Originaltitel: Chronopolis. Frankreich/Polen, 1982. Regie: Piotr Kamler. Drehbuch: Piotr Kamler, Gabrielle Althen. Kamera: Piotr Kamler. Schnitt: Michèle Peju. Musik: Lzc Ferrari. Farbe. 67 Min.



 

 


 

"Chronopolis" sei ein Film, vor dem unsere "Sprache kapitulieren" müsse, so sagte es Peter Gaschler. Ja, Piotr Kamlers fantastischer Animationsfilm "Chronopolis" ist ein bezauberndes, unfassbares und einzigartiges Werk von universeller Faszination. Nahezu unbeschreiblich. Eines jener seltenen Filmexperimente, die dem Zuschauer Einlass in ein völlig fremdes Universum des Seins, in einen parallelen Hort für realitätsferne, aber doch so viel mehr schillernde Existenzen gewährt. Einlass in "Chronopolis" jene faszinierende, technologisierte Stadt aus der Zukunft – oder aus der Vergangenheit. Die historische Ansiedlung wird nicht ausgelassen, eine Messbarkeit in Kamlers Fantasiewelt ist nur schlicht unmöglich: "Chronopolis" ist griechisch und bedeutet "Stadt der Zeit". Und hier leben Divinitäten, ägyptischen Pharaonen gleichend, die in ihrer Immortalität nur einen produktiven Zeitvertreib gefunden haben: Das kontinuierliche Kreieren von "Zeit". Und so wirkt die gesamte Stadt, in deren hohen Türmen und gigantischen Bauten die Herrscher über das Zeitkontinuum thronen, wie ein präzises Uhrenwerk: Wie Zahnräder ineinander greifen, scheint sich die Stadt zu bewegen. In immer wiederkehrenden, synchronen Wanderungen, während die oft farbgefilterten Kameras im Gleichschritt um die Hoheitsbauten umherschwenken. Und immer wieder schaukelt ein Lichtkegel über das Filmbild, ganz so, als wäre dies eine Reflektion eines spiegelnden Standuhrpendels.

Die verlorene Rasse scheint sich aus ihrer ewig währenden Vergnügungslosigkeit herauszulösen können, als eine ihrer kreierten Zeitereignisse, symbolisiert ein einem rosa Ball, aus der Linie ausschert und sich in einer Liebesbeziehung mit einem an seiner Monotonie scheiternden Menschen zusammentut. Die Ironie der Existenz der Chronopolis-Bewohner, selber, aufgrund der sich ständig wiederholenden Automatisierung der Handlungen, in einem déjà-vu gefangen zu sein, während sie auf künstliche Weise emotionsgeladene Momente im Zeitlauf herstellen, wird endlich aufgelöst: Die Verbindung Mensch/Zeitmoment führt zur Versteinerung Chronopolis'.

Fünf Jahre lang animierte Piotr Kamler Lehm, Ton, fabrizierte konstruierte Gebäude und nutzte Zeichen- und Puppentrick und filmte seine Werke mit einer 60 Jahre alten Kamera. Das Ergebnis ist diese intelligente und ungewöhnlichste aller animierten Science-Fiction-Geschichten. "Chronopolis" ist ein mesmerisierendes Filmerlebnis ohne Gleichen: Die vollkommen unwirklichen und unvergleichlichen Bildmotive erlauben eine extrem surreale Atmosphäre – stellenweise mag sich der Zuschauer dabei erwischen, wie er beim Starren auf die komplexen, befremdenden Vorgänge jenseits des Filmbildes fixiert und die bewegenden Bilder nahezu hypnotisiert wie einen Traum in sich aufnimmt, ohne noch die konkreten Frames erfassen zu können. Nur ein Meisterwerk wunderbarster Qualitäten kann diesen Effekt erzielen. Dabei ist es gerade bei Kamlers Epos wichtig, genau hinzuschauen, denn konkrete Erklärungen gibt es nur kurz innerhalb einer kurzen Voice-Over-Narration durch Ex-Bond-Bösewicht Michael Lonsdale, danach reduziert sich Kamlers Zauber für unser Sensorium auf seine spektakuläre Filmbilder und dem elektronischen Score von Luc Ferrari. Doch, alle Worte, die hier aufgewandt werden, um Kamlers imponierendes Kunststück zu beschreiben, sind wertlos. Das eingangs erwähnte Zitat hat so unendlich recht: Niemand wird annähernd verstehen, was für ein faszinierendes, umwerfendes, hypnotisches Filmerlebnis "Chronopolis" ist, ohne auch nur ein bewegtes Filmbild zu sehen. Und die Quintessenz daraus: "Chronopolis" ist einer der wenigen, so genannten "must-sees", ein rares Pflichtprogramm für jeden Filmfreund.