Originaltitel: Sang d'un poète, Le. Frankreich, 1930. Regie: Jean Cocteau. Drehbuch: Jean Cocteau. Produktion: Le Vicomte de Noailles. Kamera: Georges Périnal. Schnitt: Jean Cocteau. Musik: Georges Auric. Darsteller: Enrique Rivero (Der Poet), Elizabeth Lee Miller (Die Statue), Pauline Carton, Odette Talazac, Jean Desbordes, Ferdinand Dichamps, Lucien Jager, Féral Benga, Barbette, Jean Cocteau. Schwarzweiß. 55 Min.
Ein Fabrikkamin gerät ins Straucheln, sackt in sich zusammen. Doch noch bevor die Bruchstücke des Schornsteins auf der Erde kollabieren, schneidet die Szenerie um, in ein völlig anderes Setting. Fünfzig Minuten später schneidet der Film wieder zurück zum Geschehen. Erst jetzt werden wir Zeuge, wie die Kaminteile tösend den Erdboden berühren, zerbrechen und dabei eine Menge Staub aufwirbeln. Realistisch gesehen vergeht zwischen diesen beiden Sequenzen höchstens eine Sekunde. Ein Lidschlag. Und das, was innerhalb dieses sekundenkurzen Lidschlags, dieses Tagtraums, des Eindringen in das Unterbewusste und Wegdrehen vom Realistischen passiert, braucht fünfzig Minuten Leinwandzeit, und nennt sich "Das Blut eines Dichters".
Dieser Film ist der erste des Literaten Jean Cocteau. "Das Blut eines Dichters" kam erst zwei Jahre verspätet auf die Leinwände der Lichtspielhäuser, da die Produzenten von Cocteaus irrsinnigem Film eine ähnliche skandalöse Kontroverse wie bei Buñuels "Das goldene Zeitalter" befürchteten. Und auch wenn der Vergleich zu Buñuels Werken, insbesondere letzterem und "Un chien andalou" naheliegt, ist "Das Blut eines Dichters" kein Werk des Surrealismus. Wandten sich Buñuel und Dalí für den "andalusischen Hund" bewusst von jeglicher Rationalität, Botschaft und jeglichem Hintergrund ab, hat Cocteau hier durchaus etwas zu sagen. Er verzerrt nicht die Realität totalitär, sondern zeigt uns die Realität als Metapher für seine Geschichte dar. Für Cocteau selber ist es kein surrealistischer Film, es ist ein "realistischer Dokumentarfilm über unwirkliche Ereignisse".
Cocteaus Film an sich ist in vier Teile gegliedert. Zu Anfang sehen wir einen Poeten (Enrique Rivero) zu, wie er ein Bild malt. Gerade, als sich Besuch durch das Anklopfen an die Tür anmeldet, scheint das Gemälde ein erschreckendes Eigenleben zu entwickeln: Der Mund der Gezeichneten bewegt sich und formt Wörter. Erschreckt versucht der Poet den verselbstständigten Mund wegzuwischen. Es gelingt aber nur halbherzig: Zwar ist der Frauenmund aus dem Gemälde herausradiert, jedoch sitzen die Lippen in der Handfläche des Poeten fest. Zunächst fühlt sich der Poet gestört von dem überzähligen Mund an seinem Körper, entdeckt aber schnell, dass dieser durch Küsse und Liebkosungen durchaus seinen Zweck zur erotischen Stimulanz erfüllt. Schließlich überträgt er den Mund an eine Statue, der er dadurch Leben einhaucht. In dieser ersten Episode ist Cocteaus Absicht am Einfachsten herauszulesen: Die erschaffene Kunst verselbstständigt sich, und wird zum Lebenselixier rund um den Künstler. Wenn die Kunst erst einmal angefangen hat, "Kunst zu sein", ist sie unaufhaltbar - selbst ihr Erschaffer ist ihr unterlegen.
