In Walerian Borowczyks "La Bête" wird die berühmte, kinderfreundliche Mär von der "Schönen und das Biest" umgekehrt und perversiert: Im "Original" ist es ein entführtes Dorfmädchen, dass die Schönheit hinter einem reißenden Biest erkennt und am Ende für ihre Objektivität mit einem waschechten Prinzen belohnt wird. In Borowczyks Version jedoch muss das Mädchen erkennen, dass ihr Prinz in Wirklichkeit ein Biest ist. Aus dem züchtigen Stoff, der mit einer unterschwelligen Erotik in seinen verschiedenen Interpretationen, unter anderem durch Cocteau, reizte, machte Borowczyk einen nahezu pornographischen Reißer, der aber durch seine Originalität gewinnt.

Aus dem verwunschenen Schloss aus dem Märchen macht Borowczyk ein Freudenhaus voller Lüsternheit und Intrige: Die lockenköpfige Tochter der Familie schläft heimlich mit dem schwarzen Diener. Dieser kann sie jedoch nie befriedigen, da er immer während ihrer heimlichen Treffen von den Familienoberhäuptern gerufen wird, so dass sich die Tochter mit dem Bettpfosten vergnügen muss. Der eingeladene, anscheinend pädophile Priester bringt seine eigenen Lustknaben mit. Von Festlichkeit keine Spur: Obwohl hier sehr bald eine Hochzeit stattfinden soll, ist die Stimmung im Hause gedrückt. Die britische Schönheit Lucy Broadhurst ist mit ihrer Tante schon auf dem Weg in das Schloss im tiefen Frankreich, wo sie dann ihren zukünftigen Ehegatten Mathurin de l'Esperance zum ersten Mal treffen wird.

Doch von romantischer Vorfreude ist bei den Herren de l'Esperance nicht zu reden. Familienoberhaupt Pierre sieht in der Heirat die einzige Chance auf eine finanzielle Rettung seiner Sippe. Umso ungeduldiger wartet Pierre auf die Ankunft des Kardinals, der Lucy und Mathurin verheiraten soll. Nachdem wenigstens die zukünftige Braut mit ihrer Tante im Chateau angekommen sind, nehmen die Dinge ihren Lauf: Die junge Lucy hat bereits unheimliche Geschichten über ihre neue Heimat gehört, Legenden von Gespenstern, die die Familie heimsuchen oder die Geschichte eines Biests, das alle zweihundert Jahre wiederkehrt und sich seine Opfer reißt. Aber sie scheint auch angezogen von der Idee zu sein. Wenn sie getrennt von ihrer aufpasserischen Tante Virginia in ihrem neuen Bett liegt, schaut sie sich Polaroids von kopulierenden Pferden an und masturbiert.

Sie ist ebenfalls fasziniert von dem Tagebuch von Romilda de l'Esperance, einer Ahnin ihres Zukünftigen, dass sie im Höhepunkt des Films zu einem erschreckenden (Alp-)Traum führt: Als Romilda wird sie neugierig in den nahe gelegenen Wald gezogen. Ein zerfleischtes Schaf markiert den Anfang einer bestialischen Begegnung: Im Wald lauert das titelgebende Biest, ein Wesen, das bei dem Anblick der jungen Frau sofort sein neues Opfer gefunden hat. Doch nicht als essbare Beute, sondern, wie seine riesige Erektion während der Verfolgungsjagd deutlich macht, als Sexobjekt. Nachdem Romilda ihr Gewand an den Ästen und Wurzeln des Waldes bis auf ihr Korsett zerrissen hat, kommt es zu einer skandalträchtigen, provozierenden Sexszene zwischen Biest und Frau. Da das ständig ejakulierende Glied des Biests in Großaufnahme gezeigt wird, ist die Szene pornographisch, aber alles andere als erotisch, da in ihrer Sodomie abschreckend.

Borowczyks Trick bei dieser berühmtberüchtigten Szene ist jedoch seine Montage. Die Sexszene ist für den Zuschauer eine Traumszene: Zuletzt sahen wir Lucy in ihrem Bett einschlafen, nun haben wir einen Wandel vollzogen: Die Zeit ist zurückgedreht, Lucy ist nun im aristokratischen Gewand Romildas. Eine Metamorphose, die wir durch die Traumhaftigkeit der Sequenz durchaus akzeptieren. Doch nach wenigen Minuten schneidet Borowczyk zu nächtlichen, mörderischen Vorgängen in dem Chateau. Nach wenigen Minuten geht es aber wieder mit der Traumsequenz weiter. Ein Einschub, der die traumhafte Irrealität in einen zeitlich fortschreitenden Kontext bringt. Dadurch, dass während des Traums etwas Reales passieren soll, nimmt Borowczyk ihr ihre Paralleluniversum-Natur - ein Twist, der durch die Schlusspointe an Wirkung gewinnt.

Borowczyks "Biest" ist eine Geschichte rund um den Verlust der Unschuld und um den Grat zwischen Instinkt und Verstand. Der Mathurin, der seine Gelüste wie Alkohol oder Zigaretten unterdrückt, verwandelt sich zum Tier, streift alle zivilen Verhaltensweisen ab und verhält sich ganz so, wie die kopulierenden Pferde, die er in der Eröffnungssequenz des Films voyeuristisch begafft. Wenn der Kardinal am Ende des Films sagt, dass nur die Intelligenz den Menschen vom Tier trennt, dann könnte man auch sagen, dass es jene Intelligenz ist, die uns davor bewahrt, unsere instinktive, dunkle Seite (hier sexuell ausgelebt) zum Vorschein zu bringen. Als stilistisch interessanter, weil barocker und eben nicht erotischer Arthouse-Quasi-Porno, der über jene dunkle, animalische Seite des Geschlechtsakts berichtet, ist Borowczyks skandalumwittertes Horrordrama ein voller Erfolg.