Originaltitel: Lèvres de sang. Frankreich, 1975. Regie: Jean Rollin. Drehbuch: Jean Rollin, Jean-Loup Philippe. Kamera: Jean-Francois Robin. Musik: Didier William Lepauw. Darsteller: Jean-Loup Philippe (Frederic), Annie Belle (Mädchen in Weiß), Nathalie Perrey (Mutter), Martine Grimaud (Fotografin), Catherine Castel (Vampirzwilling), Marie-Pierre Castel (Vampirzwilling). Farbe. 88 Min.
Mit erotischen Vampirgeschichten konnte der französische Horrorregisseur Jean Rollin bisher viel anfangen. 1975 drehte er mit "Lips of Blood" einen seiner herausragenden Gruselfilme. Denn im Gegensatz zu seinen italienischen Kollegen und früherer Arbeiten, verzichtet Rollin hier auf permanente Gewalt- und Sleaze-Momente. Rollin versucht statt billiger Schocks hier eine sehr halluzinatorische Atmosphäre zu entwickeln, konzentriert sich mehr auf den Stil, als auf den Inhalt. Und dennoch ist Rollin erfolgreich – denn hier, in diesem konkreten Falle, könnte die Geschichte auch ein einziger gigantischer Alptraum sein und deswegen funktioniert sie trotz der Schönheitsfehler.
Von Anfang an steht der Traum, die verwaschene Erinnerung, die mögliche Einbildung im Zentrum des Geschehens: Der reiche Pariser Frederic entdeckt auf einer Dinerparty ein Plakat, das eine alte Burgruine zeigt. Er meint, diese Ruine in seiner Kindheit, mehr als zwanzig Jahre zuvor, bereits betreten zu haben. Eine unterdrückte Kindheitserinnerung scheint in ihm wieder an die Oberfläche gespült zu werden, als er mit dem Bild der Ruine eine Nacht verknüpft, in der er als Zwölfjähriger einst Unterschlupf in der Ruine suchte. Geschützt vor dem Regen und durch ein älteres, engelsgleiches Mädchen, überstand er die Nacht. Und jetzt will Frederic diese schwammige Erinnerung konkretisieren. Gab es die Ruine wirklich? Hatte er damals wirklich dieses Mädchen getroffen? Wenn ja, lebt sie noch?
Die Fragen führen Frederic zu einer Aktfotografin, die ihm nicht nur die Antworten geben will, sondern auch an sexuellen Gefälligkeiten interessiert ist. Als sie sich zum Informationsaustausch um Mitternacht treffen wollen, wird sie jedoch ermordet. Anstatt an Antworten zu kommen, wird Frederics Bemühungen hinter das Geheimnis seiner Erinnerungen zu kommen, immer mehr behindert. Schließlich weist ihn sogar seine Mutter in die Psychiatrie ein. Und selbst dort, in einer Zwangsjacke verpackt, erscheint Frederic die Vision des "Mädchens in Weiß" aus seiner Trümmererinnerung.
"Lips of Blood" wäre kein Vampirfilm bis hierhin, hätte Frederic nicht per Zufall während seiner Suche in den Pariser Gruften einen Sarg geöffnet, aus dem sich Fledermäuse erhoben. Diese verwandelten sich später in eine Reihe attraktiver und in durchsichtigem Samt gekleideter Vampirdamen, die Frederic bisweilen sogar vor bewaffneten Killern oder dem Psychiater, der ihn durch Elektroschocks behandeln will, beschützen. Und natürlich kommt Frederic auch am Ende seiner Suche nach der Wahrheit hinter das Geheimnis des "Mädchens in Weiß" und der Ruine. Selbstverständlich ist sie und die Episode aus seiner verdrängten Kindheit ein Schlüssel in dem Rätsel um die Vampirfrauen.
Ein wichtiges Thema bei diesem Rollin ist allerdings nicht die Anwesenheit einiger blutleckender Vampirinnen, sondern eher die bewahrte Unschuld und das finale Ablegen jener. Frederic scheint ein ödipal verwirrter Mann, Mitte Dreißig zu sein. Seine Mutter stellt sich (ganz buchstäblich in der Partyszene visualisiert) zwischen ihn und möglichen Geschlechtspartnerinnen. Als ein weiblicher Gast ihm sexuelle Avancen macht, ist sofort Frederics Mutter zu Stelle, die ihn um das Nachschenken ihres Drinks bittet. Später im Film findet er in seiner Informantin auch eine körperlich angezogene Frau, die aber, bevor es zu engerem Kontakt kommen kann, ebenfalls durch den Befehl seiner Mutter dahingerafft wird. Und am Ende des Films steht die Mutter als Drahtzieherin der ganzen Operation dar: Sie hat Frederic nichts von dem "Mädchen" erzählt, hat ihn all die Jahre vor den Vampirgeschichten beschützt und behütet. Doch nach 35 Jahren unterdrückter Fantasien und Lügen ist Frederic nicht mehr bereit das Richtige zu tun:
Im beeindruckenden Finale von "Lips of Blood" entschließt sich Frederic dazu, seine Mutter anzulügen, ihre Erwartung in ihn als ehrbaren, unschuldigen und rechtschaffenen Mann zu enttäuschen und stattdessen sein Leben für eine gefährliche, todbringende und verbotene Liebe zu leben. Sein Leben hätte anders verlaufen können, wäre er einst mit Wahrheit und Freiheit aufgewachsen, so führt ihn der Reiz des Verbotenen in sein Verderben. Selbst wenn dies nicht offenkundig auf der Leinwand ausartikuliert wird, sieht seine Zukunft definitiv für unser Glücksverständnis, nicht rosig aus.
Rollins Film ist nicht gerade geschwätzig. Dialog gibt es selten und nur an zwingend notwendigen Stellen. Ansonsten regieren das Bild und seine herausstehenden Farben. Dadurch wirkt "Lips of Blood" wie ein fiebertraumartiger Stolperstein in eine verschwitzte Nacht aus Obsessionen und unterdrückten Träumen. Wenn Frederic besessen von den Ruinen schwärmt, ist er dem Zuschauer bereits sehr fern – Rollin macht uns seine Suche nicht verständlich, sondern dank audiovisueller Gestaltung interessant. "Lips of Blood" funktioniert als erwachsene, wenn auch durch aufblitzenden Camp- und Trashfaktor simpel gehaltene Studie über Besessenheit und Erwachsenwerden – und über das Verlieren der Unschuld. Allerdings nicht unbedingt als besonders gruseliger Vampirfilm.