Nach der "letzten Stunde im Führerbunker" nimmt sich enfant terrible Christoph Schlingensief mit der "ersten Stunde der Wiedervereinigung" wieder einer 60-minütigen, mutwilligen Zerstörung der Geschichtsbücher an. Diesmal also der Mauerfall. Und Schlingensief befördert die erste Begegnung zwischen Ossi und Wessi in den Kontext des Horrorklassikers "The Texas Chain Saw Massacre": Als die ostdeutsche Clara am Grenzübergang von fanatischen Zöllnern aufgehalten wird, denkt sie noch, sie hätte nun das Schlimmste überstanden; "Willkommen in der Freiheit" und so. Aber denkste, Puppe. Wie die Hillbilly-Kannibalen aus Tobe Hoopers texanischem Kettensägenmassaker entpuppen sich auch die Westdeutschen als meuchelnde, hysterische Metzgerfamilie.

"Das deutsche Kettensägenmassaker" hat nichts übrig für Begrüßungsgeld oder Solidaritätszuschlag: Wiedervereinigung, das ist eine zutiefst körperliche Angelegenheit. Und so werden die "Zonis" auch munter nach Grenzüberschreitung verspeist. "Wir sind ein Volk" heißt hier die Parole. Am Ende von Schlingensiefs satirischer Tortur singt ein selbstverstümmelter Udo Kier "Alles hat ein Ende nur die Wurst hat zwei" und eine entzwei gebrochene Brigitte Kausch, während ihr die Eingeweide aus dem Torso tropfen, "Die Gedanken sind frei…" – Wie kann man so etwas nicht lieben?

Schlingensief bedient sich absurder Camp-Ästhetiken und den Reizsymbolen zweier Filmvorbilder: Die monströse Familie entstammt natürlich aus Hoopers "The Texas Chain Saw Massacre", das Hotel und der Sohnemann, der im schizophrenen Zwiegespräch mit dem mumifizierten Vati über das Schicksal der DDR-Neuankömmlinge entscheidet, ist eine klare Referenz an Hitchcocks "Psycho". Sogar der Titelvorspann wird durch rhythmische Synthesizermusik unterlegt, so wie es im Splatterfilm der späten Siebziger üblich war. Bisweilen kopiert Schlingensief, wie in der amerikanischen Parodieklamotte üblich, ganze Szenenabläufe aus dem Film, übersteigert sie jedoch absurd. Doch natürlich ist "Das deutsche Kettensägenmassaker" in erster Linie eben kein Splatterfilm, sondern ein politischer, satirischer Kommentar, versteckt in Trash- und Camp-Verpackungen.

Die deutsche Einheit als Fress- und Schlachtfest also. Bei Schlingensief werden keine Hände zur neuen Freundschaft geschüttelt, es wird dem Ostdeutschen auch keine Deutsche Mark und auch keine Südfrucht als Symbol für den neu erworbenen Kapitalismus gereicht. Er wird verschlungen und verdaut, was sich mit uns verbinden will. Wer im Trabant über westdeutsche Landstraßen, Coca-Cola süffelnd, angescheppert kommt, der wird westdeutsch verinnerlicht. In buchstäblicher, "body-horror-mäßiger" Hinsicht. Willkommen bei den Wessis, wo es noch so etwas wie Altnazis, Sadomasolesben und Kettensägenteutonen gibt.

Ossis verwurstet, Zuschauer provoziert, Hauptsache aber eins: Film gemacht. Schlingensief mag mit "Das deutsche Kettensägenmassaker" einen Film gedreht haben, der eine sehr kurzfristige Reaktion auf die neue politische und soziale Situation im wiedervereinigten Deutschland widerspiegelt. Doch gerade seine fulminante Splatterattacke, das konsequente, filmische Weiterdenken der vereinheitlichenden Parolen auf der Berliner Mauer, führt meist zu Irritation und Falschinterpretation. Wo Horden von Videobandkäufern beim Reizwort "Kettensägenmassaker" eine deutsche Neuverfilmung von Terror und Gewalt erwarten, werden sich durch die essayistische Natur und durch den unbewusst-instinktiven Inhalt abgeschreckt fühlen.

Vulgäres Fluchen, unartikuliertes Grunzen und das Reißen der Kettensäge. Dazu Udo Kier, der sich seinen Minipli anzündet und dazu eine Persiflage auf amerikanisches Entertainment gibt. All jene unterbewussten Obszönitäten stehen im Kontrast zu dem geschniegelten von Weizsäcker, der in Archivmaterial zusammen mit dem Volk die deutsche Nationalhymne singt. "Das deutsche Kettensägenmassaker" – ein deutscher Film mit deutscher Wurst. Schlingensiefs Satire ist geglückt.