Originaltitel: Made in USA. Frankreich, 1966. Regie: Jean-Luc Godard. Drehbuch: Jean-Luc Godard (nach einem Roman von Donald E. Westlake). Produktion: Georges de Beauregard. Kamera: Raoul Coutard. Schnitt: Francoise Collin, Agnes Guillemot. Darsteller: Anna Karina (Paula Nelson), Jean-Pierre Léaud (Donald Siegel), Lászlo Szabó (Richard Widmark), Marianne Faithfull (sie selbst), Ernest Menzer (Edgar Typhus), Kyôko Kosaka (Doris Mizoguchi), Yves Afonso (Dave Goodis), Marc Dudicourt (Barmann), Jean-Luc Godard (Richard Politzers Schatten), Claude Bouillon (Aldrich), Philippe Labro (er selbst). Farbe. 81 Min.
Wie Walt Disney solle die Geschichte sein. Beziehungsweise wie Disney-Filme, nur mit Bogart drin. Ein Film, so bunt wie ein Zeichentrickfilm, also. Und doch ist eigentlich nur der herzzerreißende Pullover der bezaubernden Anna Karina in ihren ersten Szenen wirklich so bunt wie ein Disneyfilm. Der Rest ist entweder ein Abschiedsgruß an den amerikanischen Genrefilm, der Regisseur Jean-Luc Godard so lange beeinflusste, oder ein grollendes, politisches Pamphlet gegen konservative Werte. Konfus und kompliziert schafft es Godard besonders in einer hervorragenden Szene, sein Anliegen, sowohl sein Kino, als auch seine Politik durch ein und die gleiche Metapher zu erklären: In einer Bar versucht ein Arbeiter die Irrlogik der Poesie zu beweisen und erfindet Sätze voller absurder Verhältnisse. Unter anderem stellt er fest, dass er auch Paula sei, also Anna Karina. Sowohl die biegbare Logikwelt des Mediums deutlich machend, als auch die kommunistischen Werte eines Arbeiterkollektivs ohne singuläre Individuen andeutend, ist dies wohl die Schlüsselszene dieses grandiosen Films aus Frankreich: "Made in USA".
Godard zerfleddert für diesen Film einen Kriminalroman von Donald Westlake. Er schickt seine Frau und Hauptdarstellerin Anna Karina als Paula Nelson nach Atlantic City. Dort muss sie feststellen, dass ihr Verlobter Richard tot sei. Die Leiche sitzt blutverschmiert, skelettiert, aber dennoch glubschäugig in dem Behandlungsstuhl des Zahnarztes Dr. Korvo. Nach Rache dürstend will Paula den Mörder ausfindig machen, verfängt sich aber in einem irren und undurchsichtigen Netz aus Zufälligkeiten, Irrationalitäten und unartikulierten Verschwörungen. Geheimpolizei, Nordafrika und ein kommunistisches Manifest spielen Rollen. Genauso wie einfache Lügen.
Wie schon in "Lemmy Caution gegen Alpha 60" sind die Figuren Zitate. Schimmernde Seifenblasen, mit Namen wie Widmark, Siegel, Mizoguchi, Aldrich, Goodis, die genau dahin schweben, wohin Godard sie befiehlt. Sieht man sie genauer an, stupst man diese Figur, die Godard Filmcharakter nennt, gar an, zerplatzen die Seifenblasen wieder. Paula Nelson und Paul Widmark kommen nicht in dem Film vor, um dem Zuschauer etwas über sich oder ihre Moral zu erzählen. Die Schauspieler wollen den Zuschauer nicht von ihrer dem Drehbuch erborgten Identität überzeugen. Nein, sie sind nur Schachfiguren, die Sätze aufsagen, damit Godard all jene, die glauben Kino sei nur Unterhaltung, nur Wiedergabe ein Realitätssimulation und sozial und politisch irrelevant, Schachmatt setzen kann.
Und so ist auch die ganze Geschichte ein Zitat, eine Adaptierung eines Romans über einen Kriminellen namens Parker. Da gibt es auch ein Mord, auch einen Neuen in der Stadt, der mit dem Mord in Verbindung gebracht wird und auch dort geht es nur um das Geld. "Immer nur um Geld", so heißt es einige Male in "Made in USA". Gegen ein paar Millionen Dollar, unterschreibe man auch ein falsches Geständnis, sagt oder sagt Jean-Pierre Léaud nicht, der das Gros des Films stumm, aber wie ein Pantomime gestikulierend beschreitet. Eine Lösung für all die Morde, die im Laufe des Filmes begangen, nicht begangen und auch nur vielleicht begangen werden, gibt es nicht. Vermutlich ist auch hier der Kapitalismus Schuld, nicht umsonst spielt der Film in den USA, obwohl alle französisch sprechen. Denn wo sonst, wäre denkbar, dass der Kapitalismus mortale Konsequenz haben könnte, wenn nicht in den verhassten Vereinigten Staaten. Diese These untermauert eine kurze Szene, in der Paula auf zwei eiskalte Killer mit Zahnstocher und Sonnenbrille trifft, die sich selber als Robert MacNamara und Richard Nixon vorstellen.
Godards politische Äußerungen sind natürlich sehr subjektiv geprägt. Und wenn Anna Karina seine Dialoge aufsagt, um beispielsweise Werbung als faschistisch zu diffamieren, dann meinen sie natürlich nicht faschistisch, sondern: scheiße. Sowohl der Film an sich, als auch sein Dialog stützt sich somit also auf ein strittiges Vokabular eines Idealisten, eines Mannes, der mit linksradikalen Ideen liebäugelt und hält damit wahrlich nicht hinter dem Zaun. Der Film wird dadurch natürlich zu einem Produkt seiner eigenen Gegenwart, zu einem Dialog mit der Politik im Jahre 1966. Wir wissen alle, dass Godard seine Meinungen gerne verwarf, einst schollt er sich und seinen Debütfilm "Außer Atem" selber "faschistisch", also: scheiße.
"Das Wetter ist gut, um einen Farbfilm zu drehen", bemerkt Paula/Anna Karina in einer Außenszene. Wie wahr! Denn trotz all jener unbefriedigenden Tristesse, in der der Film auf Plotebene endet, ist "Made in USA" immer noch ein großartiges, visuelles Vergnügen. Satte, prächtige Farben, einfallsreiche Kameraverkantungen und die verführerische Breite des Cinemascope-Format, das Godard wie immer, wenn er dieses Format nutzt und mit Raoul Coutard zusammenarbeitet, so wunderbare Möglichkeiten gibt, den Bildrahmen auf erstaunliche, pfiffige Weise auszufüllen. Godard, obwohl ein politischer und künstlerischer Regisseur, wird eben auch immer ein Popregisseur sein.
So sehr "pop", dass Marianne Faithfull in einem Café herumsitzt und eine acapella-Version von "As tears goes by", dem allerersten Rolling-Stones-Song in einem Kinofilm, trällert. Und auch so sehr "pop", dass Anna Karina den herumspionierenden Widerling Typhus mit einem modischen blauen Schuh K.O. schlägt. Szenen, bei denen es überdeutlich wird, warum man Godard lieben sollte: Einfach, weil er einmal so ironisch, romantisch und spielerisch ist und zugleich so ernst, theoretisch und politisch. So auch diesen. Diesen großartigen Film zwischen Romantik und Kommunismus, hard-boiled-Krimis und Filmtheorie. Einem Film, der sowohl nach Disney und Bogart kommt, dennoch hochpolitisch in seiner Aussage ist.