Originaltitel: Blow Job. USA, 1963. Regie: Andy Warhol. Kamera: Andy Warhol. Darsteller: Tom Baker. Schwarzweiß. 27 Min.

 


 

 

Der "reaction shot" ist eine besondere Aufnahme eines oder mehrerer Schauspieler, die zeigt, wie diese auf eine vorherig gezeigte Aktion reagieren. Innerhalb eines normalen, narrativen Films ist der "reaction shot" Teil einer vollkommen natürlichen Bilderfolge, die in der Regel nicht für eine sonderliche Aufregung sorgt. Andy Warhols non-narrativer Experimentalfilm "Blow Job" hingegen zeigt letzten Endes nichts weiter, als nur den "reaction shot", lässt das auslösende Ereignis im Dunklen, respektive außerhalb des Filmausschnitts passieren. Da "Blow Job" fast eine halbe Stunde lediglich nur aus einem einzigen "reaction shot" besteht, nannte man Warhols Film – nicht ganz ernst gemeint – den längsten "reaction shot" der Filmgeschichte.

Also beobachtet der Zuschauer eine geschlagene halbe Stunde das Gesicht des Akteurs Tom Baker. Immer wieder wird das statische, nur von einer einzelnen, hoch montierten Lichtquelle beleuchtete Bild von dem weißen Rauschen unterbrochen, wenn eine Filmrolle ausläuft. Neun mal muss Warhol während des "reaction shots" die Filmrolle seiner 16mm-Kamera wechseln. Wie oben beschrieben, können wir das Ereignis, den Akt an sich nur erahnen. Der Titel des Films macht deutlich, dass es hier um einen Fellatioakt geht, der an Tom Baker vollführt wird – filmhistorische Aufzeichnungen belegen, dass es ein homosexueller "Blowjob" ist, der durch Experimentalfilmemacher Willard Maas durchgeführt wird. Warhols Film kann sicherlich als Umkehrung des üblichen Pornovoyeurismus angesehen werden: Das aufregende Material wird ausgeblendet. Wir sind zwar unmittelbar während des sexuellen Akts zugegen, sehen ihn aber nicht. Jedwede Aktion, die in normalen Pornofilmen in Nahaufnahme gezeigt werden würden, lässt Warhol ironischerweise aus und formiert dadurch seinen Experimentalfilm zur gekonnten Parodie auf ein Genre, das in seiner Lust und Berechenbarkeit langweilig geworden ist.