"In order for life to have appeared spontaneously on earth, there first had to be hundreds of millions of protein molecules of the ninth configuration. But given the size of the planet Earth, do you know how long it would have taken for just one of these protein molecules to appear entirely by chance? Roughly ten to the two hundred and forty-third power billions of years. And I find that far, far more fantastic than simply believing in God."

Dieses herzliche Plädoyer für eine tiefe Spiritualität halt Colonel Hudson Kane, die Hauptfigur in William Peter Blattys Regiedebüt "The Ninth Configuration". Der Psychiater, der in einer vor der Öffentlichkeit versteckten Anstalt für mentale Störungen innerhalb des Militärs, ehemalige Offiziere betreut, möchte noch an die Güte im Menschen glauben. Kane wird herausgefordert von dem unkontrollierbaren Insassen Billy Cutshaw, der den Beweis für die Nichtexistenz Gottes darin begründet sieht, dass es so viel Böses in der Welt gäbe. Kane erwidert Cutshaw, dass es dann umgekehrt genauso ein Beweis für die Existenz Gottes aufgrund all dem Guten in der Welt wäre. Doch ein persönliches Beispiel für absolute, gütige Selbstlosigkeit bleibt Kane dem manischen Cutshaw schuldig. Bis zum Ende dieses wunderbaren, reichlich verrückten Films.

Ein verrückter Film nicht nur, weil nahezu jede Figur in dem Film, egal ob Insasse oder Doktor, mit einer Neurose und seinen eigenen Dämonen zu kämpfen hat. Sondern auch weil Blatty hier glücklicherweise seine Romanvorlage "Twinkle, Twinkle, Killer Cane" nicht um allzu viele Storyelemente erleichtert, sondern uns die ganze Geschichte in all ihrer Komplexität erzählt. So stehen hier düstere und nachdenkliche Szenen theologischen Psychothrills direkt neben überspitzten Slapstickmomenten, in denen die Vorgänge in der Anstalt ins Surreale gekippt werden, genauso wie bildstürmerische Alptraumsequenzen (ein Astronaut entdeckt ein lebensgroßes Kruzifix Jesu auf dem Mond) neben Vietnam-Flashbacks. "The Ninth Configuration" ist Tragikomödie, Psychodrama, Thriller – und bedenkt man, dass dies der inoffizielle zweite Teil in Blattys "Trilogie des Glaubens" nach "Der Exorzist" ist – Horrorsequel.

Dementsprechend ungenügend ist oben angerissene Inhaltsbeschreibung: In "The Ninth Configuration" geht es nicht nur um einen idealistischen Militärpsychologen, der die Antworten auf die theologischen Fragen des Lebens sucht, sondern eben auch eine möglichst kreative Schocktherapie für seine Patienten. Als der Insasse Frankie Reno (gespielt von dem "Exorzisten"-Darsteller Jason Miller) mit Kane Shakespeares "Hamlet" diskutiert, da er mitten in der Inszenierung einer Theatervorführung mit Hunden als Darstellern ist, kommen sie zu folgendem Schluss: Hamlet ist deshalb verrückt geworden, weil er einst versuchte vorzugeben, er sei verrückt. Kane übersetzt Renos Theorie auf die Anstalt. Ihm wird klar, dass die dekorierten Männer erst dann aus ihrer gewohnheitsmäßigen Manie befreit werden können, die sie einst anlegten um Taten im Krieg vor sich selber zu rechtfertigen, indem man sie dazu zwingt, den Ausbruch aus dem Schloss und den Wunsch nach Normalität vorzugeben: Ab sofort wird 24 Stunden am Tag in der Anstalt "Gesprengte Ketten" gespielt. Mit den Wächtern und Psychologen als Nazis und den Insassen als US-Ausbrecher. Das führt ironischerweise jedoch dazu, dass der finale, humanistischste Akt – eine Art Opfergang im Sinne Jesu Christi – des Films von jemanden vollbracht wird, der sich in voller Nazi-Montur befindet.

Zusätzlich zu diesen Aufgaben sucht Kane nach Antworten für das Verhalten des atheistischen Ex-Astronauten Cutshaw, der einst unter Panik einen Countdown für einen Start zum Mond abbrach und seitdem in dieser Anstalt fristet. Aber auch nach persönlicher Heilung sucht er – ein toter Bruder, der grausame Kriegsmorde beging, lastet auf seiner Seele. Blatty, eigentlich Romanautor, gelingt es bei dieser Fülle an Stimmungen und Geschichten das richtige Tempo zu finden – und zum Glück die richtigen Schauspieler: Besonders Stacey Keach überrascht mit unglaublicher Wandlungsfähigkeit und Intensität als der Colonel Kane, einem Charakter, der Extreme: Mal umgeben von einer buddhistischen Ruhe, mal die personifizierte rasende Wut.

Doch das so stimmige Tempo passt wohl lediglich in dem Director's Cut, der 118 Minuten lang und 5 Jahre nach der ursprünglichen Premiere 1980 und nach dem Golden-Globe-Preis für das beste Drehbuch erst in die Kinos kam. Die meisten anderen Schnittfassungen lassen die vielen eher komischen Momente in Blatteys Film vermissen: Etwa wenn Moses Gunn im Superman-Outfit als Shakespeare-Darsteller vorspricht oder wenn Reno und Cutshaw prophetisch Colonel Kane mit Gregory Peck in "Ich kämpfe um dich" vergleichen. Auch das Ende wurde leicht modifiziert. Und obwohl gerade zu Anfang einige unsaubere Schnittfolgen aufgrund irritierender Achsensprünge und Anschlussfehler zu verzeichnen sind, funktioniert "The Ninth Configuration" mit all seinen Variationen im Ton und in Atmosphäre nur in dieser Schnittfassung: Nur hier wird der mutige Zuschauer über die urkomischen Momente zwischen Jason Miller und Joe Spinell lachen, über die philosophischen und wunderbar geschriebenen Dialoge nachdenken können und dann auch noch von einem schockierend brutalen Finale mitgerissen werden – um dann am Ende zu einer befriedigenden und runden Konklusion zu kommen. "The Ninth Configuration" als Film, den es zu erleben gilt, dessen theologische Theorien diskussionswert sind und dessen Charaktere schlichtweg so erinnerungswürdig sind, ist wahrhaft ein großer, vergessener Film.