Originaltitel: Tomato Kechappu Kotei. Internationaler Titel: Emperor Tomato Ketchup. Japan, 1970. Regie: Shuji Terayama. Produzent: Mitschi Tanaka. Kamera: Hasine Sawatari. Schnitt: Takasse Usui. Musik: J.A. Seazer. Schwarzweiß. 27 Min.

 


 

 

 

Wenn der Kaiser Tomatenketchup regiert, herrscht Anarchie und Schrecken auf den Straßen Japans. Die Bilder, die wir in Shuji Terayamas extravaganten Kunstfilm sehen, zeugen post-apokalyptischer Holocaust-Zerstörung. Menschen werden unterjocht, willkürlich erschossen und durch absurde Gesetze reglementiert. Doch der titelgebende Kaiser Tomatenketchup ist keinesfalls ein Tyrann, so wie wir ihn uns ausmalen mögen, sondern: Ein Kind. In den knappen 25 Minuten Film, die Terayamas frühes Meisterwerk andauert, sehen wir, ohne lineare Narration, was aus dem Japan werden würde, wenn die Kinder rebellieren würden und die Macht übernehmen würden.

Rebellieren, wogegen? Gegen die Regeln der Erwachsenen. Mit Waffengewalt wird infantile Selbstrealisierung angestrebt. Mit dem vorherrschenden Symbol der kindlichen Diktatur, einem X, werden alle Politiker, Denke rund Philosophen ausge-x-t, durchgestrichen – und somit ihre Vorstellungen und Gesetze für nichtig erklärt. Auf den leeren Straßen ziehen uniformierte Kinder die Leichen ihrer Eltern hinter sich her, posieren mit ihren Waffen und kontrollieren die gefangenen, meist nackt gefesselten Erwachsenen. Die Kinder rauchen, verfolgen die letzten zivilisierten Erwachsenen und kreuzigen ihre Opfer sogar. Wenn sie spielen, dann spielen sie Pingpong – als Ersatz für das fehlende Netz auf der Tischplatte dient ein toter Körper. Wenn Mord im kindlichen Spiel Einzug nimmt, dann ist die Unschuld der Minderjährigen endgültig weggewischt. Mit der verlorenen Unschuld kommt natürlich auch Sexualität. Der Kaiser wird von magischen Frauen mit fremdländischem Make-up verführt und in die Geheimnisse der Sexualität eingeführt.

Der Film scheint wie ein Labyrinth zu sein. Es gibt keinen Dialog, die wirren Gesetzestexte der Kinder werden mal verzerrt, mal lesbar, mal flackernd, mal viel zu kurz über dem Geschehen eingeblendet. Terayama selbst sagt über sein Werk, das es dem Chaos verschrieben ist. Wie wahr, wechseln sich doch surreale, sexualsymbolische Bildkompositionen mit Szenenabfolgen von Brutalitäten und Sexualaktionen zwischen elterlichen Liebkosen und direkter Penetration ab. Im Gegensatz zu vielen Behauptungen ist "Kaiser Tomatenketchup" kein kinderpornographischer Film. Kein päderastischer Voyeur könnte sich an der simulierten Erotik zwischen dem kindlichen Jungen und den weiblichen Zauberwesen erfreuen, denn dafür sind die Bilder viel zu abschreckend, bewusst nicht anregend, sondern bizarr.

"Kaiser Tomatenketchup" ist vermutlich der wichtigste Beitrag Japans zur Avantgardefilmbewegung. Wenn auch nicht der erste, dann der bekannteste. Der Film interessiert sich nicht einen Moment für westliche Erzählmuster, für konventionelle Schnittfolgen, sondern ist ein einziger konzeptioneller Amoklauf. Und auch wenn vieles in diesem unwiderstehlichen Werk improvisiert und chaotisch wirkt, so kommt die Gewissheit, dass Terayama durch Schnitt und Postproduktion, mittels rhythmisch einsetzender Musik ein rundum perfektes, kontroverses Avantgarde-Denkmal geschaffen hat.