Originaltitel: Blue Movie. Italien, 1978. Regie: Alberto Cavallone. Drehbuch: Alberto Cavallone. Produktion: Martial Boschero. Kamera: Maurizio Centini. Schnitt: Alberto Cavallone. Darsteller: Danielle Dugas (Silvia), Claudio Maran (Claudio), Dirce Funari (Daniele), Joseph Dickson (Schwarzer Mann), Leda Simonetti (Leda). Farbe. 82 Min.
Die Anfangstitel sagen eigentlich schon sehr, sehr viel aus über "Blue Movie", Alberto Cavallones radikalstem Film. Wir sehen entwickelte Filmstreifen, während wir das Geräusch einer Fotokamera hören, das sie macht, wenn man den eingelegten Fotofilm manuell um ein Bild weiterspult, allerdings nicht von dem typischen Sound des Auslösers der Kamera gefolgt, sondern wir hören das Abschießen einer Waffe. Die Kamera tötet? Oder ist es das Foto das tötet? Oder die gesamte Kunst? "Blue Movie" ist Cavallone schwierige Abrechnung mit Konsum, Kunst und Klarheit, ein italienisches Kunstfilmjuwel, das für die meisten Zuschauer extrem schwer verdaulich sein dürfte.
Cavallone erzählt die Geschichte einer kranken Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau nicht auf konventionelle, sondern auf hochgradig codierte, aufgebrochene Weise. Erst in den letzten Minuten des Films fügt sich sein narratives Puzzlespiel zu einem verständlichen Ganzen zusammen. Daher ist eine strikte Inhaltsangabe schwer zu machen. Der Film zeigt uns zunächst Silvia (Danielle Dugas), die mit einem Mann, dessen Gesicht der Bildausschnitt vor uns versteckt, durch ein Waldgelände spaziert. Sie küssen sich, und auf einmal wird aus den zärtlichen Berührungen ein gewalttätiges Übergreifen des Mannes. Der Mann, der nun eine Strumpfhose als Maske trägt jagt Silvia und scheint sie zu vergewaltigen wollen. Doch diese Tat spart der Film aus, und wir sehen als nächstes, wie Silvia am Wegesrand, über und über mit Blut beschmiert und mit zerfetzten Kleidern, von einem Autofahrer mitgenommen wird.
Der Autofahrer ist Claudio, ein junger Mann, der seinen Lebensunterhalt mit Kunstfotografien zu verdienen scheint. Ihm erzählt sie allerdings, dass sie von drei verschiedenen Männern versucht wurde, zu vergewaltigen, und dass sie fliehen muss, da sie einen der unbekannten Verbrecher mit einem Stein erschlagen hat. Aus Furcht, die beiden verbliebenen Vergewaltiger könnten versuchen, Rache zu nehmen, bittet sie ihn, sie bei sich aufzunehmen. Claudio entspricht ihrer Bitte gerne, verfügt er doch über ein unüberschaubares, Labyrinth-artiges Appartement, in dessen Obergeschoss er die verwirrte Silvia einschließt. Während Silvia eingeschlossen immer mehr ihren Halluzinationen von der Schandtat im Wald verfällt, beginnt Claudio im unteren Teil seines Hauses einen perfiden Sexzirkel aus einem Modell, einer Zufallsbekanntschaft und einem schwarzen Mann, der auf der Suche nach Silvia ist.
Nichts ist so, wie es scheint. Silvia ist traumatisiert und bildet sich ein, wieder nackt in dem Wald zu sein, von überall her kommen Arme, die sich nach ihren Geschlechtsteilen strecken. Selbst als sich ein Bad in der Wohnung Claudios einlässt, um zu entspannen, sieht sie die Wanne mit Blut vollaufen und greifende Hände aus der Wanne hervorstoßen. Gegen Ende von "Blue Movie" wird deutlich, dass sie nicht wirklich ein Gefangener Claudios war - ihre Chance aus seinem Einflussbereich auszubrechen, nutzt sie nicht -, sondern, dass sich die Geschichte zwischen den beiden gegensätzlichen Menschen auf einer ganz anderen Ebene abspielt.
So lernen wir schnell, dass es in "Blue Movie" nicht unbedingt darum geht, was wir sehen; sondern vielmehr darum, was wir nicht sehen, also, was der Film uns verschweigt. So lässt Cavallone uns zu Beginn bereits nicht, wie in italienischen Sleazefilmen dieser Art üblich, die Vergewaltigung begaffen. Auch sehen wir nie Claudios Haus oder Wohngegend von außen. Durch das Aussparen einer geographisch erklärbaren Darstellung von Claudios Wohnsitz wird das Innere seines Appartements (und darin spielt sich neunzig Prozent des Films ab) zu einem unüberschaubaren Labyrinth aus Etagen, Kammern, gefangenen Räumen, angehängten Ateliers und Wohnzimmern, die alle auf dem Zuschauer unerklärliche Weise miteinander verbunden zu sein scheinen. Auch dreht Cavallone nie "establishing shots", die uns klar machen, wo wir uns genau innerhalb der Szene befinden. Er führt uns in seine Szenen meist mit Nahaufnahmen seiner Darsteller ein, ohne dem Zuschauer begreiflich zu machen wo in welcher Situation wir uns genau befinden. Oft schneidet er erst im Verlauf der einzelnen Szenen weiter heraus, und wir können erahnen, wo sich die handelnden Figuren nun zum Dialog getroffen haben. Szenenübergänge löst Cavallone durch jump cuts. Schnell, ohne den Eindruck von vergangener Zeit oder Diskontinuität im Raum beim Betrachter zu erwecken, befinden wir uns schon in dem neuen Handlungsabschnitt und brauchen Sekunden der Orientierung, um uns in dem Geschehnis korrekt wieder zu finden.
