Wenn das Premierenpublikum nach Genuss eines surrealistischen Filmes den Regisseur versucht, zu lynchen, so ist dies meist Indiz für ein vollkommen gelungenes Werk. So geschehen bei dem Filmfestival von Acapulco, dem Filmemacher Alejandro Jodorowsky, der sich zuvor mit radikalen Theaterinszenierungen befasste, nur knapp lebendig entkommen konnte. Seitdem ist "Fando and Lis" ein Skandalfilm, ein in Mexiko verbotenes Werk, bizarr, gewalttätig, mit vielen Gerüchten und Märchen behaftet.

Die Figuren Fando und Lis löste Jodorowsky aus einem Theaterstück von Fernando Arrabal, das er bereits für die Bühne inszenierte, heraus und kreierte aus der Erinnerung daran seine eigene Version der Geschichte des Liebespaares. "Fando and Lis" ist ein Roadmovie, ein surrealer Streifen über die quasi ziellose Reise des Pärchens auf der Suche nach der verzauberten Stadt Tar. Ihr Weg führt sie durch Müllberge und Geröllwüsten. Ihre Reise wird durch die körperliche Behinderung Lis' erschwierigt: Lis ist gelähmt, verspricht sich Heilung von der Magischen Kraft der Stadt Tar und muss von Fando entweder getragen oder auf einem Karren gefahren werden. Fandos körperliche Limitation hingegen ist seine Impotenz. Auf ihrem Weg begegnen sie den eigenartigsten Dingen, Wesen, Menschen. Kein traditionelles Erzählkino, sondern ein blutiger Staffellauf von Bizarrerie zu Bizarrerie.

Jeder Tropfen Blut, sei echt, sagte Jodorowsky über die Gewaltszenen in "Fando and Lis". Ob man ihm die Legende abnimmt, oder nicht, "Fando and Lis" ist ein gewalttätiger, schockierender Film. Und das nicht, weil alte Wüstenvampire der irritierten Lis Blut abzapfen um das dann aus einem Weinglas zu genießen oder es diverse Begräbnisse von einverstandenen Lebendigen gibt, sondern eher, weil Jodorowskys Titelpaar seine eigenen Auseinandersetzungen hat. Sie streiten sich, trennen sich, kommen wieder zusammen. Und Fando wird gerne höchst gewalttätig gegenüber seiner eingeschränkten Freundin. Gegen Mitte schleift er die wehrlose Frau über steinige Berge, am Ende des Films ist einer von beiden tot und der Kadaver wird von Dorfbewohnern gegessen.

Die Symbole, die Jodorowsky einfängt, sind visuell ein Genuss: Ein Mann sitzt an einem brennenden Piano, mitten in der Wüste und musiziert (ein direkter Verweis an Salvador Dalí). Fando und Lis schreiben sich ihre Namen gegenseitig auf den anderen, nackten Körper und beschmieren ihre gesamte Wohnung mit der Flüssigkeit. Eine Gruppe von Transvestiten verführt das Paar zu einem Geschlechtswechsel und kleidet Lis männlich und Fando wird zu einer Drag-Queen. Beide handeln in den darauf folgenden Liebkosungen gemäß den geschlechtlichen Stereotypen, die sie jetzt verkörpern. Drei alte Damen spielen Karten, setzen statt Geld allerdings Pfirsiche. Die Gewinnerin darf sich mit einem jungen Gigolo beglücken. Ein Mann reißt eine künstliche Vagina in eine Babypuppe und lässt kleine Würmer in sie hineinschlängeln. Lis hingegen gebiert in der Wüste viele kleine Schweinebabies.

Oft wird Jodorowskys Surrealismus mit dem von Luis Buñuel verglichen. Der Vergleich hinkt. Geht man auf den wohl größten und pursten Film der surrealistischen Bewegung zurück, nämlich "Der andalusische Hund", dann kann man Jodorowskys Sinn für Surrealismus eher mit der schockierenden und provozierenden (und somit gleichermaßen für ein größeres Publikum interessanteren) Bildern von Salvador Dalí, als mit den eher formellen, introvertierten Arbeiten Buñuels vergleichen. Obwohl Jodorowsky selber ein Schüler Antonin Artauds war, liebt der chilenische Regisseur den symbolträchtigen Surrealismus des Gewalttätigen und Perversen. Die Unterscheidung muss gemacht werden – allerdings ohne jegliche Ab- oder Aufwertung für eine der Ausdrucksformen.

Denn dennoch ist "Fando and Lis" kein Film für Jedermann. Allein die lose Story, die Platz auf einem einzigen Blatt Papier fand und nur hektisch an Wochenenden verfilmt wurde, tendiert dazu, ein Mainstreampublikum abzuschrecken. Wenn Jodorowsky davon spricht, dass das Filmen von "Fando and Lis" ein urgewaltiger "Akt" der "Kunst" gewesen sei, so kann man ihm durchaus Recht geben, insofern, als dass sich der Regisseur bei den Dreharbeiten sicherlich kein Zielpublikum für seine allegorischen Fantasien zwischen Dalí und Dante ausmalte, sondern den Film allein auf seine Vorstellungen von Kunst ausrichtete. Dies muss als Erfolg gewertet werden, ist "Fando and Lis" doch ein eindrucksvoller, faszinierender Film über eine Lebensaufgabe, die zum Scheitern verurteilt ist. Die Suche nach Glück und Heilung stürzt die beiden Helden jedoch in Tod und Trauer. Obwohl inhaltlich schwer auszumachen, gibt es diesen lebensphilosophischen Subtext in "Fando and Lis" – und so kann man das Debüt als technisch, inhaltlich und visuell durch und durch gelungen bezeichnen.