Originaltitel: Alles dreht sich, alles bewegt sich. Internationaler Titel: Everything turns, everything revolves. Deutschland, 1929. Regie: Hans Richter. Drehbuch: Werner Graeff, Hans Richter. Kamera: Reimar Kuntze. Musik: Walter Gronostay. Schwarzweiß. 3 Min.
Nach "Vormittagsspuk" ist "Alles dreht sich, alles bewegt sich" die zweite Zusammenarbeit Hans Richters mit dem Autor Werner Graeff, der verschiedene filmtheoretische Texte verfasste. Diesmal gelingt ihnen zwar nicht ein weiteres avantgardistisches Meisterwerk, jedoch immerhin einen respektablen Werbefilm für den Berliner Jahrmarkt. Als Dokumentarfilm geplant wurde aus "Alles dreht sich, alles bewegt sich" vor allem Richters wichtigstes Experiment mit dem neuen Medium Tonfilm. Bereits im Vorspann behauptet Richter, dass sich erst jetzt, wo der Tonfilm erfunden ist, "alles drehen und bewegen" könne.
Richter montiert verschiedene Aufnahmen des Rummels miteinander, lässt aber keine rhythmisch passige Melodie über das Geschehen legen, sondern schneidet sozusagen ebenfalls eine Collage (oder auch Montage) aus verschiedenen Musiken zusammen, die in immer wechselnden Harmonien zu ebenfalls variierenden Bildern übergehen. Die Bilder sind wild und schnell, fangen die Aufregung und Sensationalität des Jahrmarkts ein: Etwa, wenn ein exotisch gekleideter Mann die neugierigen Massen hinter einen Vorhang bittet, hinter dem eine Zirkusvorstellung läuft. Jongleure und Artisten bezaubern das Publikum, während Richter durch avantgardistische Kameraaufnahmen die Tricks für den Filmzuschauer noch ansprechender darbietet. Der Höhepunkt des Films ist ein ungemein intelligenter Filmtrick: Hat Richter in den ersten Minuten seines Jahrmarktfilms die Zauberer, Clowns und Artisten als abgefilmte Realität etabliert und somit sein Filmwerk als dokumentarisch definiert, wechselt er urplötzlich zum dadaistischen Effektfilm und lässt einen Gewichtheber die Gesetze der Gravitation überwinden, in dem er ihn beobachtet, während er über Wände und Decken in senkrechter Körperhaltung schlendert und das erstaunte und applaudierende Publikum gegenschneidet. Realität und Illusion verschwimmen in diesem frühen, brillanten Filmexperiment.