Ebenfalls irritierend ist Claudios Kunstverständnis. Neben seinen Nacktmodells scheinen ihn insbesondere amerikanische Symbolismen für Kapitalismus und Konsumismus zu faszinieren. In seiner gesamten Wohnung findet man überall Coca-Cola-Dosen und Marlboro-Zigarettenschachteln wieder. Er lichtet diese sogar in einer Szene lieber ab, als die jüngst in sein Haus geschleppte Daniela. Auf die Spitze getrieben wird seine Obsession für jene Stellvertreter für Geld und uramerikanischen Lebensstil, als er Daniela (Dirce Funari, die einzige Darstellerin des Films mit vorheriger Schauspielerfahrung) dazu zwingt in einem abgeschotteten Raum entweder Sex mit ihm zu haben, oder im Austausch gegen Lebensmittel die Coladosen mit Urin und die Zigarettenschachteln mit Kot zu füllen. Warum, und was genau Claudio er mit den Fäkalien in seinen Fetischobjekten macht, bleibt unklar.
Sex ist in Claudios Umfeld allgegenwärtig. Er paart sich ständig mit seinen Models, sieht zu, wie sich sein farbiger Besucher mit einer seiner Freundinnen vergnügt und zwingt die beiden von ihm weggesperrten Damen immer wieder zu bizarren Sexspielchen. Allerdings macht Cavallone auch hier Aussparungen. Zwar zeigt er den Akt recht deutlich und schrammt in einer Szene auch gefährlich nah am Porno vorbei, jedoch nie in seiner Vollendung. Befriedigende Orgasmen erleben die Figuren in "Blue Movie" nie, es bleibt immer bei den mechanischen Stimulationen, ohne je einen Höhepunkt zu erreichen. Zwar wird "Blue Movie" aufgrund seiner vorherrschenden Nacktheit vermutlich immer in die Kategorie des Sexthrillers einsortiert werden, jedoch ist der Film, und wie er sich den softerotischen Geboten anderer italienischer Filmemacher verweigert, eher hinterfragender und anklagender Natur, als sexistischer oder voyeuristischer. Cavallone orientiert sich an Makavejevs "Sweet Movie", wenn er Szenen von sexueller Annäherung mit Archivmaterial von Verhungernden, Toten und Massengräbern aus Weltkriegen und der Selbstentzündung eines Buddhamönchs unterbricht und somit schmerzhaft kontrastiert. Und während wir diese verstörenden Szenen von unerotischem und zerstörerischem Sex sehen, lauschen wir der klassischen Musik von Bach und Offenbach oder Popsongs von Janis Joplin.
"Sweet Movie" erinnert an den Titel "Blue Movie", der nun aber vorher bereits von Andy Warhol benutzt wurde. Und in der Tat borgt sich Cavallone Ideen und Impulse aus beiden Filmen. Eine der bekanntesten Referenzen an den Makavejev-Film dürfte die Szene sein, in der Funari sich ihren gesamten Körper mit ihren eigenen Fäkalien beschmiert, während in "Sweet Movie" eine Frau in brauner Schokolade badet. Die Figur des Claudio selbst in an Hemmings Fotograf in Antonionis "Blow up" angelehnt,
"Blue Movie" dürfte Alberto Cavallones kommerzieller Selbstmord gewesen sein. Waren seine vorherigen Werke meist noch vertretbar für ein einigermaßen flexibles Publikum, ist dieses gefährliche Filmmonstrum ein Film, der sich gegen sein Publikum förmlich erwehrt. Wenn Hollywood-Filme ihren Zuschauer tröstend in den Arm nehmen und ihn tätscheln, dreht Cavallones Film seinem Zuschauer hochnäsig seinen Rücken zu. Wir sind zwar fasziniert von den surrealistischen Bildern, und verstehen all die politischen und künstlerischen Hintergedanken, die der Filmemacher transportiert, jedoch lässt er uns kaum etwas Greifbares zurück. Aufgrund der Logik und Rationalität auflösende Schnittweise und der nonlinear erzählten Geschichte können wir erst bei der finalen Titelkarte, die das Ende von "Blue Movie" verkündet, verstehen, um was es in dem Film ging. Erst wenn wir den Effekt des im Vorspann gehörten Pistolenschuss sehen, verstehen wir, wer hier Opfer und wer Täter war. Claudio, die tragische Figur des Films, ist in jedem Fall Opfer seiner eigenen Perversitäten und seinem Wunsch diese in Kunst (egal, ob nackte Frauen oder Coladosen) zu produzieren. Seine Profession als Fotograf stellt er selber in Frage.
"Blue Movie" ist ein bizarres, anstrengendes, gefährliches, sich dem Zuschauer verschließendes Werk. Er wendet sich von allen uns bekannten und vertrauten Erzählweisen und –techniken ab, inszeniert, wie sein Antagonist nur das Schlechte und Hässliche. Seine Weltanschauung ist nihilistisch, und so mag auch Cavallones Vorstellung von seinem Publikum gewesen sein. Cavallone schuf seinen eigenen, individuelen Anschlag auf Moral, Kultur, Amerikanismus und Konsumismus, ließ all seine Konfusion über seine Themen in Chaos hochkochen, und bildete so einen faszinierenden Experimentalfilm ab, der wohl ein direktes Kind der politisch wilden Siebziger Jahre Italiens ist.