"Hier und anderswo" ist ein Film einer imminenten Dualität. Der Filmraum, den hier die Gruppe "Dziga-Vertov" kreiert, ist keiner von Schwarz oder Weiß, von Hier oder anderswo. Das "et" des französischen Originaltitels ist wichtigster Angelpunkt und wird dementsprechend auch immer wieder in unser Blickfeld gerückt. Das mit Scheinwerferlicht bestrahlte, glamourös anmutende "et" verdeutlicht, dass in diesem essayistischen Werk weder ein "Hier", noch ein "anderswo" gibt, sondern dass sie innerhalb der Montage eine gemeinsame Formel finden.

Diese Dualität findet man auch in den produktionstechnischen Vorgaben. Aufgenommen wurde das Material bereits 1970 von Jean-Luc Godard und Jean-Pierre Gorin aufgenommen, mit dem Entschluss, später daraus einen Film namens "Victory" zu editieren. Dazu kommt es allerdings nie. 1972 dreht die Gruppe "Dziga-Vertov" ihren letzten Film "Alles in Butter" und löst sich auf. Drei Jahre später schließlich kommt es zur Montage des Filmmaterials durch Godard und seiner neuen Kollaborateurin Anne-Marie Miéville, mit der er zuvor an der Fernsehreihe "Six fois deux/Sur et sous la communication" arbeitete. So ist "Hier und anderswo" sowohl ein Film Godards "Groupe-Dziga-Vertov"-Phase, als auch seiner Videokunstphase, die er mit Frau Miéville und diesem Film begann.

Das Material von 1970 besteht aus Dokumentarfilmbildern, die in palästinischen Lagern unter anderem im Libanon im Auftrag des Zentralkomitees der palästinischen Revolution gedreht wurden. Diese Nachrichtenbilder, die einst zur Sekundierung der linksintellektuellen Ideologien gedacht waren, wurden dann fünf Jahre später auf Filmbilder einer exemplarischen Rezipientenfamilie gegengeschnitten. Vater, Mutter, Töchter sitzen im Wohnzimmer und schauen sich jene Bilder von "anderswo" an. Bruchstückhaft reißt Godard sogar "Geschichten" im "hier" (die Frau ist unzufrieden mit ihrem politisch aktiven, aber arbeitslosen Ehemann) und im "anderswo" (die Kamera begleitet Palästinenser, die ab und zu von den Filmemachern interviewt werden), jedoch nur um zu zeigen, dass subjektive Blickrichtungen fehlerbehaftet sind, und wir uns einen Draufblick aneignen sollten, der nicht dem "hier" oder dem "anderswo" anhaftet, sondern dem "und" gleichkommt.

Es ist wie bei Eisensteins Schnitt-Theorie: Es kommt nicht auf das singuläre Bild 1 (in dem Falle die Palästinenser) oder das singuläre Bild 2 (die französische Familie) an, sondern auf das Konnotat, das in der Montage, also in dem Bewusstsein beiderlei Existenzen, heraufbeschworen wird. Und so funktioniert auch der Rest des Films: Godard kontrastiert "hier" mit "anderswo", Hitler mit der israelischen Staatschefin, das Filmemachen mit dem Filmeschauen. Aussagen werden nicht erzwungen, sondern Denkanstöße gegeben – mehr noch: Der Zuschauer wird zur Reflektion, zur Analyse gezwungen.

"Hier und anderswo" ist somit auch nicht zwingend ein Film zweier Ortschaften, zweier politischer Blickrichtungen, sondern ein Film über den Film an sich. Der Kommentar Godards und Miéville referiert immer wieder über die Möglichkeiten des Dokumentarmaterials, über Schnitt- und Gestaltungsentscheide und über unsere Rezipientenhaltung. Ein Film, der sich und seine Macher hinterfragt und uns in unserem Umgang mit dem Medium, mit den Bildern, den Paradoxen von dem "hier" und dem "anderswo" differenzierter handeln zu lassen.