Der dritte Weltkrieg hat die uns bekannte Welt in ein postapokapytisches Ödland verwandelt. Durch die nukleare Strahlung ist die Bevölkerung in zwei Hälften gespalten: "Sex-Negative" und "Sex-Positive". Die "Negativen", die bei jeder sexuellen Berührung Schmerzen verspüren und krank werden, bilden 99% der Erdbevölkerung. Die alarmierende Minderheit, die "Positiven", die den Akt der Liebe noch ohne lebensbedrohende Einschränkungen durchführen kann, sind dazu gezwungen in dem schmierigen Cabaret-Nachtclub "Café Flesh" zu strippen und vor den erregten Augen der "Negativen" zu kopulieren. Lana, obwohl heimlich ein "Sex-Positiv", hat sich für ein Leben als "Negative" entschlossen, um an der Seite des Mannes leben zu können, den sie liebt – auch wenn das lebenslange Unterdrückung ihrer wahren Natur bedeutet. Als ihre Fassade zu bröckeln droht, wird mehr als nur ihre Fähigkeit Sex zu haben in Frage gestellt.

Stephen Sayadians "Café Flesh" hört sich nicht unbedingt wie ein Pornofilm an. Es ist aber einer, solange man die pure Anwesenheit von pornographischen Szenen als ausreichendes Kriterium für dieses Genre definiert. Jedoch sind die Sexszenen nicht nur recht kurz gehalten, sondern alles andere als anregend. Das Besondere an "Café Flesh" ist sein bizarres Styling: Gleich die erste pseudo-erotische Sequenz beginnt mit drei als Säuglinge verkleidete Männern die in Babystühlen sitzen und mit Knochen in der Hand rhythmisch ihre Köpfe entweder nach links oder rechts fallen lassen. Unter eigenartiger Neonbeleuchtung sehen wir dann eine Frau in einem altmodisch anmutenden Sessel sitzen und lesen. Als dann eine weiß gekleidete Ratte die Szene betritt, kommt es zu den ersten sexuellen Annäherungen zwischen dem Menschtier mit ausgeprägter Nasenform und der jungen Frau.

Sayadian, der bereits mit "Nightdreams" den "Eraserhead" des Pornos schuf, hat keinen anregenden Film gedreht, sondern einen derart kühl und fremdartig designten, so dass man sich eher an der farbigen, unnatürlichen Beleuchtung und den irrsinnigen Ausstattungen und Sets für die ebenfalls sehr eigenartigen Sex-Performances erfreuen wird, als an der Darstellung nackter Haut. "Café Flesh" sieht aus wie die düstere, pornographische Variante des im selben Jahr entstandenen "Liquid Sky" mit all seinem "New Wave"-Styling und der dazu passenden Musikuntermalung von Mitchell Froom.

Die Geschichte einer Frau, die ein Leben in völliger Abstinenz selektiert, nur um für die geistige Liebe zu einem Ex-Football-Star zu leben dürfte der philosophische Zenit sein, den der Pornofilm in all seinen Erscheinungsformen erreichen dürfte. Aus dieser Situation heraus wirken Porno-Standards, wie ihre Masturbationsszene, nicht erotisch, sondern schmerzlich, da ihre Verzweiflung und ihre innere Zerrissenheit eher im Vordergrund stehen, als das voyeuristische Ausbeuten ihrer Nacktheit. Ebenso dramatisch, und eben nicht pornographisch, ist das Finale, in dem Lana ihre wahre Identität enthüllt und auf die Showbühne des Café Fleshs geholt wird, wo gerade der Stargigolo Johnny Rico seinen lang erwarteten Auftritt gibt. Das hemmungslose Fallenlassen ihrer Maske und die verblüffte Reaktion ihres Freundes, der der Quasi-Vergewaltigung auf der Bühne entgegenzubringen hat und verstört das Etablissement verlässt, ist ein starkes, emotionales und projektierbares Ende.

Ebenfalls sehr interessant ist die Oppositionssequenz "Sex-Negative" und "Sex-Positive", deren unnatürliche Natur man mit Leichtigkeit auf die ganze Funktionalität des Pornogeschäfts übertragen kann. "Sex-Negative", sind die passiven Beobachter, der Zuschauer, der sich nach den schönen Körpern verzehrt, ein nahezu sadomasochistischer Akt, da er jeden Abend aufs Neue in das Pornocafé einkehrt, während die "Sex-Positiven" Prominente sind, deren geschlechtliche Aktionen gefeiert und bejubelt werden. Über dem allen steht der toll von Andy Nichols gespielte Max Melodramatic, der als Impressario die Shows ansagt und sich drastisch über die Abhängigkeit der "Negativen" von der Bühne aus lustig macht. Ein Film, der die ausbeuterische Wechselwirkung zwischen Konsumenten und Produzenten, zwischen Abhängigen und Anbietern im Pornobusiness, paraphrasiert, ist definitiv antagonistisch zu den restlichen Genrevertretern, die nur als Anregung zur Onanie dienen. Wenn man "Café Flesh" einen Vorwurf machen kann, dann den, dass jene Hauptpriorität für einen "erfolgreichen Porno", nicht erfüllt wird.