Jean-Luc Godard wollte Revolution. Sowohl im Politischen, wie im Film. Das "Ende des Kinos", das war sein letzter Film, den er "Week End" nannte. Auf den Schrottplatz mit dem bürgerlichen Film also. Völlig abgewandt und voller "Verachtung" für das bourgeoise Kino, wollte Godard nun viel radikalere Ideen für seine Werke umsetzen. Als ersten Film jenseits seiner romantischen Phase sollte er einen Protestfilm über die restriktiven Abtreibungsgesetze in Englang drehen. Doch kaum auf der Insel angekommen, wurden jene Gesetze gelockert und sein Film wurde unnötig. Seinen Auftraggebern schlug Godard vor, dennoch in Großbritannien zu bleiben und zu drehen, wenn er die Möglichkeit bekäme, einen Film entweder mit den Beatles oder mit den Rolling Stones drehen zu dürfen. Die Beatles lehnten ab, die Rolling Stones, die sich als Fans Godards bekannten, sagten zu.

Und so kam es, dass Godard den Stones beim Songschreiben über die Schulter gucken durfte. Und so kam es auch, dass Godard einen Film namens "Eins plus Eins" drehte. "Eins plus Eins", weil dies ein Film über das Addieren war. So wie ein Kind einen Bauklotz mit dem anderen kombiniert, bis aus einigen Einzelteilen ein imposanter Turm entsteht, bauen sich hier die Stones ihre legendäre Hymne "Sympathy for the Devil" zusammen. Zuerst nur eine Idee, ein Akkord auf der Gitarre Mick Jaggers, später ein fantastischer Rocksong mit einer vielschichtigen Rhythmussektion durch Schlagzeug und Percussions und einem unvergesslichen Background-Chor. Das Entwickeln, Üben und Perfektionieren eines Rock-Klassikers ist hier: Revolution.

Denn gleichzeitig zeigt Godard die Zusammensetzung für eine gesellschaftlichere Revolution, Godards filmische Antwort auf den Pariser Mai 1968. Er zeigt, wie die Jugend Parolen auf Wände sprühen. "Cinemarx" liest man hier, "Marx = Art" dort. Und, wie die Black-Power-Bewegung sich organisiert und versteht. Nicht etwa in dokumentarischem Material, sondern in polemischen und allegorischen Spielszenen, in denen die schwarzen Radikalisten weiße Jungfrauen hinrichten und auf einem Autofriedhof ihre Revolution planen. In einem Buchladen, der pornographische Literatur neben Comics verkauft, werden die Kunden mit Hitlergruß und Vorlesungen aus "Mein Kampf" unterhalten. Und in dem vergleichsweise hübschen Grün eines Waldes sehen wir ein Interview mit einer jungen Frau, die sich "Eve Democracy" nennt. Am Ende des Films begeht sie Suizid und wird mit Blut beschmiert von einem Kamerakran in den Himmel emporgehoben werden. Die Demokratie ist tot, die Revolution hat gesiegt. Und jede Stimme hat gezählt, jeder singuläre Beitrag hat einen Unterschied gemacht. Sowohl in der Musik, als auch in dem politischen Pamphlet auf der Leinwand.

Einmal soll Godard gesagt haben, "Eins plus Eins" sei nicht Zwei, sondern "Eins plus Eins". Ein Verweis auf die Relevanz des Konstrukts und dessen Einzelteile. Aber auch ein Hinweis darauf, wie wenig die "Zwei" als Summe mit ihrer Zusammensetzung zu tun hat. "Zwei" ist die Politisierung und der politischen Instrumentalisierung der Popkultur. Ist "Sympathy for the Devil" zunächst ein toller Popsong, ein Hitparadenstümmer. Ein Lied, das introvertierte Rockdenker und Tanzflächenstammgäste gleichermaßen gefiel. Doch es ist auch ein Lied von einem Mann, der sah, dass es "Zeit für einen Wechsel" war ("When I saw it was a time for a change"). Mick Jagger singt vom Töten des Zars, vom Blitzkrieg von dem Tod der Kennedys. Unweigerlich wird aus Pop Politik. Die Assoziation zwischen militanten Black-Power-Mitgliedern zu den Rolling Stones ist daher nicht zufällig. Welcher Song für Aufruhr in den Straßen gegen Kapitalismus und Korruption könnte treffender sein? "Zwei" ist die Subversivität, die der Song "Sympathy for the Devil" gleichermaßen innehat, wie der Film "Sympathy for the Devil", ein Alternativtitel für "Eins plus Eins".

"Eins plus Eins" ist eins der ersten Filmessays Godards und eben kein gefälliger Film über die Rolling Stones. Auch wenn man sich aus den Dokumentarszenen im Studio sicherlich interessante Erkenntnisse aus den Proben und dem Entstehen eines Rockklassikers destillieren kann, wird dies kaum unterstützt. Godard zeigt die Stones eigentlich nur dann, wenn sie ihre Musik spielen und vermeidet somit jegliche Anbiederung an die Personen, eine Distanzeliminierung, die Musikdokumentationen gerne vollführen. Godards Thema ist Godards Herangehensweise. Auch er politisiert die Stones, interessiert sich nicht einen Deut für deren Privatleben, deren Atmosphäre im Studio oder irgendetwas, das nicht mit dem Aufnahmeprozess von "Sympathy for the Devil" zu tun hat. Er macht sie zu Komplizen für seine Revolution, für seinen militanten Film. Denn Godard taucht selbst als wichtiges Einzelteil für die Gesamtheit der Revolution auf: Er verteilt in der finalen Sequenz Zigaretten und Kunstblut.

"Eins plus Eins" ist die Blaupause für "Revolution und Medien" und "Revolution in Medien" und dabei für Interessierte an Godards Schaffensweise höchst interessant – für Fans der Rolling Stones eher verstörend. Nach der Destruktion (des Kinos), nun die Konstruktion (der Revolution), die perfekte, filmische Schnittstelle zwischen Godards romantischer und radikal-linker Phase. Godard sollte radikaler werden, denn dies sollte für lang Zeit sein letzter Film werden, der im Kino lief.