Bei dem legendären Gespräch mit Francois Truffaut äußerte Alfred Hitchcock einst, dass es nach 60 Jahren Filmgeschichte unmöglich sei, dem Zuschauer noch Zaubertricks oder Hypnose im Film vorzuführen. Das Publikum hätte schon zu oft die Tricks und Spezialeffekte der Filmemachern gesehen, als dass sie die Funktionsweisen und die Möglichkeiten, die insbesondere der Filmschnitt bietet, nicht vorhersehen und selbstständig hinterfragen könnten. Hitchcock spricht sogar von einer "Unmöglichkeit", eine hypnotisierte Person glaubhaft darzustellen, da es keinen "visuellen Unterschied" gäbe, zwischen einer "wirklich hypnotisierten Person und einer, die nur so tut".

Mittlerweile sind weitere 20 Jahre Filmgeschichte vonstatten gegangen. Und obwohl in diesen 20 Jahren noch mehr tollkühne Spezialeffekte die Kinos bevölkerten, ist Hitchcocks These von dem informierten Publikum, das die Authentizität eines Bildes unmittelbar während der Aufnahme bewerten kann, nicht unbedingt wahrer geworden. Als Max Renn in David Cronenbergs Film "Videodrome" vor einer vermeintlichen, qualitativ völlig unterirdischen Ausstrahlung einer gewalttätigen Folterung einer jungen Frau steht, ist er nicht in der Lage zu beurteilen, ob das Filmbild nun gespielt oder echt sei. Dies liegt allerdings nicht daran, dass die Schauspielerin in dem Brutalovideo derart bedingungslos spielt, so dass auch hier kein "visueller Unterschied" des Körpers auszumachen ist, sondern an den visuellen Differenzen des Videobildes: Die Foltervorgänge gleichen einem schlechten Satellitenbild, werden von Störstreifen durchzogen und nur mit verwaschenen Farben dargestellt. Außerdem bleibt die distanzierte Kamera statisch. Obwohl wir erst später erfahren, dass das Video extra derart manipuliert wurde, um der subversiven Ästhetik eines verbrecherischen Snuff-Videos zu gleichen, nimmt die bewusste "Verschlechterung" des Materials wirksamen Einfluss auf unsere Deutungsfähigkeit bezüglich des Wahrheitsgehaltes des Gewaltbildes. Da die Aktionen auf dem Videoband möglicherweise ein Verbrechen sein könnte, ist gerade die Elimination jeglicher Kunst und somit Künstlichkeit aus dem Filmbild, ein effektives Mittel, um Authentifizierungsprozess durch den Rezipienten zu erschweren.

Die Überzeugungskraft eines Filmbildes liegt also nicht unbedingt an der Spielqualität, sondern an seinem äußeren Design und unserem modernen Erfahrungsschatz, der bestimmte Ästhetiken mit eindeutigen Konnotationen verknüpft. Hitchcocks Gedankengang von dem so essentiellen "visuellen Unterschied" sei hiermit vorerst widerlegt. Und auch sein Wunsch nach einem funktionierenden Hypnosefilm kommt Cronenberg mit "Videodrome" nach. Hitchcocks grundlegender Fehler ist seine Absolution der Suspense und somit eine Objektivierung des Zuschauers im Hinblick auf den Hypnosevorgang. "Videodrome" scheint eine einzige Hypnose zu sein – und später dann eine folgenschwere Halluzination dadurch. Jedoch wird der Rezipient nie mit Mehrinformationen oder Vorsprungswissen versorgt. Der Zuschauer bleibt immer auf einer Ebene mit seinem Protagonisten Max Renn. Sowohl erzählerisch, als auch visuell. Denn wenn Max unter Hypnose handelt oder von Halluzinationen gequält wird, dann wird uns kein allwissender, objektiver, gar klinischer Blick gewährt, sondern nur den durch Max' beeinflussten Geist. Der Film und die Kamera sind stets bei Max: keine Szene, die er nicht dominieren würde. Die Subjektivierung der Geistesmanipulation, sei es nun Hypnose oder Halluzination, ist es, die den Unterschied macht.

