Originaltitel: Flaming Creatures. USA, 1963. Regie: Jack Smith. Kamera: Jack Smith. Darsteller: Francis Francine, Sheila Bick, Joel Markman, Mario Montez, Arnold Rockwood, Judith Malina, Marian Zazeela. Schwarzweiß. 43 Min.
"Ali Baba comes to town" - dennoch erwartet uns keine exotische Abenteuergeschichte aus Tausend und einer Nacht. Oder eben doch. Wenn man Räuber, Heldentum, Schätze und Prinzessinnen mit Vampiren, Analverkehr und Transvestiten austauscht. Die arabische Legende wird mit homosexueller Energie penetriert und scheint nur durch aufreizende, schwule Tänze und Posen zu existieren. Die "flammenden Kreaturen" sind voller tierischer Lust, voller Exzess. Wild fallen sie übereinander her, enthüllen ihr wahres Geschlecht unter den fraulichen Kleidern. Die Transvestie wird enthüllt und in Großaufnahme in die Kamera gehalten. Durch die offenkundige Ablichtung von Penissen in diesem wilden Spaßfilm beschuldigten Zensoren in Amerika den Avantgardisten und Performancekünstler Jack Smith, mit "Flaming Creatures" einen minderwertigen Schwulenporno gedreht zu haben – und verboten das Werk.
So entstand der erste Underground-Film überhaupt. Mit "Flaming Creatures" entstand das Camp-Genre im Kontext von Pop-Art und Pop-Kultur. Jack Smiths feucht-fröhliche Studie über instinktive Lustbefriedigung in einer Zeit in der Rollen, Geschlechter und Tabus keinerlei Relevanz hatten, kombiniert schockierende, pornographische Szenen von sexueller Offenheit mit Poptunes á la "Be-Bop-A-Lula". Smith war fasziniert von dem Dragstar Mario Montez, den, beziehungsweise die er als Hauptfigur für seinen lüsternen Film haben wollte. Und so kann "Flaming Creatures" auch durchaus als subjektive, unkontrollierte Liebeserklärung an den Transvestiten gelesen werden.
Smiths 16mm-Kamera wurde mit schlecht gelagertem Filmmaterial gefüttert; gedreht wurde auf dem Dach eines Studios, während die Sonne viel zu helle Lichtstrahlen abgab, so dass das Bild zu einem überbelichteten, grießligen, verwaschenen Echobild verkam und "Flaming Creatures" seinen ganz besonderen Look gibt. So, als wäre der Film vor tausenden Jahren von den Männern Ali Babas im Wüstensand vergraben und erst jetzt wieder entdeckt worden. Das Filmen entstand aus wilder, orgiastischer Improvisation. Die Kamera dreht und wackelt synchron zu den Akteuren in aufgeregter Wollüstigkeit. Doch dann wird das unkontrollierbare Happening der sexuellen Übergriffe unterbrochen: Vorgeplante Aufnahmen von fallenden Blüten beispielsweise stellen sich ruhig zwischen den rohen Moment-Lichtbilder, die sich das Verwischen aller Sexualitäten zum Auftrag gemacht haben – geben dem sonst so aggressiv-sexuellen Film eine lyrische, poetische Note; fügen dem wilden Eros so etwas wie ein verständnisvolles, ruhiges Gegengewicht hinzu. Somit legitimiert Smith aber auch die homosexuellen Neigungen seiner selbst und seiner Darsteller zu etwas akzeptablen Urromantischen, nicht nur zum Zweck der spontanen Befriedigung.
Doch "Flaming Creatures" ist auch ein Film über den Reiz der Unklarheit. Die Männer verdecken ihr Geschlecht unter Make-up, Lippenstift und Kleidern – machen sich zur Frau. Erst bei der Enthüllung ihrer Lenden kommt es für ihren sexuellen Gegenpart zur homosexuell-erfreulichen Entdeckung. Eine ähnliche Unklarheit kreiert Smith durch seine unbodenständige Kameraführung. Selten steht die Kamera ihren Akteuren auf Augenhöhe gegenüber, viel eher umkreist sie sie in unmöglichen Zirkeln – vertikal und horizontal. Sie lässt das Zeigen von wichtigen Körperpartien aus, recht oft sogar das Gesicht. Es entsteht ein wildes Spektakel aus abgefilmten Körpern und Gliedmaßen, ob sie liegen, fallen, stehen ist unklar. Wenn am Ende der ersten Orgienszene die Kamera sogar ein Erdbeben simuliert, ist die räumliche Darstellung der Kamera vollends demontiert.
"Flaming Creatures" ist Jack Smiths wichtigstes und bestes Werk. Ein Experimentalfilm voller Symbole und Genitalien – Poesie und Klamotte zugleich, und somit campy Pop-Art über Fleisch und Lust und über Kamera und Musik. Eine vibrierende Studie voller Brustwarzen, Lustschreie und schlaffen Penissen.