"Asphalt-Cowboy" war 1969 eine Sensation. Ein Film aus dem New-Hollywood-Umfeld, der zudem auch noch ein X-Rating erhielt, eine Altersfreigabe, die sonst nur Pornos bekamen, der einen Academy Award bekam. Nicht ganz zu Unrecht – und doch gab es Stimmen des Protestes. Insbesondere aus dem Undergroundumfeld von Andy Warhol, das man für die Factory-Szene in dem Film vor die Kamera zog. Für jene Partysequenz drehte John Schlesinger mit Paul Morrissey, Taylor Mead, Viva, Paul Jabara, International Velvet und anderen Superstars aus der Warhol-Factory. Jedoch waren die Warhol-Zöglinge enttäuscht von ihrer geringen Beteiligung in dem Schlesinger-Film. Daraus entstand der ernsthafte Wunsch, ein Konkurrenzprodukt zu "Asphalt-Cowboy" zu produzieren. Warhol gab seinen Segen und seinen Namen als Produzent, lag aber während der gesamten Dreharbeiten im Krankenhaus, sich von den Schüssen Valerie Solanis' erholte. Der Underground-Regisseur Paul Morrissey, der dem Großmeister bereits bei "The Chelsea Girls" assistierte, übernahm die Regie.

So entstand also "Flesh", ebenfalls ein Porträt einer männlichen Prostituierten, wie schon in "Asphalt-Cowboy". Der Hauptdarsteller, das Sexsymbol Joe Dallesandro spielt einen ähnlich naiv-charismatischen, jungen Mann, wie Jon Voight in dem Vorbildfilm. Jedoch mit einer gänzlich anderen Motivation. Joe geht auf den Schwulenstrich, um der lesbischen Geliebten seiner Freundin eine Abtreibung zu finanzieren. Sein Alltag wird von der meist statischen Kamera Morrisseys dokumentiert. Joe trifft auf Transvestiten, die durch Modemagazine blättern, alternde Künstler, die ihre Homosexualität zu verbergen versuchen und auf eine Stripteasetänzerin, die mit ihm über ihre Brüste spricht. Andere männliche Prostituierte sehen zu Joe auf, da er Erfahrung und Routine besitzt. Wenn er zwei jugendlichen Kollegen im Park einen Vortrag über "being straight" hält, ist jener Monolog eine der stärksten Szenen in "Flesh".

Doch in "Flesh" geht es gar nicht so sehr um den Plot, sondern mehr um die formellen Vorgaben des Films. Denn dieser weist sich als der konsequentere Film im Vergleich zu Schlesingers "Asphalt-Cowboy" aus. Morrissey ist der Dompteur der filmischen Ellipse: Nicht nur, wie sich die Sequenzen an sich fügen, sondern auch wie die einzelnen Einstellungen innerhalb einer Sequenz aufeinander geschnitten sind, wirken elliptisch. Morrissey nutzt den seit Godards "Außer Atem" zum Stilmittel veredelten jump-cut, allerdings hier auch auf einer tonalen Ebene. Ganze Sätze und Dialoge werden durch den harschen Schnitt abgebrochen und zur Nichtigkeit degradiert. Wichtiger als die gesprochenen Worte der Darsteller, scheint hier der kratzige Tonsprung, der nahezu bei jedem jump-cut das Trommelfell beglückt. Gerade jene bewusste Inszenierung von formalen Mängeln lässt "Flesh" wie eine Superstar-Dokumentation Warhols im "The Chelsea Girls"-Stil aussehen. Wir sind unmittelbar beim Geschehen dabei. Wenn mal die alte Bolexkamera ihren Geist aufgibt, dann wird das nicht durch filmakademische Retusche kaschiert, sondern jene vermeintlichen Filmfehler werden exponiert und zelebriert. Dadurch fügt sich der Zuschauer in eine simple Beobachterrolle hinter der Kamera ein.

Der Zuschauer als Beobachter, die Darsteller als ungeschminkte Wahrheit vor der Kamera. Und jener Umstand macht den Film so sympathisch, so gewinnend. Den handelnden Figuren vor der Bolex geht jegliche Inszeniertheit ab. Die Dialoge sind improvisiert, die Nacktheit ohne jegliche Tabus. So bekam "Flesh" auch den Ruf, der erste nicht-pornographische Film zu sein, der eine Erektion beinhalten würde, zu sein. Ja, "Flesh" zeigt viel Fleisch. Und besonders viel von dem großartigen Joe Dallesandro. Seine autobiographische Rolle ist konzeptionell wunderbar angelegt: Eine Sex-Ikone, die in jeglicher sozialen Begegnung, sei sie freundschaftlicher, liebevoller oder gar zufälliger Natur, zu einem (meist nackten) Objekt der Begierde wird. Nur in den stummen Aufnahmen, die Joe mit seinem Baby zeigen, werden wir Zeuge einer Beziehung zu ihm, die nicht auf Lust basiert.

Genauso nackt wie Joe Dallesandro ist der Film an sich. Frei von den Klischees, frei von den Tabus, frei von jeglichem narrativen oder formalen "Muss". Frei von Hollywood, eher der Gegenkultur verschrieben. Wenn es einen wahrlich nackten Film gibt, der sich seinem Thema direkt und unverfälscht näherte, dann ist es dieser. Ein kleines Meisterwerk, das sich von allen überflüssigen, chicen Stoffen abschüttelt und einfach nur das ist, was es ist: Ein eindringliches Porträt einer männlichen Prostituierten.