Originaltitel: Hapax Legomena I – Nostalgia. USA, 1971. Regie: Hollis Frampton. Sprecher: Michael Snow. Schwarzweiß. 36 Min.
Framptons erster Film in seiner "Hapax Legomena"-Reihe "Nostalgia" ist trotz seines strukturellen Charakters ein intimer, autobiographischer, sogar gewissermaßen humorvoller Diskurs über Erinnerungen und ihrer unrepräsentativen Qualität. In "Nostalgia" verbrennt Frampton eine ganze Serie seiner biographischen Erinnerungen in Form von Fotos, die er einst schoss.
Für die statischen Kameraaufnahmen, die minutenlang beobachten, wie jedes der Zeitdokumente über der heißen Kochplatte zerfällt, schrieb Frampton einen Voiceovertext nieder, der seine Beziehung zu dem Foto, seinem Inhalt und über dessen Stellenwert über all die Jahre hinweg erläutert. Er berichtet von Menschen, die auf den Fotos zu sehen sind. Er teilt uns sogar mit, wie ihre gemeinsame Beziehung bis zum heutigen Tag verlaufen ist. Doch diese artikulierte Reflektion soll nicht der Intensivierung des sentimentalen Charakters des Filmbildes dienen, sondern viel eher der Distanzierung: So spricht Frampton den Voiceover nicht selbst ein, sondern lässt Michael Snow ein Manuskript in Ichform nüchtern ablesen. Framptons Identität mit all ihren Erinnerungen und Emotionen, die etwa noch an den Fotos haften, werden so umgedreht und ad absurdum geführt. Höhepunkt dessen ist eine Textpassage, in der Snow vorliest, wie sich Frampton bei Snow selber für eine Fotografie entschuldigt, auf der Snow schlecht getroffen wäre.
Darüber hinaus legt sich der Voiceover nicht über das passende Bild, sondern ist um genau eine Passage versetzt. So wird immer das nächste Bild beschrieben, während wir das visuelle Echo des Voiceovers sehen. So eliminiert Frampton auch jegliche Spannung aus dem eh trägen Tempo von "Nostalgia". Wir wissen bereits, wie das nachfolgende Bild aussehen wird, noch bevor es uns visuell präsentiert wird. Dass hier die Beschreibung und die Präsentation auch voneinander separiert werden, lässt jegliche Nostalgie, jegliche Sentimentalität außen vor.
Wie schon in "Zorn's Lemma" stellt "Nostalgia" eine Lösbarkeit zwischen Ton und Bild dar. Hier negieren sich Ton und Bild sogar gegenseitig, da es keine synchrone Sukzession von Ton und Bild gibt. Bedeutung und Verständlichkeit werden aus den singulären Filmaufnahmen nahezu ausradiert, erst im Ganzen erkennen wir die Beziehungen der gesprochenen Texte zu den Bildern. Eine Einstellung, die ja sowohl Beziehungen zur Zukunft, zur Vergangenheit, als auch zur Gegenwart pflegt, sofort zu erfassen, scheint bei diesem Meisterwerk nahezu unmöglich. Und doch wird Framptons Aussage klar. Sein strukturalistischer Ansatz, die Materialbeschaffenheit des Films filmisch herauszustellen und somit hier über Einzelbilder, Zeit und dem Wechselverhältnis Ton und Bild zu berichten und nachzudenken, bleibt dem aufmerksamen Zuschauer nicht verschlossen, sondern bietet mit Sicherheit genug Stoff für Diskussionen über Film. Völlig unsentimental natürlich.