"Videodrome" ist die furchtbare Bedrohung durch Massenmedien. Max Renn entdeckt in Cronenbergs Horrorfilm, dass hypnotische Videosignale bald in Form einer politischen Verschwörung zur Manipulation der TV-Zuschauer eingesetzt werden sollen. Der Prototyp dieses Videosignals heißt ebenso wie Cronenbergs Film selbst: "Videodrome". Das Fernsehprogramm gleicht dem Spielfilm über der Namensgebung hinaus nur noch in einem Detail, nämlich der graphischen Extreme. Während die konspirativen Produzenten des Signals besonders sensationslüsterne Sex- und Gewaltbilder mit ihren Hypnosewellen koppeln, bedient sich auch "Videodrome" deutlicher Sexszenen und alptraumhafter Gewaltdarstellungen. Doch das Böse lauert hier natürlich in dem Unsichtbaren: Die Signalwellen, die im schlimmsten Falle einen tödlichen Gehirntumor auslösen, sind nicht greifbar und können vom Zuschauer, sowohl dem im Film, als auch dem Zuschauer des Films an sich, nicht erkannt werden. Gerade für einen Genrefilm wie "Videodrome" ist die Doppelung des bedrohlichen Materials und der zeitweisen Doppelung des Materialinhalts ein absolut brillanter Schachzug, da sich selbst der Endrezipient des Cronenberg'schen Horrors sich seiner Uninfiziertheit in Unklarem ist. Obwohl die Bedrohung eindeutig phantastische Bezüge hat, wird sie auf die unmittelbare Filmvorführung projiziert und somit in das direkte und zeitnahe Umfeld des Rezipienten übersetzt.

Für die Hypnose, die in "Videodrome" den Fernsehanstaltinhaber Max Renn zum Mörder werden lässt, kann man sehr leicht die Imitationsgefahr eines gewalttätigen Fernsehprogramms einsetzen. Bereits zu Anfang ist Max Renn Gast in einer Talkshow, in der ihm vorgeworfen wird, sein Schmuddelprogramm würde Gewalt auf den Straßen erzeugen. Seine Erwiderung stützt sich auf die These, dass Realität nicht Film kopiere, sondern andersherum. Doch durch die manipulativen Fernsehbilder gerät Max schnell selber zum erschreckenden Opfer der Signalbertragungen. Nicht mehr Herr seiner rationalen Sinne imitiert er im Showdown von "Videodrome" eben jene Filmbilder eins zu eins, die ihm als Lösungsvorschlag für seine Problematik vorgeschlagen wird: Der Selbstmord.

Cronenbergs "Videodrome" ist zweifelsohne sein Meisterwerk. Ein Horrorfilm, der sein Monstrum in seinem eigenen Medium findet, kann effektiver und gleichzeitig filmtheoretischer nicht sein. "Videodrome" dient zugleich als fesselnder Beitrag zum Genrekino, als auch als überwältigend vielschichtiger Diskurs in Medientheorie, der sowohl die Wirkung, als auch die verschiedenen Gestaltungsmöglichkeiten zum Thema hat. Dass sich der Film somit vollkommen dem Videokassetten-Medium verschreibt, macht ihn zu einem in sich homogenen Meisterstück, das konsequenterweise mit dem Starten eines Wake-up-Tapes beginnt und mit dem abrupten Ende nach dem Suizid Max' in Schwarz versinkt – ein vollkommen subjektiver Film, in dem der Körper des Protagonisten letzten Endes selber zum Medium geworden ist – und in dem das eigene Medium selbstreferenziell und –bewusst behandelt wird. Ein Kniff, auf den selbst Hitchcock nicht kam, um die angebliche Unmöglichkeit seiner filmischen Hypnose darzustellen.