Giulio Questis Film "Death Laid an Egg" (in Deutschland unter dem furchtbar nichts sagenden Titel "Die Falle" vertrieben) wird gemeinhin als Giallo, also italienischer Schundkrimi, geführt. Und obwohl jenes Thriller-Subgenre einige ganz ausgezeichnete Filme hervorgebracht hat, wäre es eine Untertreibung "Death Laid an Egg" als einen solchen zu bezeichnen, ohne ihn noch locker zwei oder drei anderen Genres oder Kategorien zuzuordnen. Denn obwohl Questi hier uns vordergründig eine Kriminalgeschichte erzählt, die durch eine anfängliche Bluttat in Gang gebracht wird, hat man am Ende des Films ein völlig anderes Werk gesehen, als erwartet.

Es geht um Reichtum, um Begierde, um Intrigen. Hört sich nach Seifenoper an, ist aber so viel mehr. Zentrum des Films ist der durch eine Nutzheirat in die Welt der Schönen und Reichen eingeschmuggelte Marco (Jean-Louis Trintignant), der nun als Gutsherr einer völlig automatisierten Brutstätte für Hühner vorgibt etwas zu sein, was er nie war: Reich. Seine wohl begüterte Frau Anna (Gina Lollobrigida) hat er noch nie wirklich geliebt und so gefällt es ihm durchaus, als ihre verwaiste Cousine, die ebenso attraktive wie naive Gabriella (Ewa Aulin) zu den beiden zieht. Wenn Marco seine Ehefrau mit Anna betrügt, träumt er davon, endlich frei zu sein, etwas Konstantes in seinem Leben zu besitzen und endlich "Entscheidungen zu treffen, die wirklich seine eigenen sind". Er ist seinem erschwindelten Lebens überdrüssig und wäre gerne Gangster, der mit seiner hübschen Geliebten raubend und vogelfrei durchs Land ziehen würde.

Gabriella spielt die Naive mit Bravour. Sie selber hat ganz andere Pläne. Spinnt sie zusammen mit Marco wirre Pläne über die Ermordung seiner Frau und spielt sie dieser später die Informationen über Marcos Rumhurerei mit Prostituierten zu, ist sie eigentlich in den Geschäftspartner von Marco, dem jungen Mondaini (Jean Sobieski) verliebt, mit dem sie wiederum den Tod der anderen Beiden plant. An Stelle der disfunktionalen Ehe von Marco und Anna soll ihr junges Glück treten.

In der Welt der vier Hauptfiguren aus "Death Laid an Egg" ist nichts normal oder moralisch, sondern alles scheint pervers und lügnerisch. Als Anna eine Dinnerparty gibt, macht sie ihre Cousine darauf aufmerksam, dass alle Ehepaare, die eingeladen sind, ihr Glück nur vorspielen, um Fassade zu wahren. In einer esoterischen Aktion, in der der ebenfalls als Begleitung für Gabriella eingeladene Mondaini einen weißen Raum vollkommen leer räumen lässt, und diesen zum "Raum der Wahrheit" ausruft, wird Annas pessimistische These auf die Probe gestellt: Für eine gewisse Zeit werden alle Pärchen einzeln in diesem Raum eingeschlossen. Wie von selbst soll hier die Wahrheit ans Licht kommen. Ein junges Paar kommt strahlend aus dem Zimmer, da sie miteinander Sex hatten, während sich ein älteres Paar aufgrund einer Unterhaltung weinend trennt.

Genauso vorgegaukelt ist auch Marcos Leben. Wer dieser Mann mit diesem völlig absurden Job eines maschinellen Landwirts innehat und nun eine Werbekampagne für die Eier seiner Firma aufziehen soll ist, erfahren wir nicht. Questi lässt uns nur in seine Träume und in seine Begierden einsehen. Er träumte einst davon, reich und begünstigt zu sein. Als er diesen verwirklichte musste er schnell feststellen, dass ihn dieses Leben nicht ausfüllt. Gerne wäre er selber ein Rebell, viel zu gerne hätte er etwas, wogegen es sich zu kämpfen lohnt, als lethargisch sich seiner Lebenslüge hinzugeben. Marco sieht sich eher als einer der traditionellen Bauern, die er entlassen muss, als ihre Arbeitsstellen durch die neue Technologie im Hühnerpark wegrationalisiert werden. Er träumt davon, etwas Böses zu tun, etwas Schändliches. Und so ist es sein sexueller Fetisch mit Prostituierten ihre Ermordung nachzustellen. Er fesselt die Mädchen und malt ihnen in Ekstase mit Lippenstift Wunden auf die nackte Haut. Der Traum, endlich aus seinem zu perfekt gewordenen Traum aufzuwachen.

Zu perfekt erscheint ihm auch das industrielle Begehren seines Arbeitgebers. Chemische Experimente machen es möglich, dass in dem elektronischen Hühnerstall mutierte Hühner ohne Kopf und Flügel herangezüchtet werden. Dadurch sollen Kosten minimiert werden und der Umsatz perfektioniert. Doch die erzeugten Wesen sind hässliche, widerwärtige, atmende Klumpen mit Federn und herausplatzenden Adern übersät, deren Anblick Marco nicht ertragen kann. Er zerstört das abartige Experiment und beginnt damit erstmals aus seiner Lebenslage auszubrechen.

Mondainis Werbekampagne basiert auf der Idee, jeder Mann sei ein Huhn. In völlig absurden Graphiken sehen wir Hühner in alltäglichen Situationen und in Anzügen gekleidet. Und in diesen Werbeplakaten finden wir Questis ursprüngliche Idee für "Death Laid an Egg" und in Marcos Angst wieder: Seine hunderte Hühner leben ein schändliches Leben. Vor ihnen zieht der Mais auf einem Rollfeld vorbei. Wenn sie ihre Eier gelegt haben, ist der Sinn ihres Lebens erfüllt und alles beginnt von Vorne. Es sind nicht die Hühner, die wie uns die Reklame Glauben machen will, die menschlicher werden – Marcos Panik entsteht aus dem Glaube, dass sein Leben bald so sinnlos und eintönig sein wird, wie das seiner Tiere.

Questis ungewöhnliches Kriminaldrama mag inhaltlich weit entfernt davon sein, ein Giallo zu sein, sieht aber ganz nach einem aus. Grelle Grundfarben, ungewöhnliche Kamerawinkel und schattige Beleuchtung. Dazu ein Avantgarde-Pop-Soundtrack der mit einer Spanischen Gitarre dem Hörer gewollt seine Nerven raubt. Doch um typische Gialli-Ingridenzien, wie ein kriminalistisches Puzzlespiel, eine überraschende Auflösung und viel Blutgelache schert sich Questis "Death Laid an Egg" nicht die Spur.

Mit seinem überragendem Symbolismus, der psychedelischen Optik und seiner existenzialistischen Geschichte könnte man "Death Laid an Egg" viel eher zu den italienischen "Drug-Films" zu zählen, die durch eine besonders bizarre, surreale, traumhafte Sichtweise zu bestechen wussten. Welchem Genre auch immer dieser Film gerecht wird, erwartet man einen schwierigen, aber durchaus intelligenten, fantastisch fotografierten Thriller mit doppeltem Boden, so wird man gewiss nicht von Questis Verwirrspiel enttäuscht.