Im zweiten Part vollführt der Poet einen gewagten Sprung durch einen Spiegel. Cocteau täuscht durch simple Tricktechnik unser Auge. Der Poet taucht in ein Wasserbassin ein, dessen Inhalt effektvoll herausspritzt, nicht in das kalte Glas eines Spiegels. Auch ist dieser sicher nicht vertikal aufgehangen. Vielmehr blickt die Kamera von der Decke herab, und beobachtet, wie der Schauspieler nur nachgibt, und sich in das Becken plumpsen lässt. So einfach, die Ausführung, so wirksam ist die kurze Szene auf der Leinwand. Von nun an wird die Logik, besonders die der Zeit und des Raumes verabschiedet. Der Poet krabbelt neugierig über mehrere Hoteltüren herüber, und luchst durch die Schlüssellöcher. Hier spielen sich eigenartige Szenen ab: Ein mexikanisches Erschießungskommando richtet einen Landsmann hin, der in Zeitlupe fällt, wieder aufsteht, und von neuem, in korrekter Geschwindigkeit erschossen wird. In einem anderen Zimmer setzt die Tochter einer strengen Mutter die Naturgesetze außer Kraft und krabbelt entgegen aller physikalischen Richtigkeiten über Wände und Decken. Als der Poet den Irrsinn nicht mehr erträgt, reicht ihm eine körperlose Hand aus dem Nichts eine Pistole. Er erschießt sich, stirbt aber nicht, sondern wird zum Christus mit Dornenkrone. Als er in sein Zuhause zurückkehrt, zerstört der die Statue aus der ersten Episode, und wird selber zu einer Statue.
Im dritten Part tollen mehrere Jungen um die Statue des Poeten herum, bewerfen sich mit Schneebällen. Das kindische Treiben wird jedoch nicht verniedlicht oder spielerisch gutherzig gezeigt, sondern endet in Destruktion und Mord. Erst wird die Statue des Poeten zerstört, dann wird ein Junge Opfer eines Schneeballwurfs; er stirbt blutig im Schnee. Als ein fein gekleideter Mann eine Spielkarte aus dem Anzug des Jungen herausfischt, um seine Spielpartnerin, eine junge Dame, zu betrügen, befinden wir uns bereits inmitten der vierten Episode von "Das Blut eines Dichters". Der junge Mann ist in der Tat der Poet, der hier in einer großen, hellen Halle das Kartenspiel vollführt, beobachtet von der High Society, die von den Logen herab applaudiert. Unterbrochen wird das Spiel durch das Auftauchen eines schwarzhäutigen Engels, der dem Poeten sein rettendes As - die Karte, die er dem toten Körper entnommen hatte - wieder abnimmt. Der Poet erschießt sich, und die Frau entpuppt sich als Statue aus den ersten beiden Episoden.
Am Ende stirbt der Poet, der Künstler dann doch durch Selbstmord. Sein Publikum, die Logengäste jubilieren und beklatschen den Abgang des Künstlers. Wieder reflektiert Cocteau hier über die Beziehung zwischen Künstler, seiner Kunst und dem Publikum. Dass der Poet zwischenzeitlich selbst zur Kunst wird, nämlich zu dem Produkt seiner selbst, zu der Statue, weist darauf hin, dass Cocteau hiermit über die Kunst der Selbstinszenierung als Person öffentlichen Interesses berichtet. Sowieso ist "Das Blut eines Dichters" voll von Symbolen, Metaphern und Ideen, die den Zuschauer immer wieder über eine Art Wechselspiel zwischen dem Erschaffer, dem Künstler und dem Erschaffenden, der Kunst an sich, und inwiefern der Künstler von seinem Werk angetan ist.
"Das Blut eines Dichters" ist so zu deuten, oder auch gänzlich als filmisch hervorragende Irrfahrt durch das Irreale zu sehen. Es ist einer jener Filme, die nicht erzählen, sondern die Bilder zeigen, die man erlebt. Die Sprengung des Schornsteinturms an den beiden Polen des Films steht auch sinnbildlich für die Sprengung von Raum- und Zeit. Cocteaus Debüt ist demnach inhaltlich bewusst komplex aufgebaut, fordert zu Interpretationen und Lesungen auf, während formal der Film eine leichte, wie auch hübsche Spezialeffektübung sein dürfte. In allen Belangen mit Sicherheit jedoch eins: Ein Meisterwerk aus einer Zeit, in der Kino nicht bloß unterhalten musste, sondern Kunst, Ausdrucksform in Reinform war, ohne auf Konventionen wie eine stringente Erzählung und publikumswirksame Artefakte vorweisen zu müssen.