Originaltitel: Heart of the World, The. Kanada, 2000. Regie: Guy Maddin. Drehbuch: Guy Maddin. Produktion: Niv Fichman, Jody Shapiro, Jennifer Weiss. Kamera: Guy Maddin, deco dawson. Schnitt: Guy Maddin, deco dawson. Darsteller: Leslie Bais (Anna), Caelum Vatnsdal (Osip), Shaun Balbar (Nikolai), Greg Klymkiw (Akmatov), Tammy Gillis (Mary Magdalene), Carson Nattrass (Zenturio). Schwarzweiß. 6 Min.
Es sollte eine Gelegenheitsarbeit werden. Nur ein kurzer Film, um eine Lücke in dem Zeitplan des Toronto Film Festivals zu schließen. Doch wenn Guy Maddin erst einmal etwas beginnt, dann bringt er es anscheinend auch mit ganzem Elan, Blut und Schweiß zu Ende. Denn sein "Pausenfüller" "The Heart of the World" ist einer seiner schönsten Filme geworden.
Wie so oft bei Maddin hat man das Gefühl, man sieht einen Found-Footage-Film, dessen Material irgendwann Mitte der Zwanziger entstanden sein muss. Durch extraordinäres Produktionsdesign, in dem wirklich alles, von den Dekors, bis zum rigoros übertriebenen Make-up auf die damalige Stummfilmzeit hindeutet, entsteht der Eindruck, Maddin hätte einfach nur die Archive eines alten europäischen Studios geplündert. Sein unfassbar schneller Schnitt-Stil erinnert sofort und eindeutig an die von Sergej M. Eisenstein, und sein Einsatz von Licht an sämtliche großen Vertreter des Stummfilms. Durch nachträgliches Bearbeiten des Films, durch Einfügen von Animationssequenzen, durch das Fehlen jeglichen Sounds, durch die Wahl von kyrillisch anmutenden Zwischentiteln und durch die Wahl von verzerrenden Objektiven gerät "The Heart of the World" zu einem ganz uniken, zauber-, wie rätselhaften Filmerlebnis.
Maddin erzählt die klassische Geschichte eines Liebestriangels: Zwei Brüder lieben ein und dieselbe Frau. Nikolai ist ein innovativer Leichenbestatter, Osip ist ein Theaterschauspieler, der sich zu sehr mit seiner Rolle als Jesus Christus identifiziert. Beide scheinen von dem Industriellen Akmatov ausgestochen werden, als der in der dunkelsten Stunde der begehrten Wissenschaftlerin Anna, die gerade herausgefunden hat, dass der letzte Tag der Erde, die an einem Herzinfarkt sterben wird, angebrochen ist, ihr Herz gewinnt. Doch schon in der Hochzeitsnacht tötet Anna ihren aufdringlichen Mann, und katapultiert sich durch ein Röhrensystem in das Innere der Welt, zu dem kränklichen Herzen. Hier ersetzt sie heldenhaft das sterbende Herz durch ein besseres.
"The Heart of the World" ist unglaublich schnell, originell und schön. Dieser völlig einzigartige Sechsminüter kann sowohl als aufregend, als auch amüsant beschrieben werden, passt aber keinesfalls in nur eine der konventionellen Genreschubladen. Wieder einmal hat Guy Maddin mit seinem unverwechselbaren Retrostil etwas völlig Eigenes erschaffen - und gleichzeitig etwas, das auf qualitativ höchstem Niveau fasziniert und unterhält!