In der Hochzeitsnacht fragt die jungfräuliche Braut ihren Ehemann, mit wie vielen Frauen er bereits vor ihr zusammen war. Wo sexuelle Zusammenkünfte zu nicht mehr als statistisch erfasste Trophäen der eigenen Vergangenheit werden, denkt man leicht an das psychologisch simple Motiv des Machos als Jäger-und-Sammler im Revier des anderen Geschlechts. Der animalische, unkontrollierbare Trieb des Mannes steht im strikten Gegensatz zu der Lust der Frau – so ist es auch kein Wunder, das Susan sich verstandesmäßig bis zur Ehe aufgespart hat. Es ist ebenfalls kein Zufall, dass wir am Ende des Films einem Fallensteller im Wald begegnen, der mit seiner Bärenfalle die knapp bekleidete Mircalla zum Stillstand bringt, um sie zu vergewaltigen. Später wird dieser durch eine Schrotflinte kastriert. Diese Szene umreißt Arandas Film perfekt als gewalttätiger Geschlechterkampf.

In "The Blood Spattered Bride" geht es um die Angst der Jungfrau vor der brutalen, triebhaften Lust des Mannes, der keinerlei Rücksicht auf die empfindsame und in sich gezogene Frau nimmt. Schon zu Beginn wird diese Angst in einer Traumsequenz auf den Punkt gebracht: In einem billigen Hotelzimmer, das Schauplatz der Hochzeitsnacht werden soll, fantasiert sie sich einen brutalen Vergewaltiger daher, der ihr grob das Hochzeitskleid vom Leibe reißt. Das Zerreißen des weißen Kleides als Symbol für die genommene Unschuld erweist sich zwar nur als Traum – allerdings als derart intensiven und schrecklichen Traum, dass sich Susan bewegt fühlt, ihren Mann darum zu bitten, weiterzufahren und die Hochzeitsnacht erst am Ziel ihrer Reise, seinem Familienanwesen, zu vollziehen.

Doch im neuen Zuhause angekommen brechen Susans schlimmste Befürchtungen über sie hinein: Ihr Mann verlangt nicht nur pausenlos sexuelle Bedienung von seiner jungen Frau, sondern zerreißt in eben jener Hochzeitsnacht ihr heiliges Brautkleid auf die gleiche Weise wie der herbeihalluzinierte Vergewaltiger. Als sie sich wiederholt vor den Übergriffen ihres Mannes wehren muss, beginnt sie, brutale Träume zu haben, in denen eine uralte Ahnin seiner Sippe sie zum Mord an ihrem Ehemann anstiftet.

Brutale Mordfantasien, angedeuteter Lesbensex und ebenso subtiler Vampirismus. Was nach einem simplen Strickmuster für einen europäischen Horrorfilm klingt, ist hier allerdings wirklich dem Plot untergeordnet als andersherum. Susan als zentraler Charakter verkörpert den verletzlichen, jungfräulichen, zarten Frauenstereotyp: sexuell eher verängstigt und noch unerfahren, muss sie erst lernen, sich und ihre neue Umwelt zu verstehen, bevor sie sich auf ihren Ehemann einlassen kann. Dieser versteht aber ihre Zurückhaltung nicht – wird immer aggressiver darin, seinen Wunsch nach Sex deutlich zu machen. Susan rebelliert gegen den Patriarch, den sie zwar liebt, aber nicht verstehen kann, beziehungsweise will, indem sie sich meditativen Hobbys, wie zum Beispiel der Malerei zuwendet und sich fortwährend verweigert.

Die zweite Frau in Vicente Arandas Film ist Alexandra Bastedo als Carmille, beziehungsweise Mircalla. Ob sie aus echtem Fleisch und Blut ist oder ob sie wirklich nur eine schizophrene Fantasie Susans ist, wird nie ganz deutlich – Aranda nutzt hier auf clevere Weise unsere Neugier und Erwartungshaltung, um auf etwas ganz anderes zu lenken: Carmille wird als absurde Vampirfigur eingeführt, als lesbische Untote, die in das Schloss der Hauptfiguren kommt, um Susan zu verführen und ihren Ehemann zu töten. Bereits zuvor war Carmille in den äußerst niederträchtigen Traumszenen zu sehen, in denen sie Susan dazu verleitet, ihren Gatten zu erstechen. Carmilles Figur funktioniert hier allerdings eher als das überfeminine Gewissen Susans, und nicht als echte Filmfigur. Sie ist es, die Susan beeinflusst, sich von ihrem Ehemann abzuwenden, ihn gar zu töten, sich frei von seiner Dominanz zu machen, sich zu emanzipieren. Jegliche Form von Homosexualität oder Vampirismus wird lediglich angedeutet, nie graphisch dargestellt. Wir erwarten einen Vampir – und bekommen eine Frau, die sich möglicherweise wie einer verhält.

Die Geschichte basiert grob auf dem Roman "Carmilla" von Sheridan Le Fanu, der bereits oft als Vorlage für Vampir-Exploitation herhalten musste – und sorgt daher bei uns für gewisse Vorurteile. Es war dieser Roman, der zuvor Filme wie Dreyers "Vampyr – Der Traum des Allan Grey" oder Vadims "Und vor Lust zu sterben" inspirierte. Ähnlich wie der männliche, namenlose Hauptcharakter erwarten wir dadurch Sleaze und Erotik von der zweiten Hälfte von "The Blood Spattered Bride" – die wir hier nur in kleinen Häppchen und wenig voyeuristisch präsentiert bekommen. Die geschlossene Einheit, die das Figurenpärchen Susan/Carmilla am Ende des Films bildet, ist kaum erfassbar, für uns nur aus weiter Ferne beobachtbar – und keinesfalls eine Projektionsfläche für lesbische Erotikfantasien.

Am Ende sehen wir einem klassischen Horrorshowdown entgegen. Carmilla und Susan brechen aus. Die Männerwelt, die sie beide in ihrer Zweisamkeit nur als konspirative Bedrohung gegen die eigene Männlichkeit und gegen ihre Heterosexualität sehen konnten und sie einzeln nur als Lustobjekte benutzten, wird dahingemetzelt. Der Doktor, der das Misstrauen und die Eifersucht in dem Ehegatten erst weckte wird genauso umgebracht, wie der eingangs bereits erwähnte Jäger, der Carmilla vergewaltigen will. Doch es gibt kein Happyend für das feministische Powerduo.

"The Blood Spattered Bride" ist ein fantastischer, wundervoll fotografierter Geschlechterkampf, der das Unverständnis für das jeweilige Verhalten des Anderen, als Auslöser für Gewalt, Lüge und Verschwörung darstellt. Sex und Gewalt sind untrennbar miteinander verknüpft. Fast jede vermeintlich sexuelle Handlung wird mit einer gewalttätigen beantwortet. Bis zu dem Finale gibt es keinen eindeutig definierten Bösen – nichts ist Schwarz oder Weiß. Wenn sich der Film im Paratext als ein Film über eine Braut, die mit Blut bespritzt ist, beschreibt, dann ist das im Gesamtkontext nicht als exploitative Blutschmiererei infolge des Erstechens von Leibern zu verstehen, sondern als Bild für das blutige Durchstoßen des Jungfernhäutchens. Arandas Thriller ist kein Horror, keine billige Exploitation, sondern ein Drama über Geschlechterkampf, der Verbindung von Sex und Gewalt und Jungfräulichkeit.