Originaltitel: Five Filosophical Fables. Japan, 1967. Regie: Donald Richie. Drehbuch: Donald Richie. Produktion: Donald Richie. Kamera: Makoto Yamaguchi. Schnitt: Donald Richie. Musik: Donald Richie. Darsteller: Hiroyasu Sasaki, Jiro Yagi, Miiko Kiinjo, Rari Mitsuhashi, Teiji Endo. Schwarzweiß. 47 Min.
Fünf philosophische Fabeln über die Objektivierung des Menschen und anderen Humanismus: In Fabel Nummer Eins sehen wir zwei junge Japaner, die um ein und dieselbe Frau werben. Doch ihr aggressives Buhlen wird von der Frau nur mit Gleichgültigkeit begegnet. Das fast manische Verlangen nach dem Körper der Frau führt die beiden Männer zu einer persönlichen Fehde, bei der die Position der Frau zunehmend irrelevanter wird. Hat ein Mann für kurze Zeit die Überhand bekommen, wird sie wie ein Beutetier willenlos von ihm hinter such hergeschleift. Aus Angst vor der physischen Überlegenheit seines Kontrahenten versteckt sich einer der Männer in einem weißen Stoffsack. Sein Versteck wird zur Falle: Er kann sich aus dem Sack nicht mehr befreien und resigniert.
In der zweiten, feministischen Fabel sehen wir ein weiteres Schicksal einer Frau, die hier noch immenser auf ihre Qualitäten als Sexobjekt reduziert wird. Eine Art Hinterhof-Frankenstein zimmert sich eine künstliche Frau, die fortan als Liebesdame für ihn dienen soll. Doch das künstliche Wesen nimmt zunehmend menschliche Züge an. Die marode Behausung auf einem Hinterhof wird von ihr sauber gehalten und gepflegt. Die ständigen, uneinvernehmlichen, sexuellen Übergriffe ihres Schöpfers schüren ihren Hass, den sie letzten Endes sogar gewalttätig zum Ausbruch bringen will. Doch die maschinell geforderte Lust wird dem Mann noch vor einem Mordversuch zum Verhängnis. Fortan kann der Mann sich nicht fortbewegen, ohne rhythmische Beckenstöße auszuüben. Die unkontrollierbaren, anstößigen Bewegungen überkommen ihn in aller Öffentlichkeit und machen ihn gesellschaftsunfähig. Sogar ein Selbstmordversuch misslingt durch diesen Tick. Diese Fabel erinnert an die enorme physische Kontrolle, die die Frau über den unbefriedigten Mann haben kann.
Eine Fabel von erschreckend kannibalistischer Natur ist die dritte: Vier Leute, drei Männer und eine Frau suchen sich eine entzückende Waldlichtung für ein gemeinsames Picknick aus. Das Mahl besteht jedoch aus dem dritten Mann, der sich bereitwillig auf die Decke legt, seinen Oberkörper entblößt, so dass der adrette Ältere der Gruppe ihn korrekt anschneiden kann. Folgend besteht das Picknick aus einem unglaublichen Verspeisen seiner Innereien, seines Fleisches, aus dem Abnagen seiner Finger und dem Herausreißen von Fleischteilen aus seinem Fuße. Nach einem kurzen Nickerchen sammeln die Männer den Toten, von dem nur noch Knochen übrig sind, ein und beginnen den Nachhauseweg. War die selbstsüchtige Nutzbarkeit des menschlichen Wesens in den ersten beiden Episoden sexueller Natur, geht es hier erstmals um eine perverse Abwandlung der Ausbeutung eines objektivierten Menschen.
Fabel Vier ist ein komplexes Spiel mit Andersartigkeit: Ein Mann ist nicht in der Lage sich auf seinen Beinen fortzubewegen. Schwindel und Unkoordination überfallen ihn, wenn er auf seinen zwei Beinen steht. Er bewältigt sein gesamtes Leben im Handstand. Das ganze Leben passiert für ihn auf dem Kopf: Selbst wenn er sich an einen Baum lehnt, um eine Cola zu genießen oder wenn er sich auf einer Parkbank niederlässt, so tut er dies verkehrt herum, mit dem Kopf zum Erdboden geneigt. Der Mann beginnt um die Gunst einer jungen Dame zu buhlen, die sich interessiert zeigt. Doch die oppositionelle Verwendung ihrer Extremitäten führt zu Schwierigkeiten. Erst als die Frau beschließt, ebenfalls fortan auf ihren Händen durch die Welt zu gehen, ist das Paar bereit gemeinsam diesen Weg zu bestreiten.
In der letzten Fabel beobachten wir einen Japaner, der auf einer westlichen Stehparty das sprichwörtlich "fünfte Rad am Wagen" zu sein scheint. Die geladenen Gäste scheren sich jeweils nur für eine kurze Zeit um den Außenseiter. In rascher Abfolge bitten ihn diverse weibliche Gäste um seine Kleidungsstücke, die er bereitwillig abgibt. Schließlich steht der Mann vollends nackt herum. Er entledigt sich schließlich auch seiner Socken und seiner Uhr, macht sich also frei von jeglichen gesellschaftlichen Objekten, die zu Akzeptanz oder Nichtakzeptanz innerhalb dieser Kreise führen könnten, und beginnt hinaus in die Welt zu laufen. Er scheint erstmals frei und ist mit Abstand die glücklichste und menschlichste Figur in Richies Reigen. Am Ende kommt der Nackte sogar an dem Stoffsack aus der ersten Fabel vorbei, den er hilfsbereit aufknöpft.
Es ist nicht überraschend, dass "Five Filosophical Fables" zu einem Lieblingsfilm für den japanischen Schriftsteller Yukio Mishima wurde. Der in der Tat philosophische Film setzt sich mit vielen modernen, angeblich zivilisierten Fragen der Menschlichkeit in Japan auseinander und zeigt eine Welt voller Vorurteile, Extreme und Missverständnisse. Dabei ist der Film weniger experimentell als andere Arbeiten von Donald Richie: Zwar verlässt sich auch hier Richie nicht auf Dialoge, doch sind die restlichen Filmmittel, wie etwa der Schnitt erstaunlich "normal". Vermutlich ist so eine zugänglichere Form jedoch die Effektivste, wenn Richie hier Aussagen über das Japan und seiner Bevölkerung machen möchte. Einfache, nahezu pointierte Vermittlung zivilisationskritischer Themen in einem wunderbaren Avantgardefilm.