Ein barockes Schloss als Angelpunkt der Gruselhandlung: Das hochgebaute, verwinkelte Anwesen, das sich des Nächtens in wabernde Psychedelikfarben hüllt, dient als Schauplatz für geheime Riten und verbotene Zeremonien. Vampirismus ist allgegenwärtig. Denn während man im nahe gelegenen Dörflein denkt, die beiden Schlosseigentümer vor Kurzem dahingeschieden seien, wissen es die attraktiven und meist nur sehr leicht bekleideten Dienerinnen es besser: Die einstigen Vampirjäger hat es durch einen Übergriff einer Art Obervampirs auf die andere Seite verschlagen. Dominiert von der reinen Vampirfrau Isolde erwarten die beiden untoten Herren ein ewiges Leben, verbannt zur Blut- und Fleischeslust. Doch zunächst müssen sich die beiden Neu-Vampire von den Einflüssen ihres früheren Lebens rein machen.

Jean Rollins dritter Vampirfilm, der vom deutschen Verleih den arg spekulativen Titel "Sexual-Terror der entfesselten Vampire" zugeschachert bekam, erzählt die Geschichte der Verführung, eingebettet in einer Variation des Don-Sharp-Films "Der Kuss des Vampirs". Die beiden "Helden" des Gothikgrusels sind zwei frisch Vermählte, die aufeinander gewartet haben und nun die Cousins ihrerseits in ihrem alten Anwesen besuchen wollen. Erst in der Hochzeitsnacht soll die Ehe vollzogen werden. Doch von jener Bibelmoral hält man in dem Haus der Sünde reichlich wenig: Die deprimierte Ehefrau Isa möchte den Abend nach der Schocknachricht von dem Tod ihrer beiden Cousins lieber alleine nächtigen, wird aber prompt von der lesbischen Isolde zu einer sexuell aufgeladenen Schwarzen Messe verführt. Und von da an geht es abwärts mit der einst so reinen, jungen Frau. Während ihr Gatte, der standhafte Antoine, seine Instinkte stets zurückhält, sich auch nicht von den Avancen der freizügigen Dienerinnen beeindrucken lässt, gerät Isa in einen Strudel, der schließlich in Vampirismus endet. Am Ende ist sie selber einer von denen geworden, ein Untoter, eine Figur in dem inzestuösen Vampirspiel ihrer beiden Verwandten. Die Verführte erwartet ein angeblich lustvolles, ewiges Leben – derjenige, der rein, unberührt und ehrlich zu sich und seinem Eheversprechen handelte, erwartet der Tod im Showdown.

Natürlich ist die Verführung durchaus nachvollziehbar. Rollin inszeniert hier keinesfalls mordende, hässliche Vampire, die sich ob ihrer Verdammtheit in Qualen winden, sondern appetitliche, junge Frauen, die in durchsichtigen Umhängen vor umwerfend ausgeleuchteten Kulissen, die Ankunft eines neuen Mitglieds ihres exklusiven Reigens erwarten. Der Drehort könnte verführerischer und anziehender kaum sein. Nicht nur, dass das Schloss, in dem sich fast die gesamte Handlung abspielt, durchaus architektonisch ansprechend wirkt, Rollin lässt sein Set durch besondere Beleuchtungen zu einem Kolorspektakel ungeahnter Farbenintensität werden. So sind die Szenen auf dem Friedhof beispielsweise in ein extremes Blutrot getaucht, das jede andere Farbtönung gnadenlos verschluckt, während oftmals ein Aquablau im Hintergrund grell durchschimmert. Und zu jenen wunderbaren Farbkontrasten gesellen sich besagte Damen hinzu, die zu hippiesker Progrockmucke ihren wahlweise vampiristischen oder lesbischen Zeremonien nachkommen. Kaum jemand, der sich von so einer filmischen Sinnesverführung nicht lenken lässt würde.

Und immer wieder verzückt uns Regisseur Rollin durch optische Einfälle. Neben Isoldes Erscheinen in einer Wanduhr ist die Positionierung eines Todesschädels in einem Goldfischglas, in dessen dunklen Augenhöhlen sich brennende Kerzen widerspiegeln, das optische Highlight in diesem wunderbaren Vampirfilm. Kameratechnische Akrobatiken, wie die grandiosen 360°-Drehungen innerhalb eines Raumes, sollen ebenfalls lobende Erwähnung finden.

Die Verführung glückt demnach. Der Zuschauer verfällt der grenzenlos fantastischen Optik genauso, wie Isa den Vampiren. Ebenso wie Isa sich am Ende kaum mehr um ihren Ehegatten schert, machen wir uns bei diesem audiovisuellen Trip Gedanken um eine lineare Erzählweise. Selbst wenn die beiden Cousins, die in Form von zwei transvestitisch angehauchten Großbourgeoisen mit Vampirfangzähnen auftreten, versuchen Ursache für ihren Plan ihre Rasse auch auf Isa übergreifen zu lassen, bleibt das minutenlange Geschwätz so kryptisch und labyrinthartig wie das Schloss in dem sich dies alles zuträgt. Plausible Erklärungen oder ein schnelles Tempo sollte man hier nicht erwarten, dafür aber einen der besten Gründe, warum einst der Farbfilm erfunden wurde: Nämlich um dieses wunderschönes Beleuchtungsbombardement von einem Vampirgrusler zu ermöglichen.