figur zu tun, der wir bei ihren intimen Abenteuern zuschauen dürfen. Dass das alles nicht gerade erotisch ist, aber filmhistorisch höchst interessant, dürfte klar sein.

Am Ende des Films landet Miss Jones, von der scheuen Jungfrau zu einem geschminkten Make-up-Vogel gewandelt, in der Hölle. Hier wird sie die Ewigkeit mit einem Mann in einem einzigen, kleinen Raum verbringen, der jedoch an der Befriedigung ihrer neu entdeckten Lüste kein Interesse besitzt. Die Hölle nach Damiano bedeutet in der Sehnsucht seiner nicht zu befriedigenden Gelüste gefangen zu sein. Und so klingt "The Devil in Miss Jones" aus. Einen herkömmlichen Porno hat man nach 68 Minuten sicherlich nicht gesehen, einen reinen Kunstfilm aber natürlich auch nicht. Aber sicherlich eine der wenigen geglückten Kombinationen aus beidem.